Zeilen im Kopf

Es ist nun die Jahreszeit des Nebels. In den sogenannten Niederungen beginnt fast jeder Tag mit dichtem Nebel und oft enden die Tage auch so, ohne dass sich der Nebel je aufgelöst hätte. Es ist kein Trost, zu wissen, dass sich in der Höhe ein dunkelblauer Himmel über eine besonnte Landschaft zieht und das Tragen einer Sonnenbrille unabdingbar ist. Nur, rückwärts gelesen verwandelt sich ‘Nebel’ in ‘Leben’ und genau das habe ich heute früh erlebt. Ein Spaziergang durch dichten Nebel, warm eingepackt und voller Vorfreude auf den heissen Tee, den ich mir nachher gönnen würde. Und dann waren die Zeilen plötzlich da:

«Schatten und der Schatten Spiele,
Die durch nackte Sträucher huschen!
Geisterhände, leichte, viele,
Die ein Bild im Nebel tuschen: (…)»

Spuren eines Gedichtes, von dem ich nicht mehr wusste, wer es geschrieben hatte, wie sein Titel lautet und wie es weiter ging. Aber ich freute mich über die paar Zeilen und sprach sie ein paarmal halblaut vor mich her, nicht ohne mich vorher zu versichern, dass niemand in der Nähe war. Menschen, die halblaut vor sich her reden ohne zu telefonieren gelten schnell als sonderbar. Es war niemand da und selbst wenn jemand da gewesen wäre, wäre dieser Mensch ohnehin vom Nebel verschluckt worden. Mit diesen tuschenden Geisterhänden im Kopf wurde der Nebel sogleich geheimnisvoller und ich konnte ihm etwas abgewinnen und erinnerte mich an eine Zeit, als ein Spaziergang zu zweit im Nebel das Romantischste überhaupt war, das ich mir vorstellen konnte. Nebel empfand ich damals nicht als Wetterphänomen, sondern als Verwandlung der Welt in etwas so Ungewisses wie es die Zukunft war.

Zuhause klickte ich mich durchs Internet und fand schnell heraus, dass der Dichter Karl Krolow uns diese Geisterhände geschenkt hat, die ein Bild in den Nebel tuschen. Sein Gedicht erschien in ‘Die Zeit’ am 11. Februar 1954, da war Krolow 39 Jahre und ich vier Monate alt, Krolow starb 1999 und ich lebe seit langer Zeit mit seinen Geisterhänden und habe, welch ein Glück heute morgen, den ganzen Stapel Bücher dieses Autors, meist Gedichtbände, sofort aus dem Bücherregal geholt und werde heute einen sehr schönen Tag zusammen mit Krolow verbringen, auch wenn sich der Nebel voraussichtlich nicht lichten wird. Ich bin sogar versucht, zu denken: Hoffentlich nicht!

Das hier ist ein Plädoyer für Gedichte. Haben Sie bitte keine Scheu vor Gedichten! Sie müssen nicht herausfinden, was der Autor / die Autorin damit gemeint hat. Viel spannender ist es zu erkunden, was Ihnen zu einem Gedicht einfällt. Welches Bild auftaucht. Welche Frage. Und wenn es bloss ein Kopfschütteln ist. Sie müssen nicht einmal ein ganzes Gedicht lesen. Nur ein paar Zeilen. Ab und zu ein paar Zeilen. Und vielleicht haben Sie noch einzelne Zeilen im Kopf, ganze Gedichte gar? Vielleicht: «Und dann und wann ein weisser Elefant»? Oder das oft zitierte «Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr» oder «Wer reitet so schnell durch Nacht und Wind» oder «O schaurig ist’s, übers Moor zu gehen…» . Mal das Ganze kurz nachlesen, rate ich, das Internet macht es so einfach. Eine Strophe auswendig lernen als kleines Gedächtnistraining, warum nicht?

Theres Roth-Hunkelers Stapel mit Büchern von Karl Krolow.

Vielleicht geht es Ihnen wir mir. Vielleicht gehörten Gedichte auch bei Ihnen zu Weihnachten genauso wie die Krippe unter dem Weihnachtsbaum. Das ganze Jahr über spielten Gedichte bei uns zuhause nicht die geringste Rolle, aber zu Weinachten mussten
wir Kinder ein Gedicht aufsagen, stehend neben dem Weihnachtsbaum. Erst hinterher durften wir die bescheidenen Geschenke öffnen. Ich liebte diesen Anflug von Poesie in der Bauernstube. Diese Feierlichkeit. Diese Stimmung. Und dass die Erwachsenen wirklich hinhörten. Uns zuhörten. Unsere Mutter sprach die Gedichte leise mit und half sofort weiter, wenn jemand den Faden verloren hatte. Für eine meiner Schwestern war der bevorstehende Auftritt vor dem Baum das Allerschlimmste und hat ihr Weihnachten für immer verdorben. Während ich ‘Markt und Strassen stehn verlassen’ noch heute auswendig hersagen kann, auch wenn wir längst keinen Weihnachtsbaum mehr haben. Gedichte leben eben länger. Und mit Gedichten, wer weiss, lebt man länger. Und wenn Sie einen Gedichtvorrat brauchen oder verschenken wollen: «Moderne Poesie in der Schweiz», Limmat Verlag 2013, spiegelt das poetische Schaffen in der Schweiz im 20. Jahrhundert bis fast heute. Auf ein poetisches Neues Jahr und schöne Nebeltage!

Bild: Theres Roth-Hunkeler

 

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