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Bin dann mal weg…

Ein Kind, das stets liest, ist nicht da. Es kann nicht eingesetzt werden für kleine Botengänge und Handreichungen. Schnell mal ein Brot kaufen beim Bäcker um die Ecke. Den Geschirrspüler ausräumen. Nachschauen, ob die Waschküche frei ist. Zwar hatten wir zu Hause keinen Geschirrspüler, sondern einen eierschalfarbenen Spültrog mit braunen Flecken, die auch mit Vim und Scheuerschwamm nicht wegzukriegen waren, aber ich war so ein Kind. Ein Lesekind, das nicht da war. Nicht zur Stelle, wenn Unterstützung gebraucht wurde in Haus, Hof und Garten.

Mein Vater hat stets kopfschüttelnd zu mir gesagt: Du wirst später nicht bezahlt fürs Lesen. (Er hat sich getäuscht). Und er nannte mich einen Lesfetzen. Mir gefiel diese Bezeichnung. Ich stellte mir ein zerschlissenes Kleid mit lauter aufgedruckten Büchern vor, das ich gerne getragen hätte. Und nur, wenn die ganze Familie beim Essen am Tisch versammelt war und ich heimlich ein Buch auf den Knien hatte, wurde Vater ungemütlich. Er wies mich vom Tisch und sagte lauter als sonst: So iss du doch deine Bücher. Unsereiner braucht Fleisch und Kartoffeln. Du offensichtlich nicht.

Vater ging nie so weit, dass er mir ein Buch wegnahm. Mutter ohnehin nicht. Aber ich spürte, dass sie mich manchmal irgendwie besorgt anschaute, wenn ich mich in eine Ecke verzogen hatte und las. Ich spürte ihren Blick, schaute aber nicht hoch vom Buch. Aber ich konnte auch ihren Blick lesen. Darin lagen Fragen: Was findest du denn an den Büchern? Warum liest du die ganze Zeit und gehst nie nach draussen? Spielst nicht mit deinen Schwestern? Hüpfst nicht mit beim Gummitwist und hilfst mir nie freiwillig im Garten? Ein Kind, das stets liest, ist nicht da. Es entzieht sich. Es verlässt die enge Stube und schwirrt davon in unbekannte Gefilde.

«Der fliegende Robert» aus dem «Struwwelpeter» von Heinrich Hoffmann.

Mein Vorbild war der fliegende Robert, ihm und seinen Flugkünsten galt meine ganze Sehnsucht. An ihn dachte ich bei Regenwetter und vor allem bei Sturm, und der fliegende Robert ist der Grund, weshalb ich Stürme liebe und Regenwetter ohnehin. Gibt es was Besseres, als wenn der Regen auf die Scheiben trommelt und gerne auch laut hörbar aufs Dach und du sitzest bequem auf dem Sofa und liest und liest? Irgendwann klappst du das Buch zu, ziehst Regenmantel und Gummistiefel an und trittst vor das Haus, spannst den gossen Regenschirm auf und machst dich auf den Weg, der mindestens 10’000 Schritte umfasst und denkst dabei wieder an den fliegenden Robert, bedenkst immer die zwei letzten Zeilen:

«Wo der Wind sie hingetragen,
Ja! Das weiss kein Mensch zu sagen.»
(sie = Schirm, Hut und Robert)

Ich habe mir als Kind vorgestellt, dass Robert sich irgendwie materialisieren könnte, aus dem Buch hinausträte und mit mir zusammen wegfliegen würde. Wir würden uns in die Lüfte erheben und die Winde würden uns davontragen, direkt in den Bücherhimmel. Erst viel später ist mir in den Sinn gekommen, dass Robert vielleicht gar kein Leser war, mit Büchern also tatsächlich nichts am Hut haben könnte, aber schnell habe ich diesen Gedanken weggescheucht und mir selbst die nicht ganz wasserdichte Begründung geliefert: Wenn Robert doch in einer Geschichte vorkommt, die so viele Menschen kennen, so muss er doch Geschichten lieben. Klammer: Der fliegende Robert war für mich als Kind realer als mein Bruder. Mit ihm erlebte ich Dinge, die zusammen mit meinem Bruder undenkbar waren.

Wenn ich heute Kinder betrachte, die voller Konzentration vor Spielkonsolen sitzen, denke ich: Sie sind nicht da. Sie sind nicht ansprechbar. Es ist in gewisser Weise dasselbe wie bei mir damals: Diese Kinder sind zwar da, navigieren sich aber durch andere, imaginäre Welten. Ich kann sie gut verstehen, auch wenn ich nicht verstehe, was sie spielen. Aber dass heutige Kinder sich manchmal davontragen lassen, entschwinden wollen, weg von Pflichten und Schule und Sport und Musikunterricht und Förderprogrammen und nervigen Geschwistern, das begreife ich vollkommen. Allerdings versuche ich zumindest in meinem Umfeld beharrlich, die Kinder mit meinen Mitteln zu verführen und sie in andere Welten zu locken: Ich schenke ihnen Bücher. Damit aus ihnen Lesfetzen werden.

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1 Kommentar

  1. Liebe Frau Roth-Hunkeler

    Herzlichen Dank für diese Kolumne und den Einblick in Ihre Kinderwelt. Einfach wundervoll geschrieben!

    Da wurden gleich eigene Erinnerungen an die vielen heiss verschlungenen Kinder- und Jugendbücher wieder wach. Und diese Sehnsucht, doch bitte zwischen die Buchdeckel schlüpfen zu können und selbst Teil der abenteuerlichen Geschichten zu sein.

    Auch ich verschenke viel und gerne Bücher – nicht nur Kindern. Denn:
    «Wer Bücher schenkt, schenkt Wertpapiere.» Der Satz ist leider nicht von mir, sondern von Erich Kästner.

    Beste Grüsse
    Ihr Lesfetzen Anja

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