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Wofür sich zu leben lohnt

Wer täglich durch Zeitungslandschaften wandert, im Fernsehen zappt und sich digital informiert, erhält ein zerrissenes Bild von seiner Lebenswelt. Es herrschen Krieg, Streit und Zänkereien. Jeder ist sich selbst der Nächste. Das Leben ist ein Kampf und selbst Fussballspiele wirken verkrampft. Was haben nur die Chefs des FC Bayern für ein Gejammer losgetreten, als ihre Millionäre nicht mehr selbstverständlich siegten? Das Eile hat die Weile überholt.

Wenn ich den Briefkasten öffne, vorab in den Schlitz des Kastens gucke, erblicke ich einige Briefe. Das weckt Vorfreude. Ich nehme ein Bündel heraus und oh weh, es sind sechs Bettelbriefe und eine Rechnung des Wasserwerks. Mir geben die Bettelbriefe insofern zu denken, weil ich denke, ich würde von fremden Welten gesteuert. Wenn ich täglich Bettelbriefe erhalte, habe ich tatsächlich das Gefühl, da laufe hinter meinem Rücken eine Maschine, die mich ins Auge fasst. Mit meiner Adresse wird offenbar Geld verdient, und dies ist nur ein sichtbares Zeichen, dass sich Vieles abspielt, was ich nicht durchschauen kann. Zudem bin ich ungewollt vielen Dingen ausgeliefert, die mir banal erscheinen. So kann ich keine Zeitung lesen, ohne zu konstatieren, dass irgendeine Berühmtheit schwanger geworden ist, dass eine weitere Schönheit sich vom Mann getrennt hat, dass ein Spekulant Geld verloren und ein Prinz die Einladung zur Königskrönung angenommen hat. Alle Begebenheiten, die mir eigentlich egal sind, trotzdem werde ich ihnen ausgesetzt. Ich spüre, dass ich irgendwie  in Gefahr bin, ein falsches Leben zu führen.

Diese für mich fremde Welt entfremdet mich meiner selbst. Es genügt mir schon, dass fast täglich Federer auf einer Reklame auftaucht, sympathisch gewiss, aber, was soll ich damit anfangen. Fast täglich werden Helden kreiert, die auf die Berge rennen oder mit dem Velo um die Welt fahren. Warum sollen sie Helden sein? Auch wehre ich mich dagegen, dass listige virtuelle Mächte mein Leben bestimmen. Mein Leben spielt sich im kleinen Kreis von guten Menschen und lieben Bekannten ab, die über den Tellerrand hinausschauen. Sie repräsentieren das wirkliche Leben. Gibt es viele solcher Kreise, dann wirken sie horizontal gegen den Strom der unendlichen Verflachung.

Wer nach Grösse strebt, wird vermarktet und wirft irgendwie Geld für andere ab. Wir haben angefangen, alles unter dem Aspekt des Geldes zu sehen. Das macht blind und liefert uns dem Zwang aus, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Darin liegt einer der Krankheitsherde unserer Zeit, der Neid heisst. Neid zerfrisst die Seele. Wenn einer viele Millionen oder gar Milliarden besitzt, lässt mich dies kalt, sofern er damit meine Kreise nicht stört.

Wer allerdings schicksalhaft zwischen die Fronten gerät, wie etwa die israelische Schriftstellerin Ayelet Gunder-Goshen, die miterleben muss, wie Israel und Palästina seit Jahren im Streit liegen, ihre eigene Regierung immer aggressiver sowohl gegen aussen wie gegen innen vorgeht, leidet und sagt mit einem Seufzer: «Es muss doch endlich darum gehen, wofür zu leben lohnt»*. Ich hoffe, dass sich viele Menschen diesem Ausruf verpflichtet fühlen und sich nicht von den geld- und machtgierigen Grossen blenden lassen. Im engen Kreis lässt sich das Leben vertikal gut verankern und lohnend leben.

*Interview in NZZ, 20. April 2023

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7 Kommentare

  1. Ihr Thema, Herr Iten, ist auch mein Thema, das mich schon länger beschäftigt. Auch aus meiner Wahrnehmung fühlt sich vieles so furchtbar oberflächlich an. Das Gegenteil sieht man auch immer öfter, die völlig überhöhten, aufgeblasenen Tragik Geschichten. Irgendwie logisch, wenn das Pendel stark auf die eine Seite ausschlägt, kommt bald auch die Gegenbewegung.

    Und da bin ich gedanklich in der Mitte, im ruhigen Auge des Wirbelsturms. Ein Zustand der kein Stillstand ist, die mörderischen Blitzlichter von aussen zwar wahrnimmt, jedoch ohne bei ihnen länger verweilen zu müssen. Das Alter und der Blick auf die gelebten Jahre sind da sehr hilfreich. Wir müssen uns nichts mehr beweisen, kein Wettbewerb mehr, kein Hetzen mehr, es ist nicht mehr mein Kampf, die Jungen haben den Stab übernommen.

    Selbstverständlich kann ich mich noch immer über Ungerechtigkeit und Dummheit aufregen, ich lebe ja noch. Aber ich lasse mich nicht mehr davon auffressen. Mit viel Interesse und Empathie beobachte ich die Geschehnisse, blende aus, was mich nicht interessiert, darf viel Neues dazu lernen und ziehe daraus meine Schlüsse. Ein Geschenk des Alters, wofür es sich noch zu leben lohnt.

    • Frau Mosimann, sehr schöne Gedanken, als Anleitung quasi, wo man sich – wenn es einem gelingt – positionieren könnte. Ich finde es unerhört, wenn sich in der Regenbogenpresse eine Tussi neben Selenski und Ukrainischen Opfern «gleichberechtigt» äussern kann. Ein Hohn für Betroffene, ohne Aussicht auf ein würdiges Leben.

  2. Lieber Andreas,
    ja, die Gedanken sind goldrichtig. Dem muss ich nichts anfügen, muss nur versuchen, positiv und in der Gegenwart sowie auf die Zukunft hin zu leben, was ja in deiner Kolumne zum Ausdruck kommt und nicht immer einfach ist. Es braucht oft Mut und Ehrlichkeit.

  3. Lieber Herr Iten
    Ihre Gedanken sind Balsam für die Seele. Weshalb lässt sich die Mehrheit der Menschen von dieser ‹unendlichen Verflachung› (ich zitiere). beeinflussen?
    Ich will mir keinen Sündenbock suchen – aber die Medien zelebrieren diese ‹unendliche Verflachung›. Jegliche Medien vermitteln weitgehend die Inhalte. Wer überwacht diese und entscheidet? Was für ‹humanistisch geschulte und gereifte› (?) Menschen stecken da dahinter? Wer hat über die Entwicklung des Handys/KI entschieden? Ich bin nach wie vor der Meinung, dass kein Mensch ‹Schlechtes ‹ will, wird ihm ‹Gutes› geboten. Vor dem ‹Minus› im Alltag muss frau/man die Augen nicht verschliessen, es ist nicht auszumerzen. Aber wir sollten den Willen haben, das ‹Positive Plus› anzustreben und uns dafür einzusetzen. Jeder an seinem Platz. Wirtschaft und Politik miteinbezogen. Ein Wunschtraum: Denn die Entstehung ‹der unendlichen Verflachung› nistet sich viel früher und kompliziert-differenzierter ein. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Und – es gibt Menschen, die das ‹Positive Plus› anstreben, wie Sie, Herr Iten. Herzlichen Dank!

  4. Sehr lebendig und stimmig. Das ist aber der Alltag und vieles ist nicht neu.
    Da wir aber in der feudalen Lage sind mit diesen Fakten ziemlich rigoros umgehen zu können sollte wir davon auch Gebrauch machen.
    Das Meiste trifft mich persönlich nicht im mindesten. Was Federer nach seiner grossartigen Karriere jetzt macht interessiert mich wirklich wenig. Es geht an mir vorbei, weil es bedeutungslos ist für mich. Mit 1000 anderen Dingen ist es ebenso.
    Also lasse ich es an mir vorbeiziehen.

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