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Traumatisierte Frau in Butscha

Eine Kriegsfotografin in der Hölle von Butscha: Der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov inszeniert am Schauspielhaus Zürich eine bewegende «Antigone»-Adaption.

Im Zentrum der Inszenierung steht die Kriegsfotografin Antigone, die mit ihrem Mann in Zürich ein scheinbar beschauliches Leben führt. Die Ehe kriselt, Antigone fährt in das kriegsverwüstete Butscha in der Ukraine mit Toten überall, begegnet dort einer Frau, die tagelang in einem Keller auf die Heimkehr ihres getöteten, auf der Strasse liegenden Mannes Sergei wartet. Sergei sei nicht tot, er schlafe nur, sagt die traumatisierte Frau fortwährend. Als Antigone in die Schweiz zurückkehrt, ist nichts mehr, wie es vorher war.

Der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov, der vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine das Left Bank Theatre in Kiew leitete und seither an verschiedenen Bühnen in Lettland und Deutschland tätig ist, hat für die Zürcher Pfauenbühne in Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Autor Pavio Arie «Antigone in Butscha» geschaffen. Die Inszenierung inspiriert sich wohl bei Sophokles, bezieht aber ihre Herkunft und ihre Metaphern aus dem Heute.

Antigone in doppelter Ausführung: Links Lena Schwarz, rechts Karin Pfammatter, in der Videoeinblendung Vitalina Bibliv.

Laut dem Programmheft ist es der «Versuch, auszuloten, wie wir mit den unglaublichen Widersprüchen umgehen können, in denen wir leben, ertrinkend in Betroffenheit und gleichzeitig voller sich in Passivität äussernder Gleichgültigkeit». Geboten wird eine zweistündige Aufführung, die wahrlich unter die Haut geht, widersprüchliche Welten aufzeigt, unser opportunistisches Verhalten und Mitleid hinterfragt.

Auf Reportage in Butscha

Gestartet wird mit einer clownesken Therapiestunde auf grosser Leinwand, in der die kriselnde Ehe von Antigone und ihrem Ehemann etwas gar schleimig thematisiert wird. Seit fünf Jahren weiss er, dass sie die Pille nimmt, obwohl beide sich nichts sehnlicher als Kinder wünschen. Szenenwechsel: Antigone auf Reportage in Butscha, trifft Schutz suchend auf die ukrainische Frau im Keller, freundet sich mit ihr an. Es sind berührende Momente der Annäherung zweier unterschiedlicher Frauen, die ausschliesslich auf der Grossleinwand gezeigt werden.

Begegnung im Kerker-Keller: links Vitalina Bibliv, rechts Lena Schwarz in Reportagemontur. Fotos: Philip Frowein

Es ist just diese Begegnung im Keller, welche die Inszenierung zum beklemmenden Erlebnis macht: die Frau im Kerker-Keller, die alles verloren hat, und Antigone, die aus ihrem beschaulichen Alltag in der Schweiz und aus ihrer kriselnden Ehe geflohen ist und den Horror des Krieges hautnah miterlebt. Einfach grossartig und bewegend, wie die Ukrainerin Vitalina Bibliv die Frau im Keller spielt, ihr Kriegstrauma sichtbar und erlebbar macht, dank Antigone aus der Verzweiflung findet und ihren toten Gatten begraben lässt. Für Antigone ist die Begegnung nicht folgenlos. Zurück in der Schweiz, trennt sie sich von ihrem Gatten, hinterfragt die Rolle der Schweiz in diesem Krieg, appelliert an die menschliche Verantwortung.

Eine Antigone in doppelter Ausführung

Regisseur Stas Zhyrkov inszeniert die Widersprüchlichkeiten vieldeutig, zuweilen grenzwertig. So tritt Antigone in doppelter Ausführung auf (Lena Schwarz und Karin Pfammatter). Da ist eine kriegstraumatisierte Antigone, die nach Butscha Partei für mehr Verantwortung in der zivilisierten Welt ergreift, und da ist eine Antigone, die mit einem Bild, das die Hand mit rot lackierten Nägeln einer toten Frau am Boden zeigt, kommerziellen Erfolg erzielt und diesen genüsslich auslebt. Bei der Rückkehr wird Antigone von einem euphorischen Ehemann (meisterlich gespielt von Michael Neuenschwander) empfangen, der eine Torte für seine ungeborene Tochter gebacken und sich einem skurrilen Weltbild verschrieben hat. Im Bühnenhintergrund prangt Tizians vergrössertes Gemälde «Raub der Europa» (Bühnenbild: Lisa Chiara Kohler). Und der ukrainische Keller entpuppt sich zum Schluss als ein Kellerraum im Untergeschoss des Schauspielhauses, aus dem Antigone auf die belebte Zürcher Hottingerstrasse ins Freie steigt. Butscha in Zürich? Ein gewagter Versuch, eine geeignetere Haltung zum Krieg zu provozieren.

Geboten wird ein nachhaltiger Theaterabend, der bewegt, berührt und beunruhigt. Das ist vorab das Verdienst der Ensemblemitglieder Lena Schwarz, Michael Neuenschwander, Matthias Neukirch und Karin Pfammatter, die ihre Rollen sehr differenziert spielen und es tunlichst vermeiden, in Zynismus abzugleiten. Und da ist natürlich Vitalina Bibliv, die die traumatisierte Frau im Keller äusserst realitätsnah und höchst glaubwürdig verkörpert. Dafür gabs am Premierenabend tosenden Beifall.

Weitere Spieldaten: 12., 15., 17., 21., 23., 26., 31. Mai, 1., 4., 9., 16., 17., 20., 28. Juni

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