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Wahlkampf-Philosophie

Ein jüngerer Rabbi fragt einen weisen, erfahrenen Kollegen: «Wie kommt es, dass wir zwei Ohren haben und nur einen Mund?» Er antwortete: «Damit wir doppelt so viel hören, als wir reden sollten». Das ist eine treffende Antwort und philosophisch dennoch nicht klar. Es kommt nämlich darauf an, wie wir hören und mit welchem Muster wir denken. Bin ich links oder rechts verortet oder tendiere ich zur Mitte? Jedes Mal höre ich anders. Schaue ich die Arena-Sendung, will ich vor allem hören, ob ein Kandidat meine Meinung gut vertritt.

Bei den Fernsehgesprächen treten immer Beteiligte auf, die den simplen Spruch des weisen Rabbi in den Wind schlagen. Sie drängen sich vor und unterbrechen andere beim Sprechen. In der Politik geht es nicht um Wahrheit, sondern um Macht. Es geht darum, eine politische Meinung so oft zu wiederholen, dass ein Hörender oder Lesender sie übernimmt, sodass sie bald für ihn denkt. Und eben da liegt das philosophische Problem.

Die Werbung kennt die Tricks. Wir hören oder lesen fast täglich «Lidl lohnt sich». Das schlaue Wort mit den wiederholten L als Stabreime ist sehr eingänglich. Ist ein Lidl in der Nähe, lenkt das Wort das Subjekt, wissen zu wollen, ob sich Lidl wirklich lohnt. Er geht ins Geschäft, sieht Aktionsangebote und schon ist er ein möglicher Kunde. Wäre ich Wahlkämpfer, würde ich für meinen Freisinn das Motto wählen: «Freisinn frischt auf». Ich würde hoffen, dass meine Stabreime wirken würden.

Nicht für alle Kampfparolen von Parteien findet man ein Motto mit Stabreimen. Wie soll ich für das Schlagwort «Gegen eine Zehn-Millionen-Schweiz» einen Reim finden? Die ehemalige CVP, die sich nun Mitte nennt, würde der dreifache Stabreim «Mitte mischt mit», nicht auswählen, denn die Wähler würden sagen: «Ich will nicht bloss mitmischen, ich will sehen, wie meine Postulate durchgesetzt werden».

Das philosophische Problem des einen Mundes besteht darin, dass der Mensch völlig unterschiedlich hört und jeweils mit der Zunge nachsagt, was ihm ins Konzept passt. Es hat sich politischen Menschen schon länger das Sprachritual oder Sprachmuster seiner Partei herausgebildet. Also geht es ihm nicht um Redlichkeit und Wahrheit, sondern um das, was in seiner Sprache bereits vorherrscht. Die Linken pflegen ein anderes Sprachritual als die Rechten. Deshalb reden sie aneinander vorbei. Der Dialog fällt aus und es kommt selten zu einem konstruktiven Kompromiss.

Der weise Rabbi hat dem jüngeren eine einfache Antwort gegeben, die scheinbar überzeugt. Bei kritischer Betrachtung aber hinterlässt sie ein verzwicktes Problem. Jeder muss zuerst prüfen, wo er steht, damit er nicht bloss Zuhörer wird. Hier liegen die Schwierigkeiten, die philosophisch genannt werden könnten. Jeder sollte im Hören denken und wissen, dass derjenige, der spricht, oft einem eingeübten, gefärbten Sprachmuster folgt. Damit würde es auch zwischen den beiden Rabbis komplizierter, als die eingängige Formel von der einen Zunge suggeriert. Was der eine Mund spricht, kann nur als wahr gelten, wenn es im Dialog als richtig anerkannt werden kann. An diesem Punkt müsste das Gespräch zwischen den beiden Rabbis erst in Gang kommen. Der Jüngere dürfte nicht einfach abnicken, was der Ältere ihm sagt.

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1 Kommentar

  1. Sicher wäre es hilfreich für eine gelungene (politische) Auseinandersetzung, würden die Akteure sich mehr Mühe geben mit beiden Ohren zuzuhören, bevor sie reden. Ja und das Wissen über die eigenen Motive gehört eigentlich auch dazu. Die anderen brav ausreden zu lassen ist zwar eine Tugend und dem Anstand geschuldet, genügt jedoch nicht wenn das Gegenüber und seine Sicht der Dinge nicht ernst genommen und von vornherein die Möglichkeit abgelehnt wird, die andere Meinung könnte evt. auch zu einer Lösung des Problems beitragen. Bekanntlich führen viele Wege nach Rom und wir Schweizer sind doch Weltmeister im Kompromisse schmieden. Redlichkeit und Wahrheit würde ich hinter Wahlparolen nicht erwarten, eher Kalkül und Geld. Genauso wie bei Lidl und Co.

    Mir scheint, die rasante Digitalisierung des Lebens macht es vielen, besonders auch den Jugendlichen, immer schwerer zuzuhören, falsch von Wahrheit zu unterscheiden und sich in Ruhe eine Meinung zu bilden. Die Werbung hatte immer schon einen gewissen Einfluss über unsere Handlungen, aber mit den Möglichkeiten des Internets, wird er noch vervielfacht und stiftet nicht nur bei den Jungen Unsicherheit und Verwirrung. Mein Trost in unserer unübersichtlichen Zeit ist das Zitat von Heraklit: „Nichts ist so beständig wie der Wandel“. Wir müssen nur irgendwie damit klarkommen.

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