StartseiteMagazinKolumnenDie Schuldigen im Gesundheitswesen

Die Schuldigen im Gesundheitswesen

Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Die Hauptschuldigen bei den steigenden Gesundheitskosten sind erst wir selbst. Natürlich nicht allein. Wir sind umgarnt von den vielen Akteuren, die sich mehr oder weniger gütlich tun im gigantischen Markt, in dem über 84 Milliarden Franken jährlich fliessen. Auf der einen Seite haben wir die Tendenz, je stärker die Prämien steigen, desto grösser unsere Ansprüche werden; wir wollen gut versorgt werden, wir wollen am medizinischen Fortschritt teilhaben. Auf der anderen Seite haben wir, das Schweizer Stimmvolk, alle Volksinitiativen, die Änderungen anstrebten, insbesondere die, welche eine Abkehr von der Kopfprämie hin zu einer am Einkommen orientieren Prämie vorsah, deutlich abgelehnt. Bernhard Pulver, der ehemalige Berner Regierungsrat, aktuell Ständeratskandidat der Grünen und Chef der Gruppe Inselspital in Bern, kommt darauf zurück: Er sieht kein Finanzierungsproblem bei den Krankenkassen: «Die Prämien am Einkommen orientiert, würden die Kosten regeln», sagte er der NZZ am Sonntag.

Mutter des heute geltenden Krankenversicherungsgesetzes, das 1996, vor 27 Jahren, in Kraft trat, war Bundesrätin Ruth Dreifuss. Umsichtig, beharrlich setzte sie um, was zu einem Sozialwerk mutierte, auf das wir stolz sein können, das gegen den Widerstand aus dem rechten Parteienspektrum umgesetzt werden musste: die obligatorische Krankenversicherung. Ein kurzer Seitenblick auf die USA veranschaulicht die Bedeutung. Erst Barack Obama gelang, was immer wieder aufs Heftigste und von Neuem attackiert wird: eine medizinische Grundversicherung, die immer noch nicht obligatorisch ist, in dem vor allem reichen, aber auch unwahrscheinlich armen Land.

Dass die Grundversicherung gerade jetzt wieder zur Debatte steht, ist zweierlei geschuldet. Einmal hat Natalie Rickli, die wichtigste Gesundheitsministerin in den Kantonen der Schweiz, in einem Interview den Grundton gesetzt: »Selbst die obligatorische Grundversicherung ist in Frage zu stellen.» Und zum andern: Im September wird Bundesrat Alain Berset zum letzten Mal als Bundesrat die Erhöhung der Krankenkassenprämien verkünden. Es seien 5 bis zu 8 %, wird orakelt.

Warum kommen wir nicht aus dieser Kostenspirale? Versuchen wir aus diesem komplexen Geflecht des Gesundheitswesens die wesentlichsten Gründe herauszukristallisieren. Die Kantone, verantwortlich für die Spitalfinanzierung, wollen, dass sich die Aufenthalte in den Spitälern verkürzen. «Blutige Entlassungen» sind das Stichwort dazu. Die Krankenkassen wollen die Spitalaufenthalte verlängern, sodass die Patienten nach dem Austritt möglichst keine weiteren Hilfen, Leistungen mehr benötigten. Ihr Kostenmanagement ist rigide, Rehabilitationen zum Beispiel lehnen sie vielfach ab, obwohl diese zur Genesung beitragen würden. Im Gegensatz zur SUVA, die die Verunfallten möglichst rasch in Arbeit bringen will. Die Ärzte wollen ihre nicht kleinen Gehälter, Honorare beibehalten, möglichst erhöhen. Die Pflegenden wollen endlich eine angemessene Entlöhnung. Die Spitexorganisationen wollen ihre Kosten mehr als gedeckt haben, Physiotherapeutinnen schliesslich streben nach angemessenen Honoraren. Fazit: Alle wollen mehr und der Schwarz Peter geht reihum.

Wie kommen wir aus diesem schier ausweglosen Spiel heraus? Wir verfügen auf der einen Seite über alles: Universität-Kliniken mit Spitzenmedizin, hervorragende Spitäler, eher zu viele als zu wenige, eine beste, internationale Ärzteschaft, zu viele Spezialisten, leider zu wenig Hausärzte, unzählige Beratungsorganisationen (Herz-, Lungen-, Krebs-Ligen etc.), öffentlich-rechtliche Spitex-Organisationen, in Konkurrenz mit privaten Anbietern.

Was fehlt ist eine umfassende, klare und verordnete Koordination zwischen allen diesen Anbietern, ein elektronisches Patientendossier, das all die Daten zur Beurteilung – wo auch immer – enthält. Es fehlt das Bewusstsein, dass nur das Zusammenspiel zum Nutzen aller ist. Und wir Patienten müssen kompetenter werden und wenn nötig uns informieren, auch beraten lassen. Im Kanton Zürich ist das Projekt «Triage» unterwegs, dass mit einer Anlaufstelle einen Beitrag dazu leisten will.

Mein Hausarzt sagte mir: «Ich als Arzt kann Sie nicht heilen, ich kann die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Sie geheilt werden, mit Ihren Selbstheilungskräften, die ja erstaunlich gross sind». Heilen wir das Schweizer Gesundheitswesen mit Vernunft aller und der Gewissheit, dass wir es gemeinsam schaffen können.

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5 Kommentare

  1. Kurz gesagt, die Fakten, die Sie über die aktuelle Situation in unserem Gesundheitswesen schildern, sind objektiv gesehen richtig. Subjektiv betrachtet, und hier geht es doch um das Subjekt, nämlich um jede/n der zur Kasse gebeten wird, spiegeln sie einen grossen Missstand in unserer Krankengrundversicherung.
    Ursprünglich gedacht zur Kostenabdeckung von sog. normalen und häufig auftretenden Krankheiten, für jeden und unabhängig vom Alter und Einkommen. Dieser soziale Gedanke ist der Politik und vielen von uns abhanden gekommen. Das Szenario im heutigen Gesundheitswesen ist geprägt von Wettbewerb und Profitdenken auf dem Buckel der zahlenden Bürger*innen. Es läuft gleich wie in der Marktwirtschaft und das ist falsch. Wie bei den Altersrenten geht es um soziale Leistungen zur Absicherung unseres Alters resp. unserer Gesundheit und nicht um marktwirtschaftlich geführte Betriebe, die nur das Beste vom Besten anbieten und vor allem Gewinne machen wollen. Das KVG sollte eine Grundversicherung sein und alle, die mehr wollen, bitte schön, die privaten Versicherungsgesellschaften haben Angebote noch und nöcher, aber nicht auf Kosten der Allgemeinheit.

    Ich denke, viele von uns sind leicht zu beeinflussen, besonders wenn es um unser Wohlbefinden geht. Das wissen die Versicherungsleister nur zu gut und nützen die Schwächen der Politik und derjenigen Menschen aus, die glauben alles medizinisch Mögliche haben zu müssen. Derweil dreht sich die Kostenspirale immer weiter nach oben und wir bezahlen Prämien für Leistungen die längst nicht mehr dem gesetzlichen Auftrag entsprechen. Diese Entwicklung hat diese Auswüchse, die wir heute sehen und erleben, erst möglich gemacht.

    Es ist doch in erster Linie die Aufgabe der Politik und unserer Regierung, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, um unser Gesundheitssystem so zu steuern, dass die obligatorische Krankenversicherung eine soziale Leistung mit adäquaten Beiträgen für alle ist und kein teurer Selbstbedienungsladen.

    Mein Fazit: Bundesrat und Parlament haben in den letzten Jahrzehnten einen schlechten Job gemacht. Sie haben es zugelassen, dass falsche Anreize für Akteure, Profiteure und Lobbisten in der Medizin Standard wurden und sie sind damit dafür verantwortlich, dass unser hochspezialisiertes Gesundheitssystem abgehoben, nicht mehr nachvollziehbar und für viele Bürger*innen unbezahlbar geworden ist.

    • die darstellung von toni schaller ist richtig.

      es braucht einkommensabhän-gige prämien und eine einheitskasse.
      wir haben anspruch auf eine zeitgemässe, medizinische versorgung. keine zweiklassenmedizin, wie es die bürgerlichen möchten
      wir brauchen paralellimporte bei den medikamenten u.a. (die die bürgerlichen ablehnen).
      und wir brauchen eine durchgehende digitalisierung um mehrspurigkeiten zu minimieren.

  2. Ihrer Darstellung, Herr Schaller, ist beizupflichten, aber ihr letzter Satz ‹Heilen wir das Schweizer Gesundheitswesen mit Vernunft aller und der Gewissheit, dass wir es gemeinsam schaffen können› ist eine bare Enttäuschung. Mit Ihrer Lebenserfahrung und Ihren Erfahrungen als Politiker habe ich erwartet, dass Sie nicht nur über die Schuldigen schreiben, sondern auch aufzeigen, was konkret getan werden müsste.

  3. Es ist falsch, wenn Bundesrätin Dreifuss als die Mutter des KVG bezeichnet wird – es ist ja meist auch nicht als Kompliment gemeint, sondern eher als Beschuldigung, weil das KVG die versprochene Kostendämpfung nicht gebracht hat. Das KVG hatte eine lange Vorgeschichte, die in den 70er Jahren begann (4 Expertenberichte, versuchte Teilrevisionen, 2 Volksinitiativen). Es war BR Cotti, der den Gesetzesentwurf mit dem Obligatorium dem Parlament 1992 vorlegte. Bundesrätin Dreifuss trat ihr Amt im April 1993 an. Sie begleitete die Ratsverhandlungen noch bis zur Schlussabstimmung am 18.3.1994 und setzte sich dann bis zur Volksabstimmung am 4.12.1994 engagiert für das Gesetz ein. Man kann aber nicht sagen, dass sie noch wesentlichen Einfluss auf die Inhalte des Gesetzes hatte. Sie als KVG-Mutter zu bezeichnen ist daher abwegig.

  4. Die Korrektur betreffend nicht vorhandener KVG-Mutterschaft von Ruth Dreifuss ist richtig. Identifiziert damit wurde sie, weil sie es in der harten Referendumsabstimmung durchgebracht hat. Eine Kostendämpfung hat sie dabei aber auch nicht versprochen, weil immer klar war, dass der neu umfassende Leistungskatalog – neu obligatorisch versichert, ohne die bisherigen Vorbehalte für Alte, Kranke und Frauen – einen Preis haben würden. Argumentiert hat sie aber mit dem unbestrittenen Ziel, dass die Prämien nicht mehr 8% des Einkommens betragen sollten. Für die dazu nötigen Prämienverbilligungen hat aber nur der Bund die erforderlichen Finanzmittel bereitgestellt, viel Kantone haben sich entgegen ihren Zusagen schnell um die finanzielle Verantwortung dafür gedrückt.

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