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Gesellschaft und Gesundheit

«Was ist Gesundheit?» Die unterschiedlichsten Aspekte dieses Themas wurden in der diesjährigen Vortragsreihe des Collegium generale der Universität Bern beleuchtet. Hier ein Einblick in einige Referate. Die Vorträge sind als Podcasts nachhörbar.

Gesundheit ist uns hoch und heilig – und kostspielig. In den Vorträgen dieser Reihe geht es weniger um die Gesundheit des Einzelnen, sondern um die gesellschaftlichen Probleme und Aufgaben, die sich stellen, wenn wir «eine Gesellschaft in Gesundheit» anstreben.

Die 1948 formulierte Definition der WHO wurde vielmals angesprochen: «Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und geistigen Wohlbefindens.» Darin sticht besonders hervor, dass nicht allein die Abwesenheit von körperlichen Schmerzen oder Leiden zu Gesundheit gehört, sondern Körper, Seele und Geist als Einheit gelten. – Eine Erkenntnis, die in den alten Kulturen Indiens und Chinas die Grundlage der Heilkunde bildeten.

Dieses umfassende Konzept nimmt das OneHealth-Modell auf, vorgestellt von Jakob Zinsstag vom Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut in Basel. Die deutsche Übersetzung «Eine einzige Gesundheit» verdeutlicht es: ein integrierter Ansatz, der die Gesundheit von Menschen, Tieren und der Umwelt umfasst. Ganz neu ist diese Idee jedoch nicht. Schon im 19. Jahrhundert betonte der deutsche Pathologe Rudolf Virchow im Preussischen Senat, es sollte zwischen Tier- und Humanmedizin wissenschaftlich keine Scheidegrenze bestehen. Später schuf der amerikanische Veterinärepidemiologe Calvin Schwabe den Begriff «One Medicine» und postulierte ebenfalls: «Zwischen der Human- und der Veterinärmedizin gibt es keine unterschiedlichen Paradigmen».

Eine einzige Gesundheit für Natur, Tier und Mensch

Anfangs des neuen Jahrtausends nahmen auch andere Forschende diese Idee auf, um das Gesundheitswesen zu stärken. Wenn wir die Gesundheit von Menschen gleichzeitig mit der Gesundheit von Tieren und Pflanzen betrachten, das heisst Menschen, Tiere und Pflanzen gleichzeitig auf ihre Gesundheit untersuchen, wird das also nicht nur dem Menschen, sondern allen Lebewesen zugutekommen. Dafür braucht es die Zusammenarbeit von Ärztinnen, Tierärzten, Phytopathologinnen und Vertretern anderer beteiligten Wissenschaften. – Das ist das Ziel des OneHealth-Modells.

Aus ähnlichen Gründen beschäftigt sich Adrian Steiner, Leiter der Wiederkäuerklinik an der Universität Bern, mit der Verbesserung der Tiergesundheit – ein Anliegen, das von Tierschützerinnen, Veganern und vielen anderen vehement gefordert wird. Ganz konkret erläuterte Adrian Steiner, wie sich die Forschung zur Tiergesundheit in den letzten Jahrzehnten geändert hat, angefangen von der Tierzucht, die heute von anderen Kriterien bestimmt ist, dass die Tiere sich nämlich freier bewegen können, man denke an die Laufställe. Auch die Arbeit des Tierarztes hat sich geändert, muss sich wandeln, denn zur Zeit ist aus dem früheren «Viehdoktor» mehrheitlich eine Tierärztin geworden.

Gesundheit auf dem Bauernhof und in fernen Landen

Auf eine spannende Reise wurde das Publikum im Vortrag der Geografieprofessorin Susan Thieme und ihres Doktoranden Luca Tschiderer mitgenommen. Sie haben sich auf Gesundheitsgeografie spezialisiert, einen spannenden Zweig der Geografie, der Mensch und Natur in Beziehung setzt. Susan Thieme beschrieb ein Hilfsprojekt in Nepal, wo Laien – fast nur Frauen – als Hilfspflegepersonen ausgebildet werden, damit sie in den Dörfern die fehlende Medizin so weit als möglich ersetzen bzw. ergänzen können. Den kranken Menschen an schwer zugänglichen Orten kann so geholfen werden, und die Gesundheitshelferinnen erfahren Anerkennung in der Gemeinschaft, es kann sogar ein erster Schritt sein in ein Amt in der Gemeinde.

Das digitale Patientendossier

Ein weiterer Aspekt der Gesundheit ist die Notfallmedizin. Wir möchten sie nicht in Anspruch nehmen, sind jedoch froh zu wissen, dass sie gut funktioniert. Thomas Sauter, Chef des Notfallzentrums im Inselspital Bern, erklärte mit Engagement, was unter digitaler Akutnotfallmedizin, bzw. Telenotfallmedizin zu verstehen ist und wie es in Zukunft in einer Notfallstation zugehen wird.

Die Erweiterung unserer Realität, Medical Extended Reality, wird bereits für die Ausbildung in der Humanmedizin, aber auch im klinischen Alltag angewendet. Die Forschenden sammeln im Alltag Daten in allen Abläufen. Anwendungen, die mit künstlicher Intelligenz den Alltag einer Notfallmedizinerin unterstützen, sollen selbstverständlich werden. Künstliche Intelligenz wird dabei eine grosse Rolle spielen. Auf meine Frage, welchen Platz die Notfallärztin oder der -arzt dann noch haben wird, antwortete Prof. Sauter: «eine begleitende, empathische Rolle». Mir blieben Zweifel, wie sich das für die Patientin, den Patienten anfühlt. – Deshalb noch einmal: Thomas Sauter sprach von der Notfallmedizin, wo es darauf ankommt, so schnell wie möglich eine Diagnose und die bestmögliche Behandlung festzulegen. Und: Voraussetzung ist das digitale Patientendossier, das wohl noch eine Weile auf sich warten lassen wird.

Gendermedizin – eine Notwendigkeit

Über die Geschichte der Gendermedizin sprach eine Pionierin dieser Disziplin: Vera Regitz-Zagrosek, emeritierte Professorin der Charité, Berlin. Ein Glück, dass Frau Regitz Zagrosek sich ihr Leben lang diesem Thema gewidmet hat, möchte ich sagen. Denn nur langsam verbreitet sich die Tatsache, dass Männer und Frauen, genau genommen: jeder Mensch gleich welchen Geschlechts, sich voneinander unterscheiden. Genetisch kann die Wissenschaft das heute beweisen.

Ein Beispiel ist inzwischen bekannter geworden: Ein Herzinfarkt zeigt sich bei Frauen anders als bei Männern und verläuft auch unterschiedlich. Das gilt für sehr viele Krankheiten, denken Sie nur an die Grippe. Daher müssen Krankheitskonzepte in Lehrbüchern, Leitlinien und Therapieansätze geschlechterspezifisch überdacht werden. – ein beeindruckender Vortrag.

Gesundheit braucht Wohlbefinden, besonders im Alter

Den Bedürfnissen alter, hilfsbedürftiger Menschen widmete sich ein Team: Minou Afzali (Swiss Center for Design and Health Bern) und Tobias Meyer (Universitäre Altersmedizin Felix Platter Basel) haben gemeinsam den Innenbereich der gerontologischen Klinik neu gestaltet.
Ihr Ausgangsgedanke war: Wenn Menschen altern, nehmen nicht nur ihre motorischen Fähigkeiten ab, sondern sensorische und kognitive Herausforderungen nehmen zu. Ältere Menschen kommen damit besser zurecht, wenn die Gestaltung der Umgebung ihren schwindenden Fähigkeiten Rechnung trägt. Design und Architektur können die Sicherheit alternder Menschen fördern und ihre Lebensqualität erhöhen. Die Lichtbilder zeigten eindrucksvoll, wie viel angenehmer die Räume wirken, nachdem Minou Afzali und Tobias Meyer ihre Pläne umgesetzt hatten.

Wir haben keine Wahl

“Wir haben keinen Planet B” – das ist die Botschaft von Ana Maria Vicedo-Cabrera. Sie verbindet Umweltwissenschaften mit Medizin bzw. Epidemiologie. In ihrem Vortrag, dem Abschluss der Reihe, fasst sie zusammen, was uns alle bewegt: Die Gesundheit der Menschheit und die Gesundheit der Natur bedingen einander. Der Klimawandel beeinflusst die Natur, die Menschen und die Wirtschaft. Provokativ stellt sie fest: Was heute extrem scheint, wird in Zukunft zur Norm werden. Jede klimaschonende Massnahme kann sich unmittelbar auf die Gesundheit auswirken. Armut jedoch macht anfälliger für die Konsequenzen des Klimawandels.

Diese junge Frau, in Spanien aufgewachsen, mit Abschlüssen in mehreren Studiengängen, zeigt ebenso beredt wie überlegt mit vielen graphischen Darstellungen die aktuellen Spannungen zwischen Gesundheit und Gesellschaft auf. Proteste der Klimaaktivisten erleben wir immer wieder – hier arbeitet eine Vertreterin der jungen Generation an neuartigen Konzepten, um unserer Zukunft eine lebenswerte Richtung zu geben.

Collegium Generale Uni Bern Ringvorlesung Herbst 2023.
Alle Informationen zu den Vorträgen und Podcasts.

Titelbild: Bienenwaben (Foto: pixabay) als Sinnbild dafür, dass alles Leben verbunden ist.

 

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