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Willkommen im Sprachenland Schweiz

Sprachen bestimmen unseren Alltag und unsere Identität.  Auf vielfältige Weise sinnlich erfahrbar wird das in der neuen Hauptaustellung  „Sprachenland Schweiz“ im Landesmuseum Zürich.

Wie stellt man Sprache aus? Den Machern der Ausstellung „Sprachenland Schweiz“ ist es meisterlich gelungen, das Thema Sprache auf innovative Weise zu präsentieren. Die Besucherinnen und Besucher bewegen sich mit Kopfhörern frei in einer Klang- und Tonszenerie. Je nach Standort hören sie verschiedene Ausführungen, Erläuterungen zu ausgestellten Objekten, Tondokumente oder Audiospuren von Videos. Sie folgen dabei zwei fiktiven Figuren in den verschiedenen Landessprachen, die auf unterhaltsame Art die Inhalte der Ausstellung vermitteln.

Die ehemalige analoge Anzeigetafel des Hauptbahnhofs Zürich wurde eigens für die Ausstellung im Landesmuseum neu programmiert. Der «Generalanzeiger» wird so Teil eines akustischen Begegnungsortes, an dem unterschiedlichste Sprachen aufeinandertreffen. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Auf dem Vorplatz der Ausstellung wurde der ehemalige analoge Generalanzeiger des Zürcher Hauptbahnhofs aufgebaut und vom Tessiner Künstlerpaar Gysin & Vanetti neu programmiert. Beim Aufsetzen der Kopfhörer tauchen die Besuchenden in die Klangkulisse einer Bahnhofshalle ein mit drehenden Anzeigetäfelchen und dem geläufigen Sprachengewirr. Zu hören sind nicht nur die vier Landesprachen, sondern auch andere Sprachen sowie Dialekte, Akzente oder Slangs.

Interaktiv und auditiv gestaltet

Dass die Sprache einem konstanten Wechsel unterworfen und eng mit der Menschheits- und Zeitgeschichte verknüpft ist, zeigt der erste Teil der Ausstellung. Mit verschiedenen Dokumenten in Glasvitrinen und an den  Wänden werden die historisch gewachsenen Sprachräume der Schweiz interaktiv und auditiv erfahrbar gemacht. So erfahren die Besuchenden beispielsweise, dass die verschiedenen regionalen Mundarten in der Westschweiz, die sogenannten Patois, bis zum Ende des 17. Jahrhunderts weitgehend vom Französischen verdrängt wurden. Ein Grammatikbuch von 1790 zeugt von der strengen Bereinigung der französischen Sprache von lokalen Begriffen und Ausdrücken.

Auf dem Schild der Pilatusbahnen, das die Schiffsrundfahrt in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Chinesisch, Japanisch und Hindi ankündigt, wird die Mehrsprachigkeit in der Schweiz auch im öffentlichen Raum sichtbar. Foto: David Müller / swiss-scape.ch

In der Deutschschweiz hatte die Reformation und der Buchdruck einen entscheidenden Einfluss auf die Verbreitung der Schriftsprache, wie das Beispiel der Zürcher Bibel von 1524 zeigt. Interessant ist, dass im Unterschied zu den anderen Sprachregionen die Stigmatisierung der Mundarten in der Deutschschweiz weniger konsequent war. Im 19. Jahrhundert wurden die Mundarten sogar aufgewertet, indem Forschende damit begannen, den Dialekt zu dokumentieren und zu kultivieren, so etwa in der „Sammlung von Schweizer Kühreihen und Volksliedern“ von 1826. Übrigens: 1881 entstand in der Deutschschweiz das erste Dialektwörterbuch.

Die Pistenschilder vom Matterhorn-Gipfel in Zermatt in den Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch sowie in Englisch verdeutlichen die Mehrsprachigkeit im Schweizer Alltag und im Tourismus. Foto: WiPhotoHunter / Shutterstock

In der italienischsprachen Schweiz begannen Notare im 15. Jahrhundert, statt auf Latein in einer Mischsprache aus lokalem und lombardischem Dialekt, einem Schreibdialekt aus Florenz und Latein zu schreiben. Der rätoromanische Sprachraum mit seinen fünf Idiomen, der ursprünglich bis zum Bodensee reichte,  wurde früh von Deutsch verdrängt. Davon zeugt die Geschichte eines ausgestellten Wappens aus dem Kanton St. Gallen. Andere Dokumente zeigen die Weiterentwicklung der Sprache durch Migration.

Sprachenpolitik verändert sich laufend

Im zweiten Teil der Ausstellung wird die Sprachenpolitik chronologisch dokumentiert, beginnend mit der Bundesverfassung von 1848 bis hin zur EWR-Abstimmung 1992 und zur Einführung von Frühenglisch als erste Fremdsprache. Bei den beiden letzten Ereignissen wird die tiefe Kluft zwischen der Deutschschweiz und der Romandie mit Karikaturen und Plakaten belegt. Der Sprachenstreit ist Beweis dafür, dass die Sprachenpolitik der Schweiz sich noch heute ständig verändert und neue Fragen aufwirft.

Die Karikatur aus dem Nebelspalter vom 10. November 1917 zeigt, dass die Schweiz Anfang des 20. Jahrhunderts entlang der Sprachgrenze gespalten ist. Im Kontext der Idee «eine Nation – eine Sprache» wird die Mehrsprachigkeit als trennender Faktor wahrgenommen. Foto: Nebelspalter

An vier runden Tischen treffen die Besuchenden auf Vertreterinnen und Vertreter der vier Landesteile. Bekannte Stimmen wie jene von Patti Basler, Flavio Sala, Vincent Kucholl und Flavio Spescha sind zu hören. Köstlich anzuhören ist hier vorab Patti Basler, wie sie sprachpolitische Themen und Stereotype persifliert. Im dritten und letzten Teil der Ausstellung wird die vielsprachige Gesellschaft der Schweiz in Videos dokumentiert. In einem fiktiven Zugabteil kommen neun Personen zu Wort, die alle eine besondere Beziehung zur Sprache und zur Mehrsprachigkeit haben, so beispielsweise der Eritreer Abdu Mohammed Andu, der acht verschiedene Sprachen spricht, oder Lily Lucy, die auf originelle Art die kurzlebige Jugendsprache mit seinen Slangs beschreibt.

Die bis 14. Januar 2024 dauernde Ausstellung „Sprachenland Schweiz“ glänzt nicht mit vielen ausgestellten Objekten, dafür mit einem originell gestalteten Audiorundgang, der in seiner Art einmalig ist und für einen höchst unterhaltsamen und informativen Ausstellungsbesuch sorgt.

Titelbild: Neun Personen erzählen in einem fiktiven Zugabteil über ihre Mehrsprachigkeit. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

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