StartseiteMagazinLebensartVerstaubt, vergessen, verschwunden

Verstaubt, vergessen, verschwunden

Von Dingen, die früher wichtig waren, erzählt die Ausstellung «Ausser Gebrauch – Alltag im Wandel» im Historischen Museum Basel.

Sind es fünfzig oder gar sechzig Jahre her, als wir aus den Fotos der letzten Reise eine Diaschau zusammenstellten und sie eines Abends Freunden und Familie präsentierten? Den Zelluloidfilm musste man einschicken an ein Fotolabor, bevorzugt an eines der zwei oder drei marktbeherrschenden Firmen.

Weniger lang ist es her, dass vor allem Jüngere, aber durchaus auch Ältere mit einem Walkman und Kopfhörern spazieren gingen oder im Zug sassen. Das allen Zwecken dienende Mobiltelefon war da noch nicht in aller Finger. Auch der Kassettenrecorder ist verschwunden, dabei war er ein sehr geschätzter kleiner Bruder des schweren Tonbandgerätes, das heute nur noch selten von ausgefuchsten Spezialisten benutzt wird.

Was ein Mobiltelefon alles kann. Ausstellungsansicht © Historisches Museum Basel

Solchen und vielen noch älteren Gegenständen des täglichen Gebrauchs widmet sich die aktuelle Sonderausstellung im Basler Historischen Museum, im Untergeschoss der ehrwürdigen Barfüsserkirche, ehemals vom Franziskanerorden gegründet. – Nebenbei: Sie dient längst nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck, sie wurde in früheren Jahrhunderten als Waren- und Salzlager benutzt.

Seit dem 19. Jahrhundert befindet sich unsere Welt in ständigem Wandel. Technischer Fortschritt gilt seitdem als Fortschritt schlechthin, was immer wir davon halten. Gerade die Digitalisierung hat diese Entwicklung auf eine bisher unbekannte Weise beschleunigt. In dieser Ausstellung können wir nur einen Teil der ausser Gebrauch gekommenen Geräte und Gegenstände anschauen.

Im Tram war früher der Kondukteur die wichtigste Person (Foto mp)

Dazu gehören Schreibgeräte, die uns in Ausbildung und Beruf unentbehrlich waren. Während wir als Kinder noch lernen mussten, mit dem Füllfederhalter, kurz Füller, schön zu schreiben, begannen wir spätestens an der Universität oder in der Ausbildung, mit der Schreibmaschine zu schreiben. – Ich hatte eine handliche kleine Schreibmaschine. Fehler zu machen, war nicht empfehlenswert. Immerhin gab es TippEx.

Dann bekam ich die Möglichkeit, eine elektrische Maschine zu benutzen, mit Kugelkopf und Korrekturtaste – welche Erleichterung! Immer noch musste ich mir genau überlegen, was ich in welcher Form schreiben wollte. Denn sonst hätte ich die ganze Seite noch einmal tippen müssen. Seit ca. 30 Jahren benutze ich den Computer mit seinen zahlreichen Möglichkeiten, die den Schreibprozess vollkommen verändert haben. – Erinnern Sie sich noch, dass wir, nachdem der Personal Computer zu einem handlichen, tragbaren Gerät geworden war, nicht wussten, ob wir ihn Notebook oder Laptop nennen sollten?

Schreibmaschinen im Wandel der Zeit (Foto mp)

Die Verantwortlichen des Museums konzentrieren sich auf Haushalt und privates Leben. Es ist eine anregende Mischung zu entdecken: teils völlig Unbekanntes, teils solche Objekte, die uns Besucherinnen und Besuchern noch bekannt sind und vielleicht sogar vereinzelt noch benutzt werden. Ob in einem Haushalt etwas ausser Gebrauch ist, hängt auch von der Altersgruppe ab und ausserdem von der geografischen und sozialen Herkunft derer, die diese Dinge benutzen.

Wenn es kein Badezimmer gab (Foto mp)

Ich erinnere mich, dass wir in den 1950er Jahren einige Male Ferien in einer abgelegenen kleinen Pension in den Bergen verbrachten, nicht weit von meiner Heimatstadt entfernt. Dort gab es in unserem Zimmer kein fliessendes Wasser, sondern nur eine Waschschüssel und eine Kanne mit frischem Wasser, ganz ähnlich der in der Ausstellung.

Leibchen bzw. Gstältli (Foto mp)

Auch ein heutzutage total aus der Mode gekommenes Kleidungsstück besass ich als Kind: ein Leibchen – in der Schweiz wurde es Gstältli genannt. Auch Buben brauchten es, wenn sie bei Kälte lange Strümpfe anziehen mussten, denn Strumpfhosen gab es noch nicht.

Die Konventionen bei Familienangelegenheiten waren früher strenger als heute: Ich weiss noch, dass in meiner Kindheit bei einem Todesfall die engsten Familienangehörigen Schwarz tragen mussten, mehrere Monate lang, wenn meine Erinnerung nicht trügt. Weiter entfernte Familienmitglieder mussten ihre Trauer durch ein Trauerband am  Ärmel oder einen schwarzen Knopf kundtun.

Trauerknöpfe und Trauerkarten (Foto mp)

Fast alle Objekte dieser Ausstellung stammen aus den eigenen Depotbeständen, wie das Historische Museum Basel erklärt.

Es macht Spass, in die vergangenen Zeiten einzutauchen. Vielleicht können Sie auch Ihre Enkelkinder dafür begeistern. Zu rätseln gibt es auch: Einige Gegenstände liegen unbezeichnet in einer Vitrine. Sie können raten, welchem Zweck die Dinge dienten. – Keine ganz leichte Aufgabe!

Im Christoph Merian Verlag ist eine reich bebilderte Publikation zur Ausstellung erschienen.
«Ausser Gebrauch – Alltag im Wandel» ist bis 17. September 2023 zu sehen.

Titelbild: Ausstellungsansicht   © Historisches Museum Basel

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3 Kommentare

  1. Was für eine gute Idee, diese Ausstellung der vergessenen Dinge. Beim Gedanken an Gebrauchsgegenstände aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, besonders jener aus Küche und Haushalt aber auch bei Mode-, Ess- und Freizeitgewohnheiten, kommen bei mir manchmal Sehnsuchtsgefühle nach der «guten, alten Zeit» auf. In meiner Erinnerung waren doch die meisten zufrieden mit ihrem Dasein, trotz oder vielleicht wegen der damals unkomplizierteren Lebenshaltung und -gestaltung.
    Ich weiss, man kann und sollte das Rad der Zeit nicht zurück drehen. Nur frage ich mich immer öfter, ob uns all die neuen effizienten Helferlein, die meisten natürlich mit Strom betrieben und grössten teils (noch) aus Plastik, glücklicher gemacht haben?
    Ich bin gerne alt und auch dankbar, dass ich die einfachen Dinge des Lebens noch mitbekommen habe. Jedoch meine vollautomatische Waschmaschine würde ich nicht mehr mit dem grossen Waschbottich von damals tauschen wollen…..

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