Passend zur Jahreszeit und zur Annahme des Klimaschutz-Gesetzes Lektüreempfehlungen, die zweierlei versprechen, Hitze und Abkühlung nämlich. Und à apropos Sommerlektüre: Sie muss ja nicht um jeden Preis leicht sein. Denn Hand aufs Herz: Nehmen Sie im Sommer tatsächlich immer nur leichte Kost zu sich? Eben…
Gestern habe ich zum ersten Mal den Begriff «Wellnesslektüre» gehört. Gemeint ist damit nicht etwa eine Infobroschüre über Orte, an denen es sich am trefflichsten entspannen lässt, um die seltsame Wortkreation «wellnessen» zu umgehen. Nein, damit sei federleichte Lektüre gemeint, die uns heiter stimme und von uns alle Probleme der Welt fernhalte. Und, interpretiere ich, die wohl unsere Trägheit an zu heissen Sommertagen noch steigert, uns einlullt und schliesslich entschlummern lässt. Brauchen wir das wirklich, Wellnessliteratur? Ich für meinen Teil empfehle Ihnen zwei Muntermacher: «Ewig Sommer», der erste Roman der 35jährigen Autorin Franziska Gänsler, erschienen bei Kein&aber 2022, und «Gentleman über Bord», von Herbert Clyde Lewis, erstmals erschienen 1937, jetzt in neuer Übersetzung von Klaus Bonn und äusserst sorgfältig aufgemacht bei mare 2023. Zwei sehr unterschiedliche Romane, die beide Spannung und Sprachvergnügen versprechen.
Überhitzen
Eine junge Frau und ein Kind kommen zu Iris ins Hotel, obwohl die Gegend für Urlaub denkbar ungeeignet ist. Auf der anderen Seite des nahen Flusses brennen die Wälder, es ist Sommer und es bleibt Sommer, obwohl bald Herbst wäre, es ist heiss und überall nur Qualm und Rauch. Die Menschen bleiben in ihren Häusern, draussen müssen sie Schutzmasken tragen. Iris führt ein kleines Hotel in einem ehemaligen Kurort namens Bad Heim, das sie von ihrem Grossvater übernommen hat. Die Fau Dori und das Kind Ilya sind ihre einzigen Gäste, beide sehr still, so wie es auch im Dorf still ist. Einzig Baby, eine ältere Frau, die eigentlich Mariette heisst und die für Iris eine Art Kindermädchen war, bringt ein wenig Leben in die stickigen Sommertage. Schnell ahnt sie, dass mit Dori und Ilya etwas nicht stimmt. Sie sind, vermutet sie, von irgendwo oder irgendwem weggelaufen.
Tatsächlich, bald schon erhält Iris Anrufe eines Mannes, der nach einer Frau mit einem Kind sucht. Und nach und nach gewinnt diese Iris das Vertrauen Doris, die ihr andeutet, dass auch sie einen Schwelbrand zurückgelassen hat, nur holt sie diese Geschichte wieder ein. Ihr Mann und sie, erzählt sie, «wir bringen das Schlechteste ineinander hervor».
Alles in diesem Roman ist überhitzt. Draussen brennen die Wälder und innen Fragen, wie z.B.: Ist Dori das, was man gemeinhin unter einer guten Mutter versteht, oder müsste ihr Kind vor ihr geschützt werden? Draussen nutzen fremde Klimaaktivistinnen die Katastrophe für ihre Zwecke, wollen dann weiterziehen, können sich aber erst im letzten Augenblick vor dem Feuer retten, indem auch sie ins Hotel fliehen.
Die Autorin entwirft in einer unaufgeregten und hoch präzisen Sprache ein Szenario, das gar nicht so fern ist. Uns wird heiss während des Lesens, wir riechen die rauchgeschwängerte Luft förmlich und Doris Geschichte nimmt uns den Atem. Höchste Zeit für Szenenwechsel!
Abtauchen und abkühlen
«Als Henry Preston Standish kopfüber in den Pazifischen Ozean fiel, ging am östlichen Horizont gerade die Sonne auf.» So beginnt der Roman «Gentleman über Bord», vor 86 Jahren erschienen und so brillant und elegant geschrieben, dass er höchstes Lesevergnügen bietet. Was diesem Standish, einem 35jährigen Börsenmakler aus New York, «einer der ödesten Männer auf der ganzen Welt», charakterisiert ihn sein Autor, durch den Kopf geht, während er zwölf Stunden im Ozean treibt zwischen Hoffnung und Grössenwahn, zwischen Verzweiflung, Hoch- und Kleinmut, das nimmt uns als Lesende vollends in Bann. Denn Standish, der sich bislang nur um seine eigenen Angelegenheiten und um sein persönliches Wohlergehen gekümmert hat, macht eine rasante Entwicklung durch, während Salzwasser in seinen Augen brennt und er, fast am Verdursten, auch davon trinkt. «Merkwürdig, dass er so viel über das Leben lernen sollte zu seiner Zeit, in der er nicht wirklich wusste, ob er lebendig oder tot war».
Nichts an diesem Roman ist altmodisch, im Gegenteil: Sein Ton distanziert und ironisch, die Perspektive beobachtend, aber der Autor bringt Sympathie auf für alle seine Figuren. Er zeigt uns neben diesem Gentleman, der im Pazifik trudelt, auch ein Bild der amerikanischen Gesellschaft und ihrer Klassenunterschiede. «Gentleman über Bord» nimmt uns mit in lange und zugleich kurzweilige Schwimmstunden im spiegelglatten Ozean. Obwohl wir ahnen, es gibt wohl keine Rettung, geben wir die Hoffnung nicht auf, wir feuern diesen Standish an und schwimmen an seiner Seite, bis…
Gute Lektüre.
Bild Ayse Yavas
