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Zu Besuch bei Farida Ahmed-Bioud

Im Beruf setzte sie sich als Sprachlehrerin mit dem Wort auseinander. In der Freizeit entdeckte sie die Aussagekraft des Bildes. Heute widmet sich Farida Ahmed-Bioud als Fotografin und Malerin ganz der Sprache des Bildes. Ein Besuch bei der rüstigen 82-Jährigen.

Hunderte von Berner Gymnasiastinnen und Gymnasiasten haben in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren bei ihr Französisch gelernt. Heute ist Farida Ahmed- Bioud pensioniert und lebt in einem schmucken Reihenhaus in Bern. Ihr Interesse gilt primär der Kunst. Sie besucht Ausstellungen in der ganzen Schweiz, ist Mitglied eines Kunstvereins und betätigt sich selber als Fotografin und Malerin.

Diplomarbeit eines Malkurs war das Bild eines offenen Schädels, durch den man auf das Meer sieht.

In ihrem Haus hängen zahlreiche ihrer Kunstwerke. Jahrelang beschäftigte sie das Motiv „Emigration“. Entstanden sind Fluchtbilder und Fluchtfotos. Wolken, Landschaften, Seen gehören auch zu ihren Lieblingsmotiven. Abschlussarbeit eines Malkurses war vor vielen Jahren ein Schädel, durch den man als Zuschauer das weite Meer erkennt. Jahrelang hat Farida Ahmed-Bioud Fototransfers hergestellt. Derzeit ist sie damit beschäftigt, eigene Kunstwerke für den Verkauf vorzubereiten. Den Erlös wird sie der „Schweizerischen Flüchtlingshilfe“ zur Verfügung stellen.

Aufgewachsen in Kairo

Das Thema Flucht begleitete sie durch das ganze Leben: Die Tochter eines Algeriers und einer Entlebucherin wurde mitten im Krieg in der Nähe von Köln geboren. Die ersten Jahre verbrachte sie in Südfrankreich. Als die Alliierten einmarschierten, floh ihre Familie zuerst nach Deutschland und danach in die Schweiz. Ihr Vater war illegal über die Schweizer Grenze eingereist. Als man ihn aufgriff, wurde er während eines Jahres in einem Lager bei Genf interniert. Dort gab er sich als Ägypter aus, sonst hätte man ihn an die Franzosen ausgeliefert.

Faridas Eltern wollten gerne in der Schweiz bleiben, aber ihr Vater erhielt hier kein Asyl. 1946 wurde die Familie vom Roten Kreuz nach Kairo ausgeflogen, in das vermeintliche Heimatland des Vaters. Dort verbrachte die Tochter von 1946 bis 1956 zehn Jahre ihrer Kindheit und Jugend.

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Im Rahmen eines Projekts führten die beiden Schüler Alfred Schmidhauser und Bruno IIli vom Campus Muristalden in Bern kürzlich ein Interview mit der ehemaligen Lehrerin. Die folgenden Antworten sind ein Auszug aus dieser Schüler-Arbeit.

Welche Erinnerungen haben Sie an Kairo?

Wir waren dort Fremde, ich habe mich nicht Daheimgefühlt. Meine Eltern schickten mich in eine deutsche Klosterschule, auf der nur Mädchen unterrichtet wurden. Diese Schule existiert heute noch. Die Nonnen unterrichteten allgemeine Fächer in deutscher Sprache. Bereits in der 1. Klasse wurde Französisch und Arabisch unterrichtet, ab der 2. Klasse auch Englisch. Auf der Strasse sprach ich den ägyptischen Dialekt und zu Hause Französisch sowie Deutsch. Ich durfte vermutlich ab der 2. oder 3. Klasse ohne Begleitung zu Fuss in die Schule gehen. Der Schulweg dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Man musste als Mädchen sehr aufpassen, um nicht belästigt zu werden. Ich musste sehr selbstbewusst und sicher auftreten.

Erinnern Sie sich an Ihre Mitschülerinnen?

In ihrem Foto-Atelier.

Kairo war damals sehr international. An der Schule gab es auch Mädchen aus Griechenland, Russland sowie Armenien. Neunzig Prozent der Mädchen waren Ägypterinnen. Ihre Eltern hofften, die Töchter mit guter Bildung besser verheiraten zu können. Ich habe erlebt, dass im 8. Schuljahr einzelne Schulkameradinnen von einem auf den andern Tag nicht mehr zur Schule kamen, weil sie zwangsverheiratet wurden. Oder man war plötzlich zu Hochzeiten eingeladen. Die Familien haben die Hochzeiten organisiert, ohne dass die Mädchen den Mann vorher kennenlernen konnten.

Haben Sie Erinnerungen an die arabische Kultur?

Arabisch wurde uns von einem ägyptischen Lehrer unterrichtet. Das war damals für mich sehr eindrücklich, da ich meinen Vater zu Hause nie arabisch sprechen hörte. Er sprach Französisch oder einen algerischen Dialekt.

Für mich war auch wichtig, dass meine Eltern uns Kinder mit der alten ägyptischen Geschichte vertraut machten. Die Pyramiden und die Sphinx waren für uns fast etwas Alltägliches. Jedesmal, wenn wir Besucherinnen und Besucher hatten, haben wir diese dorthin begleitet.

Der Zoologische Garten in Kairo hat mich ebenfalls sehr beeindruckt. Die Pinguine hatte ich am liebsten. Und natürlich hat mir auch der Nil sehr gefallen. Jedes Jahr gab es Überschwemmungen, was immer ein grosses Fest war. Das Land wurde bewässert, und dank dieser Bewässerung war die Landwirtschaft sehr reich.

Wann kamen Sie in die Schweiz?

Das war 1956, ich war 15 Jahre alt. Mein Vater wollte, dass ich studiere. Ich sollte Ingenieurin werden und später in Algerien Brücken bauen, wenn das Land dann selbstständig wäre. Algerien wurde erst 1962 von Frankreich unabhängig.

In ihrem Atelier.

In der Schweiz kam ich direkt an das Gymnasium Kirchenfeld, in den «Real-Gymer» mit Schwerpunkt Mathe und Naturwissenschaften. Mit den Sprachen hatte ich keine Probleme, aber die Fächer Darstellende Geometrie und Physik waren mir zu viel. In der Tertia habe ich auf das Wirtschaftsgymnasium gewechselt. 1959 habe ich nochmals gewechselt und dann ein Diplom auf einer kaufmännischen Schule als Stenotypistin gemacht.

Wie fühlten Sie sich in Bern?

Ich habe mich hier viel freier gefühlt als in Kairo. Ich bin sehr gerne geschwommen, im KaWeDe oder in der Aare. Wobei die Aare mich ein bisschen enttäuscht hat, das Meer habe ich lieber. Einmal habe ich mich aber an der Stirn verletzt, als ich vom Schönausteg einen Kopfsprung gemacht habe, danach bin ich nicht mehr in der Aare schwimmen gegangen. Auch weil die Aare mitreisst und man immer wissen muss, wo man aussteigen kann.

Vor einem Fototransfer.

An das Gymnasium kamen viele Schüler aus wohlhabenden Familien und wohnten in grossen Häusern. Deren Eltern waren oft an den Wochenenden verreist, also hat sich die Klasse an den Samstagen jeweils in einer Villa zum Tanzen getroffen. Wir haben Jazz oder Blues gehört, z.B. Armstrong, später die Beatles. Das war etwas ganz anderes als in Kairo.

Nach der eidgenössischen Matur haben Sie Französisch sowie Anglistik studiert und wurden Gymnasiallehrerin. Haben Sie einen Ratschlag an die heutige Jugend?

Ich finde, es ist wichtig, dass man einander respektiert und sich als Mensch behandelt, ohne einen Unterschied zu machen, welche Herkunft oder welches Geschlecht man hat. Man soll die Menschen achten und darauf schauen, dass man dies von Klein auf lernt. Meine Nachbarn haben kleine Kinder. Sie besitzen Kinderbücher über die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Also Männer mit Frauen, Frauen mit Frauen, Männer mit Männern, Trans und so weiter. Die Eltern informieren ihre Kinder und sind offen, das finde ich ganz toll.

Was liegt Ihnen gesellschaftlich am Herzen?

Beeindruckt von starken Frauen.

Für mich ist die Stellung der Frau ein sehr wichtiges Thema. In meiner Jugend wurde man als Mädchen nicht auf ein Leben als selbstständige und selbstbewusste Frau vorbereitet. Es gab praktisch keine Bücher, die informiert oder unterstützt hätten. Aber wenn ich Zeitungsartikel entdeckt habe, oder ein literarisches Werk oder durch das Kino aufmerksam wurde auf eine starke Frau, dann habe ich mir die Namen aufgeschrieben. Ich habe mich informiert, und wollte herausfinden, wie diese Frauen das geschafft haben. Ich war auf der Suche nach Vorbildern von starken und selbstständigen Frauen.

Haben Sie diesbezüglich Idole?

Zum Beispiel Golda Meir. Sie stammte aus Russland und war eine grosse Politikerin in der Gründungszeit Israels. Sie war ein Vorbild auch für mich. Oder die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff, die im frühen 19. Jahrhundert Dichterin war. Und die Autorin von «Frauen im Laufgitter», Iris von Rothen. Sie hat für die Gleichstellung gekämpft.

Mitarbeit: Alfred Schmidhauser und Bruno IIli vom Campus Muristalden

Titelbild: Die Fotografin zeigt in ihrem Atelier eines ihrer Fluchtbilder. Fotos PS

LINK zur Faridas Fotogalerie

Spiegelungen im  Murtensee

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