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Bibliotheken als Orte der Vermittlung

Halten Sie sich ab und zu in Bibliotheken auf? Ich habe das Glück, dass es in meiner  Umgebung zwei Bibliotheken gibt, eine kleinere und eine grössere mit einem hervorragenden Sortiment an Büchern, Hörbüchern, Zeitschriften und Zeitungen, Filmen und Medien. Und, ganz besonders wichtig, mit sehr freundlichem Personal, das gerne hilft und Fragen beantwortet.

Ich mag die Bibliotheksatmosphäre. Spüre die Gegenwart der Bücher, alle diese Geschichten, alle die fremden Leben, in die man eintauchen kann. Und die Bücher rufen: Nimm mich mit nach Hause und lies mich. In den Sesseln sitzen Menschen, die schon vertieft sind in ein Buch, andere stehen vor den Regalen und stöbern, wieder andere geben an Bildschirmen gezielt Namen von Werken oder von Autorinnen und Autoren ein, um schnell zu finden, wonach sie suchen.

Längst aber sind Bibliotheken viel mehr als Aufbewahrungsort von Büchern. Wer denkt, ihr Image sei etwas verstaubt, ist wohl schon länger nicht mehr in einer Bibliothek gewesen. Schon längst nämlich gehen Bibliotheken mit der Zeit und viele von ihnen sind zu Orten der Vermittlung geworden und Treffpunkt für Menschen jeden Alters und unterschiedlicher Herkunft. Hier treten abends Autorinnen und Autoren auf und geben in moderierten Gesprächen Einblick in ihr Schreiben, Lesezirkel treffen sich hier, auch solche, die in Englisch oder in einer anderen Sprache miteinander diskutieren.

Tagsüber geht es in der Kinder- und Jugendabteilung oft lebhaft zu, wenn ganze Gruppen von Kindern oder Jugendlichen da sind und sich altersgerechte Bücher und Medien zeigen lassen oder sich Erwachsene zum ‘runden, interkulturellen Tisch’ treffen. Kleine Kinder lassen sich während der ‘Geschichtenzeit’ eine Geschichte erzählen, begeistern sich für Verse und Reime, während Jugendliche gemeinsam gamen und sich mit analogen und digitalen Gesellschaftsspielen auseinandersetzen können.

Literaturvermittlung im engeren Sinne habe ich vor Kurzem in der Dorfbibliothek erlebt. ‘Büchercafé’ heisst eine Veranstaltung, die hier regelmässig stattfindet. Während einer guten Stunde stellen die Bibliothekarinnen neue Bücher verschiedener Gattungen vor: Romane, Krimis, Biografien, anspruchsvolle Belletristik, Heiteres und Unterhaltsames. Vorgängig kann sich das Publikum mit Kaffee und anderen Getränken eindecken und erhält am Schluss eine detaillierte Liste mit den vorgestellten Büchern, die natürlich alle vorrätig sind in der Bibliothek.

In der Stadtbibliothek besuchte ich zweimal das Angebot ‘Shared reading’, was soviel heisst wie ‘Gemeinsam lesen’. Da sassen circa zwölf Menschen an einem Tisch, zwei Mitarbeiterinnen der Bibliothek verteilten einen kopierten Text, den keine der Teilnehmenden kannte und den wir in der Folge gemeinsam lasen. Das heisst, jemand aus der Gruppe las einen Abschnitt laut vor, dann überlegten wir, wie dieser Abschnitt auf uns wirkte, was uns dazu einfiel, was wohl weiter passieren würde, dann las jemand wieder ein Stück, wir redeten wieder, tauschten unsere Gedanken aus über eine bestimmte Figur und wie sie sich verhielt und so ging das weiter, bis der Text zu Ende gelesen war.

Was hier vielleicht klingt wie Schulunterricht, war aber ganz und gar nicht so. Niemand fragte: Was will uns der Autor oder die Autorin sagen? Vielmehr standen die Teilnehmenden im Zentrum. Es ging darum, was der Text in ihnen bewirkte und nicht um die Suche nach einer versteckten Bedeutung. Ich war völlig überrascht, wie gut das funktionierte. Wie intensiv sich die meisten beteiligten, sich öffneten und den Text durch ihre Äusserungen erweiterten. Bei ‘Shared reading’ übrigens wird niemand aufgefordert, sich zu äussern. Niemand muss Angst haben davor, aufgerufen zu werden und nicht zu wissen, was er oder sie sagen soll.

Man darf auch einfach da sein, zuhören und schweigen. Und es gibt keine feste Gruppe. Man kann einmal hingehen oder ab und zu oder jedes Mal, wenn ‘Shared reading’ angeboten wird. Gegen Schluss der eineinhalbstündigen Veranstaltung lasen wir noch ein Gedicht. Ja, genau, ein Gedicht. Lyrik muss man nicht verstehen. Lyrik muss man nicht interpretieren. Man kann sie einfach lesen und wieder lesen und sie wirken lassen.

Braucht denn Literatur Vermittlung, fragen Sie sich nun vielleicht. Ja, sie braucht es. Vor allem braucht sie neue Formen der Vermittlung. Während der Pandemie haben sich digitale Angebote entwickelt. Es kann Spass machen, vom eigenen Wohnzimmer aus über eine Plattform mit andern verbunden zu sein und über Bücher zu sprechen, auch wenn ich selbst reale Lesekreise vorziehe.

Wie auch immer, wenn Literatur gut vermittelt wird, vermittelt sie auch selbst. Setzt sie etwas in Gang zwischen Menschen, Begegnungen und Gespräche, die manchmal noch fortdauern im eigenen Kopf, wenn man längst zuhause ist. Vielleicht kann man deswegen nicht einschlafen und greift nach einem Buch und schon setzt ein Zwiegespräch ein, dem sich passionierte Leserinnen und Leser kaum entziehen können. Übrigens, mögen Sie die Bezeichnung ’Leseratte’ oder ‘Bücherwurm’? Ich auch nicht….

 

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1 Kommentar

  1. Öffentliche Bibliotheken sind wichtig für Leseratten und Bücherwürmer. Mir gefallen diese Ausdrücke. Es gibt übrigens eine Holzskulptur einer Leseratte, die in Österreich in der Steiermark stehen soll (Wikipedia=Leseratte). Ob ein Leihbuch oder ein gekauftes, eigenes Buch, Hauptsache es wird gelesen. Bibliotheken als Treffpunkte zur Literaturvermittlung ist sicher eine gute Sache aber aus eigener Erfahrung, man kann Literatur auch zerreden. Ich bevorzuge Büchervorstellungen, wo ich schon oft Feuer gefangen habe für ein Thema, ein Buch oder eine*n Schriftsteller*in und es dann gekauft, gelesen und in den Bücherschrank versorgt habe, um es vielleicht nach Jahren und aus neuer Sicht noch einmal zu lesen.

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