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Der Hut des Bundesrats

Jüngst fragte mich eine Leserin, wie mir Themen für Kolumnen einfallen würden. Vielleicht ein bisschen hochnäsig antwortete ich, die Themen lägen auf der Strasse, wie man es vom Geld sage. Man müsse sie nur sehen. Und doch war dies nur die halbe Wahrheit. Ich spüre jedes Mal eine gewisse Unruhe, wenn wieder eine neue Kolumne fällig wird. Schon bevor mich der Schreibzwang an den Computer ruft, suche ich nach einem Stoff, wie der Jäger, der dem Lauf des Wildes nachspürt. Dieses Mal wies mich der Hut von Bundesrat Alain Berset auf die Spur. Schon länger bewunderte ich diesen Borsalino. Warum ich mir darüber Gedanken machte, hängt mit einer Geschichte zusammen. Ich trug in jüngeren Jahren selber einen klassischen Borsalino. Ich kaufte ihn in der repräsentativen Via Nationale in Rom. Ein wirklich schmucker Hut!

Als einmal im Bernerhof eine Versammlung stattfand, hängte ich meinen Hut vor dem Saal an einen Haken, und als die Sitzung zu Ende war, sah ich zwei gleiche Hüte nebeneinander hängen. Ich nahm meinen, ohne ihn genau zu prüfen, vom Haken, setzte ihn auf mein edles Haupt und marschierte stracks zum Bahnhof. Monate später hielt mich ein Freund an, lobte den eleganten Borsalino und ich verkündete stolz, dass ich ihn in der Via Nationale di Roma gekauft hätte. Ich nahm den Hut vom Kopf, um die Etikette zu zeigen und dabei entdeckte ich die Adresse eines Berners. Ich wollte mich nicht blamieren und setzte den Hut verstohlen wie ein Dieb wieder auf.

Seither sind Borsalino-Hüte für mich ein besonders Thema. Soeben lese ich eine Glosse im Magazin der NZZ am Sonntag über Bersets Hut. Im Kontext der Politik drücke er die Dialektik von Herrschaft und Unterwerfung aus. Er sei, verknappe ich, seit Gesslers Hut ein Symbol der Unterwerfung. Trage also ein Bundesrat einen Hut, sei dies eher problematisch. Dieses Verdikt beziehe ich natürlich auf mich, den ehemaligen Politiker auf tieferer Ebene. Ich spüre, dass ich mich nun einer psychoanalytischen Selbstbefragung aussetzen muss.

Seit Sigmund Freud wissen wir, dass wir oft unbewusst handeln, und dass dieses Unbewusste aussagt, was wir gerne verstecken oder vertuschen. Folge ich also der Glosse von Christoph Zürcher, die im Tragen eines Borsalinos eine «retrospektive Männlichkeit» erkennt, so ahne ich, dass mich wohl ein echter Geltungsdrang angetrieben haben musste, Politiker zu werden. In jungen Jahren hätte ich diesen Drang zwar als Selbstverwirklichung oder Selbstentfaltung veredelt, aber dass er dem Ausdruck von Männlichkeit entsprach, will ich meinem damaligen Gehabe nicht absprechen.

Den edlen Borsalino habe ich schon lange versorgt und trage im Winter einen Hut, der von der Firma, die ihn produziert hat, als «waterproof crushable», als wasserdicht zerquetschbar, bezeichnet wird. Im Sommer gebietet mir die Glatze einen Hut auf den Klopf zu setzen, der mich vor UVA-Strahlen schützt. Ich glaube in der Tat, dass ich mich heute psychoanalytisch durchschaue und dass ich ohne Borsalino eher der bin, der ich sein möchte.

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2 Kommentare

  1. Der eigene psychoanalytische Durchblick reicht nicht, Herr Iten. Der Knautsch, «waterproof crushable» ist vieles, aber vor allem kein Kleidungsstück. Der Borsalino eben schon. Dass er ausgerechnet den kahlen Kopf von Berset ziert, drückt genau das aus, was ist. Berset, die einzige überzeugende Führerpersönlichkeit im Siebnerkollegium. Einer der zu sich steht, sich erlaubt, als Sozi ein Flugbrevet zu haben und sich foutiert um die «öffentliche Meinung» des Boulevard. Und das offensichtlich zu Recht geniesst
    Aber zurück zu den Hüten, wie gesagt, sie sind Kleidungsstücke mit Stil und Geschichte. Der Borsalino kommt aus der via Porta Rossa in Firenze, der elegante weiche Braune aus Spanien, der Beaver von Ramsey’s in Sacramento, alle haben sie ihren Platz neben dem ecrufarbenen Panama und dem breitkrempigen einfachen Strohhut. Man muss kein Macho sein, um sich gut als Mann zu fühlen. Das darf man nämlich, selbst im Jahr 2023.
    Dass Christoph Zürcher «diesen Hut als problematisch» empfindet, erinnert mit der Begründung ein wenig an jene Mitmenschen, die sich bei Schweizern Musiker mit Rastazöpfen, «unwohl» fühlen. Die Hauptaussage des Autors ist: Bundesrat Alain Berset trauere ich keine Träne nach. Damit ist bereits alles gesagt und dies in der NZZ eigentlich nicht ungewöhnlich. Gut, das hätte nicht für eine ganze Glosse gereicht; schreibt Zürcher vielleicht im Zeilenhonorar? Bref, der und die Freisinnige im Rat lösen alles andere als Begeisterung aus.
    Der Politiker Andreas Iten wusste ebenso, wie wichtig gelungene Auftritte, das Bonmot im richtigen Moment, die dosierten Streicheleinheiten im Netz sind. Der Versuch, dieses Wissen nicht mehr nötig zu haben, glaube ich ihm nicht. Das Gefühl, mit dem Knautsch eher sich selbst zu sein, überlasse ich ihnen gerne; trotzdem, es gibt sicher wieder einmal eine gute Gelegenheit, den edlen Borsalino hervorzuholen. Kleider machen Leute, zuweilen im positiven Sinne.

  2. Sie sind viel zu streng mit sich, Herr Iten. Was würde Epikur mit seiner Befürwortung der Lebenslust dazu sagen? Ich liebe Hüte und trug sie schon als Teenager. Leider gibt es nicht mehr viele Hutmacherinnen, in Bern gerade noch eine, die ihr Handwerk versteht. Sie ist eine Künstlerin und macht Frauenhüte zum träumen.
    Ich habe Madame de Meuron von Tscharner, eine sehr vermögende Patrizierin und ein Berner Original, noch erlebt, als sie ganz in schwarz gekleidet und mit einem weit ausladenden Hut in der unteren Altstadt ihren Einkäufen nachging, Eine unvergessliche Erscheinung und für damalige Begriffe, trotz Sätzen wie: «Sit dr öpper oder nämet dr Lohn?», eine sehr fortschrittliche, kluge und bestens vernetzte Frau. Ihre Hüte und ihr Hörrohr waren ihr Markenzeichen.

    Ein schöner Hut ist immer auch eine Statement. Drum nur Mut, auch der Macho in Ihnen will vielleicht ab und zu gesehen werden und der Borsalino mit breitem Rand ist wirklich eine Augenweide.

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