Lesekrise

Es gibt Schlagzeilen, die ich nur vage wahrnehme und die schnell verblassen, es gibt solche, die mich erschrecken. Diesmal denke ich nicht an die Kriege, die Trauer säen, Städte zerstören und Menschen zu Krüppeln machen und töten. Diesmal erschreckt mich auf der Ebene der Kultur unserer Gesellschaft die Analyse der Lesekrise in der Schweiz und in Europa. «Die Hälfte der 15-Jährigen in der Schweiz liest heute so schlecht, dass sie für den Alltag nicht ausreichend gewappnet ist», schreibt Maik Philipp, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Sie werden aus den Schulen mit Leseschwächen in die Wildbahn des Lebens entlassen und handeln sich dadurch unglaubliche Nachteile ein. Die Sprachschwäche der Schulabsolventen behindert ihr Fortkommen in Beruf und Gesellschaft.

Die Lesekrise hat auch Auswirkungen auf das demokratische Zusammenleben, wie im Bericht der NZZ* ausgeführt wird. Die Sprache ist das Fundament der Kommunikation. Wer sie also nur soweit beherrscht, dass er die Mundart und einfache Worte versteht, bei etwas komplizierteren Texten aber ins Stocken gerät, liefert das Denken denen aus, die ihre eigenen Zwecke verfolgen. Worte und Begriffe entscheiden über die Wahrnehmung. Ein schmaler Sprachschatz führt auch zu eingeengter Wahrnehmung. So wächst die Verführung durch eine populistische Sprache, die Sachverhalte meist auf gängige Schlagwörter reduziert und damit das Denken minimalisiert.

Es war interessant festzustellten, dass die Schweizer Jugend in den Pisa-Studien beim Leseverständnis Jahr um Jahr schlechter abschnitt. Heute wird die Lesekrise mit der Studie erforscht, die sich Iglu nennt und für «Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung» steht. Bei diesem Wettbewerb drückt sich die Schweiz mitzumachen, weil die Verantwortlichen wissen, dass die Schüler schlecht abschneiden.

Natürlich sind die Bildungsforscher der Frage, woher die Leseschwäche kommen könnte, nachgegangen. Sie hänge vom soziologischen Status der Familie ab. Je weniger gebildet die Eltern seien, desto geringer sei die Lesefähigkeit ihrer Kinder. Dies ist nicht einmal die halbe Wahrheit, denn diese Schicht betrifft höchstens 15 bis 20 Prozent. Die Leseschwäche aber ist viel umfassender. «In Schweden glaubt man derweil eine Erklärung für die Misere gefunden zu haben: das Tablet ist schuld». Die Digitalisierung hat alle Schichten erfasst und verdrängt frühere Lernmethoden oder stört die Aufmerksamkeit.

Wie lehrte Schwester Maria-Lina vor 80 Jahren die Schüler lesen? In einem schlichten Heft oder an der Wandtafel war ein Ei gezeichnet und daneben stand das Wort im Nest. So ging die Lehrerin sprachlich durch die Welt der Kinder. Ganz einfach baute sie die Lese- und Schreibfähigkeit auf, bis die Erstklässler einen Text lesen konnten, und zwar auch ohne Bilder. Die Bilder und Benennungen hatten die Einbildungskraft gefördert und wurden zur Voraussetzung für das Leseverständnis.

Am Tablet hantierende Kinder würden heute über einen solchen Unterricht spotten, die Eltern würden ihnen recht geben und das veraltete Lernen beklagen. Aber ich lernte damals schon von Schwester Maria-Lina die Elementarteile des Lesens und konnte ganz allmählich komplexe Texte verstehen. Sie waren freilich noch nicht durch zahlreiche Anglizismen bespickt. Gibt es etwas Schöneres, mit der Magie der Sprache, die Wirklichkeit und die Welt zu entdecken. Gérard Depardieu, der grosse Schauspieler, sagte: «Dass ich das Lesen entdeckt hatte, hat mir das Leben gerettet».

* NZZ am Sonntag, 19. November 2023

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