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Vom Zauber unnützer schöner Dinge

Das Buch des Historikers Valentin Groebner ist eine Fundgrube an philosophischen Einsichten und Gedanken zum Thema «Aufheben, Wegwerfen. Vom Umgang mit schönen Dingen», die zum Sinnieren anregen.

Der Titel Aufheben, Wegwerfen. Vom Umgang mit schönen Dingen hat mich sofort angesprungen. Wer kennt nicht von Kind an die Ermahnungen der Eltern, das Zimmer aufzuräumen. Und wieviel sammelt sich in kurzer Zeit in der Wohnung an. Spätestens beim Umzug kommt das grosse Entrümpeln. Und wie ist es, wenn die Wohnung der Eltern geräumt werden muss – eine Erfahrung, die den Autor veranlasste, diesen Essay zu schreiben.

Das hübsch gestaltete Büchlein ist kein Praxishandbuch im Stil der Marie Kondo, das klare Anleitungen zum Aufräumen gibt. Das Intro und die sechs Kapitel enthalten philosophische Gedanken, historische Bezüge, persönliche Erfahrungen, Gespräche und Beobachtungen auch in Wohnräumen von Bekannten.

Die Menschen bewahren unnütze schöne Dinge auf, nicht wegen ihres materiellen Werts, sondern aus Freude am Sammeln. Groebner fragt sich, was denn den Zauber dieser Gegenstände und Bilder ausmacht, und wie sich das Verhältnis zwischen den Dingen und ihren Betrachtern über längere Zeiträume verändert. Dinge lassen sich nicht unbegrenzt vermehren, denn irgendeinmal ist die eigene Wohnung, der Keller und der Dachboden voll.

Seit dem Mittelalter erreichten verlockende Gegenstände wie Textilien, Parfums, Schmuckstücke, Gewürze aus dem Osten das christliche Europa – unter moralischen Ermahnungen durch die Prediger der Bettelorden. Der Waren- und Handelsverkehr nahm nach dem 15. Jahrhundert rasant zu und machte neuartige reizvolle Gegenstände massenhaft zugänglich. Fürsten und Könige legten sich Schatzkammern an, wo sie ihre Kostbarkeiten horteten oder zur Schau stellten, sowohl importierte Raritäten als auch vom Orient inspirierte Werke von geschickten Kunsthandwerkern.

Für seine Kunstkammer liess sich August der Starke vom Juwelier Johann Melchior Dinglinger 1701-1708 ein exotisches Kabinettstück herstellen: «Der Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Grossmoguls Aureng-Zeb». Grünes Gewölbe, Residenzschloss Dresden. Foto: Wikimedia Commons

Von einer genügsameren Vergangenheit, in die man zurückkehren könnte, wenn man nur wollte, schrieben auch die Philosophen der Neuzeit. Für Rousseau waren Luxuskonsum, Ungleichheit und Sklaverei untrennbar miteinander verbunden. Mahatma Ghandi schrieb 1909, die unersättliche Gier nach Luxusartikeln zerstöre die Gemeinschaft. Doch die heraufbeschworene gute alte Zeit, in der die Menschen mit dem zufrieden waren, was sie hatten, gab es nie. Es gab allerdings Phasen, etwa in der Wirtschaftskrise mit drastischen Einkommensverlusten, als die Armut zum unfreiwilligen Minimalismus führte, zu einer Sachlichkeit in Architektur und Kunst.

Mein eigener «Hausaltar» mit Erinnerungsstücken, die mich erfreuen. Foto: rv

Seine Schätze zu präsentieren hält bis heute an. In praktisch jeder Wohnung wird an zentraler Stelle ein Gegenstand oder ein Bild gezeigt, das für seine Besitzerin oder seinen Besitzer besondere Bedeutung hat und magisch aufgeladen ist, schreibt der Autor. Diese sorgfältig zusammengestellten bedeutungsvollen Dinge an den Wänden und auf den Ablageflächen sind eine Art Privataltar oder Schrein und schaffen eine besondere Atmosphäre in der eigenen Wohnung. Dabei geht es nicht um den Geldwert dieser Gegenstände, sondern um die Intensität der Wirkung auf die betreffende Person. Da diese emotional ist und als sehr persönlich empfunden wird, wird kaum darüber gesprochen.

Viele Objekte werden auch unsichtbar aufbewahrt. Geheimnisse, geschützt in Kartons oder Stoffbeuteln. Die magisch aufgeladenen Talismane und Glücksbringer in der Hosentasche werden immer wieder berührt. Die Kastanie in meiner Jackentasche erinnert mich an den letzten Aufenthalt in Innsbruck. Es ist, als ob man so «Verschwundenes wieder zurückbringen und die Zeit rückwärtslaufen lassen» würde, meint der Autor.

Alte Fotografien erzeugen ebenso einen Sog und faszinieren durch die vermeintlich stillgestellte Zeit. Dabei berichtet der Autor von seinen Erfahrungen mit dem Nachlass seiner Eltern, den er ordnen musste. Die unzähligen Kartons enthielten Briefe und Schwarzweissaufnahmen aus den 1940er Jahren vom Urlaub am Strand, auf dem Motorrad, von der Hochzeit, auch Passfotos von 1942, doch kein einziges Bild zeigt den Vater in Uniform mit einem Hakenkreuzabzeichen.

Sich von Büchern zu trennen, ist äusserst schwierig. Foto: rv

Auch wenn wir rational und vernünftig sind, glauben wir, dass Gegenstände, besonders Familienerbstücke, die Essenz einer Person annehmen. Wir bewahren sie nach ihrem Tod weiter auf und halten so die vermeintlich stillgestellte Zeit auf. Es macht grosse Mühe, sich von solchen Dingen zu trennen. Dazu zählen auch Bücher. Durch das Lesen der Texte oder weil sie Geschenke sind, wurde eine emotionale Bindung aufgebaut. In Büchern sieht Groebner auch magische Gegenstände, die «die etwas bedrohliche Welt draussen auf Abstand halten».

Fragen, wie muss ich das aufbewahren, mitunter auch ein schlechtes Gewissen, begleiten Entrümpelungsaktionen. Doch das Loslassen der Schätze im Werkhof, sorgfältig getrennt im Mülltrennungssystem, kann befreiend wirken. Ebenso die Freude über den neugeschaffenen Platz zu Hause. Doch die Freude ist kurz. Bald sind die Lücken wieder mit neuen Dingen gefüllt.

Valentin Groebner, Aufheben, Wegwerfen. Vom Umgang mit schönen Dingen. Konstanz University Press, Wallstein Verlag, 2023. ISBN 978-3-8353-9157-4

Valentin Groebner *1962, gebürtiger Wiener, ist Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance in Luzern. Er publiziert regelmässig auch populärwissenschaftliche Bücher zur Kulturgeschichte.

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