Leben hinter Mauern

Eine Ausstellung in Bern und ein neues Buch widmen sich dem Leben hinter den Mauern psychiatrischer Einrichtungen. Bei den gezeigten Fotos handelt sich ausschliesslich um historische Aufnahmen. Die meisten stammen aus den Beständen des Psychiatrie-Museums Bern.

Viele Archive psychiatrischer Einrichtungen bewahren einen Schatz an historischen Fotografien und Glasdiapositiven aus der Zeit um 1900 auf, als sich die Institutionen professionalisierten, modernisierten und neu strukturierten. Meist waren es die Psychiaterinnen und Psychiater selbst, die zur Kamera griffen.

Blick in den Aufenthaltsraum, in dem gelesen, gestrickt und gelebt wird.

Glasdiapositive und -negative, lose Papierabzüge und Fotoalben gewähren faszinierende Einblicke in die Zeit der Modernisierung der Einrichtungen  und zugleich in die Geschichte der Fotografie. Das damals neue Medium wurde von Psychiaterinnen und Psychiatern eingesetzt, um Diagnosen anhand von Merkmalen zu erfassen, aber auch, um der Öffentlichkeit das Leben hinter Anstaltsmauern näherzubringen. Mit zunehmend handlicheren Kameras konnten auch die bescheidenen Freizeitaktivitäten, Festivitäten und kreativen Freiräume festgehalten werden.

Der wohl berühmteste Patient in der Waldau: der Künstler Adolf Wölfli (1864-1930).

«Hinter Mauern» ist eine Ausstellung in Bern, die Fotos aus der Zeit der Irren-, Heil- und Pflegeanstalt Waldau sowie aus andern Schweizer Psychiatrieinstitutionen vorstellt. Das Psychiatrie-Museum Bern verfügt über eine einzigartige Fotosammlung, die erstmals 2005 im Museum gezeigt wurde, und zu der ein Ausstellungskatalog von 2008 existiert.

Nun hat ein Team von Expertinnen und Experten unter Leitung von Katrin Luchsinger sowie Stefanie Hoch nach langjähriger Auseinandersetzung mit dem Thema der Bildproduktion in psychiatrischen Einrichtungen einen neuen Blick hinter die Mauern zusammengestellt. Gemeinsam mit Martina Wernli fokussieren sie sich auf die Untersuchung der fotografischen Zeugnisse. Andreas Altorfer vom Psychiatrie-Museum Bern, hat die in Bern vorhandenen Bestände zugänglich gemacht und zur Verfügung gestellt.

Eine Gruppe weiblicher Patientinnen auf der Treppe vor einem Eingang.

Ziel der Ausstellung ist es laut Stiftungsrätin Daniela Krneta, das Leben hinter den Anstaltsmauern abzubilden. Gezeigt werden Schlafsäle, Stuben, Kader, Anstellte sowie Patientinnen und Patientinnen. Das Arbeiten auf dem Feld wird ebenso festgehalten wie Freizeit und Unterhaltung. «Da die Angestellten und die Patienten fast alle auf dem Areal wohnten, bildeten sie eine grosse Familie,» beschreibt Krneta die Verhältnisse vor hundert Jahren.

Buch-Cover.

Parallel zur Ausstellung ist ein neues Buch mit spannenden Texten und Fotos aus psychiatrischen Kliniken erschienen. «Hinter Mauern. Fotografie in psychiatrischen Einrichtungen von 1880 bis 1935» gibt Einblicke in einen Lebensraum, der in der Gesellschaft nur wenig bekannt ist. Filme wie «One Flew Over the Cuckoo’s Nest» hinterliessen in den siebziger Jahren ein zwiespältiges Bild von unmenschlichen Institutionen. Die Texte in der neuen Publikation legen, soweit dies möglich ist, die Verwendungskontexte der Bilder offen. Oft bleibt die Funktion der Fotografien allerdings im Dunkeln.

Das Psychiatrie-Museum in Bern, auch Schweizerisches Psychiatrie-Museum Bern genannt, ist seit 1993 im alten Pfrundhaus auf dem Areal der Waldau eingerichtet. Die Museumsidee entstand auf Initiative des damaligen Direktors Walter Morgenthaler bereits anlässlich der Landesausstellung 1914, an der auch die «Bernische kantonale Irrenanstalt Waldau» beteiligt war. Die 1990 gegründete Stiftung Psychiatrie-Museum Bern ist Eigentümerin des Museums.

Kuratiert wurde die Ausstellung von der Kunsthistorikerin Dr. Katrin Luchsinger und der Stefanie Hoch vom Kunstmuseum Thurgau.

Gruppenbild mit Ärztinnen und Ärzten sowie weiterem Personal.

LINK zur Ausstellung:

Psychiatrie-Museum – Schweizerisches Psychiatrie-Museum Bern

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 14.00 bis 17.00 Uhr.

Die Ausstellung dauert noch bis Ende November 2023

Buchtipp:
Hinter Mauern. Fotografie in psychiatrischen Einrichtungen von 1880 bis 1935. Herausgeber: Katrin Luchsinger, Stefanie Hoch, Verlag
Scheidegger & Spiess, 2023, ISBN 978-3-03942-056-8

Titelbild: Blick in den Schlafsaal der Männer in der Waldau. Alle Fotos Copyright © Schweizerisches Psychiatrie-Museum Bern.

 

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