Religion im Alter?

Unter dem Titel «Religion und Alter – Braucht es neue Wege?» trafen sich Mitte September Interessierte zur vierten St. Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat. Wie können Glaube oder Spiritualität diese Lebensphase positiv beeinflussen?

 

Regierungsrätin Laura Bucher betonte in ihrer Begrüssungsrede die Wichtigkeit von Religionsgemeinschaften in der Alterspolitik. Einstellungen zu Religion und Spiritualität seien im Wandel auch bei älteren Menschen, die im Durchschnitt gesünder leben und lange selbstbestimmt älter werden. Was bedeutet das für die Religionsgemeinschaften und den Staat? Welche neuen Wege ergeben sich daraus? Inwiefern kann der Glaube oder die spirituelle Praxis diese Lebensphase positiv prägen?

Prof. Dr. François Höpflinger, Soziologe UZH

Nach dem Soziologen François Höpflinger sind traditionelle Altersbilder, welche die Gebrechlichkeit und Unterstützungsbedürftigkeit hervorheben, überholt. Viele ältere Menschen bleiben lange gesund, sind unternehmungslustig, gehen ihren Interessen nach, engagieren sich nach 65 weiterhin in reduziertem Umfang im Beruf, in der Freiwilligenarbeit oder im familiären Umkreis. Im Alter herrsche eine grosse Diversität, weswegen weder vom Staat noch von den Religionen Null-Acht-Fünfzehn-Angebote passend seien. Physisch altere man schon, psychisch und geistig bleibe man oft sehr lange fit. Einladungen von Seniorinnen und Senioren zu Kaffee und Kuchen seien tendenziell überholt. In der Freiwilligenarbeit werde von Älteren Selbst- und Mitbestimmung geschätzt, Unterordnung nicht. Die Weisheit nehme nicht automatisch altershalber zu, Gelassenheit schon.  Man habe weniger Angst vor dem Tod als vor Demenz.

Prof. Dr. Dorothea Lüddeckens, Religionswissenschaftlerin UZH

Altern werde, so die Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens, oft mit Verlust und Problemen assoziiert und Religion/Spiritualität könne dem Umgang mit Problemen des Alterns dienen. Denn in den Religionen bestehe eine grosse Wertschätzung des Alters und der Würde alter Menschen. Zudem stellte eine Studie von Coelho-Junior (Lausanne 2022) Folgendes fest: Menschen mit hohen Religions- und Spiritualitäts-Werten «wiesen eine geringere Prävalenz von Angst und depressiven Symptomen auf und berichteten über eine größere Lebenszufriedenheit und psychologisches Wohlbefinden, bessere soziale Beziehungen und einen eindeutigeren Sinn im Leben.» Für viele sei eine religiöse Orientierung allerdings nicht mehr so wichtig, viele seien aus traditionellen religiösen Gemeinschaften ausgetreten, fänden Zuflucht in alternativen Formen der Spiritualität oder seien überzeugte Agnostiker oder Atheisten.  Eine Religionszugehörigkeit könne auch Ängste und negative Effekte auslösen, wenn im Sterbeprozess Bilder von Gottes Strafe und Höllenqualen auftauchen.

In kurzen Statements von Repräsentanten des Judentums, des Christentums und des Islams und im anschliessenden Podiumsgespräch wurde Folgendes klar ersichtlich: Attraktiv für Ältere kann das Aufgehobensein in der religiösen Gemeinschaft sein. Viele Formen sozialer Unterstützung, gemeinsame Rituale, ethische Richtlinien. Wertschätzung, Begegnungen mit Gleichgesinnten, Engagements in Freiwilligenarbeit und gewohnte Rituale bei Sterben, Tod und Begräbnis kann in unsicheren Lebensphasen Sicherheit geben. Für jeden gebe es genug Möglichkeiten, innerhalb einer Religionsgemeinschaft seinen persönlichen religiösen Weg zu finden.

Auf dem Podium (v.l.): Rabbi Shlomo Tikochinski, Theres Germann (Kantonaler Seniorenrat SG), Regierungsrätin Laura Bucher, Pfarrer Heinz Fäh, Rolf Huber (Präsident der St. Galler Gemeindepräsidien, VSGP), Imam Bekim Alimi

So gesehen sind Religionen sorgende Gemeinschaften. Wie Kirchenaustritte und Religiosität bloss auf dem Papier zeigen, gibt es jedoch nicht nur in der römisch-katholischen Kirche eine Religionskrise und viele Ältere und deren Angehörige fühlen sich in der Religion ihrer Eltern und Grosseltern nicht mehr beheimatet. Begleitung bei schweren Krankheiten und im Sterben sind oft erwünscht, aber eher von An- und Zugehörigen, weniger von religiös motivierten Seelsorgern. Nicht nur für Frauen wirken patriarchale religiöse Strukturen oft altbacken und überholt.

Knapp ein Drittel der Bevölkerung der Schweiz ist mittlerweile konfessionslos, Tendenz steigend. Für die Bestattung auf dem Friedhof ist die Einwohnergemeinde zuständig. Immer mehr werden für die Bestattungsrituale städtische oder private Bestattungsunternehmen beigezogen oder die Nachkommen begraben oder verstreuen die Asche gemäss den letzten Wünschen ihrer Lieben.

Wenn das Vertrauen in die traditionellen Religionen weiterhin schwindet und An- und Zugehörige in der globalisierten Welt weit weg sind, wird der Bedarf an einem sorgenden Umgang miteinander im Quartier umso wichtiger, um der zunehmenden Vereinsamung und Orientierungslosigkeit entgegenzuwirken. Kanton und Gemeinden sollten bei der Gestaltung eines alters- und lebensfreundlichen Sozialraums im Quartier vermehrt unterstützend mitwirken und mit professionellen und freiwilligen Akteuren diesbezüglich konstruktiv zusammenarbeiten, wie es in den kantonalen «Gestaltungsprinzipien der Alterspolitik. Gutes Alter(n) gemeinsam aktiv gestalten» empfohlen wird.

Titelbild: Interessierte im Kantonsratssaal SG am öffentlichen Anlass «Religion und Alter – Braucht es neue Wege?»

Alle Fotos: © Samuel Schalch

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