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Wenn sich die Schweizer Medienleute treffen…

…wird nicht nur gejammert, getratscht, der unsicheren Zukunft entgegengeblickt. Es wird auch ernsthaft wahrgenommen, was ist, was kommen wird, beispielsweise die Anwendung künstlicher Intelligenz KI in den Medien oder wie Professor Martin Vetterli (96) KI definiert:  «maschinelles Lernen»*. Und beim Start des «Swiss Media-Forums» ist es jeweils eine Bundesrätin oder ein Bundesrat, welche(r) zur Sache spricht, mahnt oder ermuntert, schlicht aus der eigenen Erfahrung reflektiert, was sein sollte und welche Rolle die Medien als vierte Gewalt in unserer direkten Demokratie haben oder eigentlich hätten.

Diesmal sprach Karin Keller-Sutter aus dem Studio des Ostschweizer Fernsehens zu den rund 300 Medienleuten, die sich im KKL zu Luzern versammelt hatten. Die Medien hätten nicht nur durch ihre Informationsleistungen zur Entscheidungsfindung bei Volksabstimmungen beizutragen, sie hätten auch die «noble Aufgabe», Fehler und Missstände aufzudecken. Die Medien seien der Wachhund der Demokratie. Karin Keller-Sutter relativierte aber schnell. Sie möge Hunde, sie seien ja die besten Freunde der Menschen. Es gäbe aber unter den Medienleuten nicht nur Wachhunde. «Es gibt den Kläffer, den Wadenbeisser und den Kettenhund. Der Kläffer ist grundlos laut und wittert überall einen grossen Skandal, der Wadenbeisser geht direkt auf Personen los und lässt sich von Fakten nicht beirren. Und der Kettenhund lauert, bis jemand Indiskretionen vor ihn hinstreut.» Dadurch werde das Vertrauen in die Medien untergraben, Was sei zu tun? Karin Keller-Sutter: Es brauche «vermeintlich altmodische Tugenden wie Qualität, Relevanz, Fairness und Faktentreue in der Berichterstattung». Karin Keller-Sutter gab sich auch selbstkritisch. Sie erinnerte an den 19. März, bei dem sie zwischen 17:30 Uhr und dem Entscheid: Übernahme der CS durch die UBS und dem Bereitstellen von 170 Mia Franken Liquidität durch die Nationalbank an die CS äussert knapp Zeit gehabt habe, sich für den Auftritt in der Tageschau um 19:30 Uhr vorzubereiten, die kommunikative Richtung festzulegen. Erst jetzt sei die Zeit gekommen, die Verantwortlichkeiten abzuklären. Klar sei schon jetzt: Nicht die Feuerwehr sei verantwortlich für die Notfusion gewesen, sondern die Brandstifter, eben der Verwaltungsrat der CS. Eine Festlegung durch Karin Keller-Sutter wohl auch deshalb, weil in der Zwischenzeit die «Kläffer, die Wadenbeisser, die Kettenhunde» nicht von der Bildfläche verschwunden sind.

Es traf sich gut, dass auch Sergio Ermotti, der neue UBS-Chef, der am Swiss Media-Forum erstmals öffentlich auftrat, sich dabei für eine Untersuchung der Credit Suisse-Krise aussprach. Die Situation der CS habe sich nicht in den ersten Monaten 2023 entwickelt, sondern in den letzten sechs, sieben Jahren. Ermotti gab sich in seiner brillanten Rede, mit italienischem Akzent charmant vorgetragen, äussert optimistisch: «Die UBS ist inzwischen auf bestem Weg, die Transaktion innerhalb dreier Monate abzuschliessen, vieles geschieht nun im Eiltempo, in einem Zeitraum, der unter normalen Umständen ein Jahr dauert.»

Ermotti verteidigte zudem die Grösse der neuen UBS. Wichtiger als die Grösse einer Bank seien ihr Geschäftsmodell und die Risiken, die sie eingehe. Es gehe um viel mehr als die richtige Grösse – «es geht um die Grösse und die Stärke der Schweiz als Finanzplatz» auch im Wettbewerb mit anderen Finanzplätzen weltweit. Und auf die Frage von Patrik Müller, Organisator des Forums, was den seine Frau dazu gesagt habe, dass er den schwierigen Job übernommen habe, sagte Ermotti lächelnd: «Als ich ihr sagte, dass ich das Angebot habe, meinte sie: «Ich sehe es Deinem Gesicht an, dass Du es annehmen wirst.» Und wie.

Es ist nicht nur der Bankenplatz der Schweiz, der sich der globalisierten Welt und ihren Auswirkungen zu stellen hat. Auch «über die Schweizer Medien ergiesst sich ein Tsunami», wie Andrea Masüger, Präsident der Schweizer Verleger, die Gefahren am Forum bezeichnete, die durch die Künstliche Intelligenz KI auf die Medien zukommen werden». Die Suchmaschinen, welche journalistische Inhalte ohne Vergütung nutzten, seien erst der Anfang. «Schreibroboter wie ChatGPT und andere Chatbots zeigen bereits die nächste Stufe der Ausbeutung an», sagte Andrea Masüger weiter. Masüger forderte deshalb für die Schweizer Medien ein funktionierendes Frühwarnsystem.

Ladina Heimgartner, Chefin der Blick-Gruppe, dagegen sieht KI auch als Chance, als eine Art Hammer: «Damit kann man etwas bauen oder etwas ganz zerstören.» Als Anwendungsfall nannte sie am Forum ein ihr bekanntes Start-up-Unternehmen in der Slowakei, dass sich zum Ziel gesetzt habe, die durchschnittliche Produktionszeit für einen journalistischen Artikel von heute 52 Minuten auf 15 Minuten zu senken mithilfe von KI-Anwendungen. Eben um Geld zu sparen.

Immerhin: Demnächst wird der Bundesrat eine Vorlage für ein sogenanntes Leistungsschutzrecht in die Vernehmlassung geben, das die Entschädigung von Medienverlagen, aber auch für Journalisten einführen soll, wenn ihre Inhalte von den «Grossen» (Google beispielsweise) ohne Entschädigungen kalt abgekupfert und verwertet werden.

Ja, was kommt auf die Medien zu, was beispielsweise auch auf seniorweb.ch? Der Zugang zu möglichst vielen Zahlen und Fakten erleichtert ja unsere Arbeit bereits enorm. Als ich vor 3 Jahren zügelte, stand ich vor einem Büroschrank, Tablaren, die gefüllt waren mit dem Archiv, das ich mir in beinahe 50 Jahren angelegt hatte. Viele Stunden Arbeit vor mir, alles in Ordnern aufgereiht. Ich brauchte drei Umgänge und Zeit, bevor ich mich von allem trennen konnte. Und siehe da. Ich vermisse das Archiv keine Minute. Im Internet ist fast oder alles zu finden. Und wie steht es mit der KI, der neuen Revolution in unserer Arbeit? Unsere Artikel entstehen oft aufgrund unserer Erfahrungen, entstehen aus einem überblickbaren Raum, einem begrenzten Thema, sind beinahe solitär. Ja aber: Man kann mit der KI,  mit den Schreibrobotern doch auch etwas bauen, leichter, gestützt  einen Artikel verfassen, wie das Ladina Heimgartner meint. Ergreifen auch wir den Hammer für das Bauen.

* Professor Martin Vetterli, Präsident der ETH in Lausanne, definiert im Tagesanzeiger Magazin (13. Mai 2023) Künstliche Intelligenz KI wie folgt: KI ist letztlich Algorithmen plus Daten. Algorithmen sind Verknüpfungen von Handlungsanweisungen. Und ein lernfähiger Algorithmus lernt aus den Daten, die er verarbeitet, er bildet sich fort. Das nennt man maschinelles Lernen, oder eben populär: Künstliche Intelligenz KI.

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1 Kommentar

  1. Den Vergleich mit Medienschaffenden und Hundetypen, finde ich originell. Jedoch ein Typ fehlt, der ängstliche Duckmäuser oder um bei den Hunden zu bleiben, diejenigen, die nur lautstark bellen, wenn der Wind günstig steht, um dann beim kleinsten Widerstand den Schwanz einzuziehen oder Medienleute, die nicht zu dem stehen können, was sie einmal geschrieben haben.

    Dann sind wir auch schon beim Thema Künstliche Intelligenz KI, die eigentlich keine Intelligenz im menschlichen Sinne ist, sondern eine neue maschinelle Lerntechnologie, die mit dem neuen Anwenderprogramm ChatGPT seit November 2022 in aller Munde und für alle verfügbar ist. Ich sehe darin eine sehr gefährliche technologische Entwicklung, wenn nicht weltweit für alle Anwender*innen Regeln gelten, die Missbräuche verhindern, was wir bis heute nicht einmal für «normale» Internetnutzer geschafft haben, ansonsten könnten sich hier Abgründe auftun, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können.
    In der Mediathek von TV3Sat Scobel «Kulturschock durch KI» auf TV 3Sat, kann man sich dem Thema annähern, hier der Link: https://www.3sat.de/wissen/scobel/scobel—kulturschock-durch-ki-100.html

    Wenn ich es mir recht überlege, läuft in den letzten Jahren so einiges aus dem Ruder und spitzt sich in völlig falsche Richtungen zu. Z.B. Politisches Seilziehen von erzkonservativ bis linksradikal; Fehlanreize bei Banken und Finanzen wie auch im Gesundheitswesen; auf politisch falschen Entscheiden aufgebaute, ungerechte Altersvorsorge; menschengemachte Umweltverschmutzung und Energiekrise; Aufrüstung des Militärs statt langfristige Investitionen in Frieden und Zusammenarbeit, unsichere Wirtschaftsaussichten Schweiz-Europa und weltweit.
    Ich hoffe, dass ich einige der wichtigsten Entwicklungsschritte, die zur Lösung unserer grossen Probleme beitragen, noch erleben darf. Eine mögliche Alternative des Protest wären massenhaft Streiks oder die Hände vor Autobahnen festkleben. Ich fürchte nur, die Mehrheit der Schweizer*innen hat dafür nicht den nötigen Schneid.

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