Nach Weihnachten

Geht es Ihnen auch ähnlich wie mir und sind Sie nach Fest und Feier leicht melancholisch und sehen, dass die Welt in Schieflage geraten ist. Eine dunkle Stimmung verfinstert für Augenblicke den Tag. Es herrscht eine Art kognitiver Pessimismus mit der Frage, wohin wird die Erde taumeln. Ich habe mich für diese Weihnachten entschlossen, die Festtage still und äusserst frugal zu begehen. Ich wollte nicht schlemmen, sondern üben, ob es mir nicht besser ginge ohne grosses Fest. Und es ging.

Ich war zusammen mit meiner an MS erkrankten Tochter. Wir hörten das Weihnachtoratorium von Johann Sebastian Bach, und als der Schlussakkord ertönte, liessen wir es nochmals von vorne beginnen. Es war ein Engelgesang mit wunderbarer Orchestermusik, der uns einlullte. Alte Weisen, bekannt und doch immer wie neu, berührten uns. Was an Weihnachten geschehen war, vermischte sich mit Musik, bis im Gespräch das Oratorium allmählich der feierliche Hintergrund bildete und uns fröhlich stimmte.

Die Welt draussen verloren wir aus dem Sinn. Ich war mit meiner Tochter allein und vergessen blieb selbst ihre Krankheit. Der geschmückte Baum strahlte. In seiner Nähe lag die Krippe mit den Holzfiguren, dem Jesuskind im Stroh, Maria und Josef, und Ochs und Esel umstanden die heilige Familie. Wir hatten vereinbart, uns gegenseitig nichts zu schenken, nur ein kleines Zeichen zu tun. Ich brachte einen Appenzeller Biber und meine Tochter hatte mit einer Helferin Guetzli gebacken. Immer wieder fiel der Blick auf das Christkind. Plötzlich erinnerte uns die Weihnachtsgeschichte an Herodes, den König von Judäa. Er hatte vernommen, dass drei Weise oder Könige zu einem Knaben pilgerten, der Herrscher von Judäa und der Welt werden sollte. Herodes schickte die Schergen aus, alle neugeborenen und die kleinen Kinder zu töten. Wir konnten nicht ausblenden, was auch heute wieder in der Ukraine und in Israel und Palästina geschieht. Hunderttausende Kinder wurden in der Ukraine geraubt und werden umerzogen in der ihnen fremden Welt

Diese schrecklichen Taten drückten auf das Gemüt. Wir konnten in der festlichen Stimmung des Liedes: «Vom Himmel hoch, da komm’ ich her und bring’ euch gute neue Mär. Der guten Mär bring’ ich so viel, davon ich sing’ und sagen will . . . », nicht trauen. Die Kinder hörten nichts von einer guten Mär. Wir waren uns bewusst, dass wir nichts ändern können, aber das, was geschehen ist und geschieht, auch nicht einfach verdrängen. Wir sprachen darüber und stimmten dem Papst zu, als er in seiner Botschaft das Geschehen verurteilte und zum Frieden aufrief.

Wir sassen vor dem Christbaum und sprachen über die verschleppten Kinder. Wie wird ihr Schicksal sein? Sie werden ein Leben lang fragen, wo ihre leiblichen Eltern sind und wie es ihnen wohl gehe. Würden sie noch leben oder sind sie im Krieg umgekommen? Je älter sie werden, umso mehr werden diese Fragen sie bedrängen. Auch überlegten wir uns, ob diese Kinder in Würde und Anstand gross werden können, da ihre Eltern ja zu Feinden abgestempelt sind. Sie werden sich wohl ewig fremd fühlen. Würden sie jemals eine gute Mär vernehmen?

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1 Kommentar

  1. Ihre Worte gehen mir ans Herz. Es freut mich, dass trotz Melancholie, Sie für sich und ihre Tochter ein besinnliches und positives Weihnachten erleben konnten. Was die Welt da draussen angeht, wäre ein Spagat zwischen wahrnehmen und Verweigerung, eine gute Möglichkeit, mit den krassen Ereignissen, die uns im letzten Jahr heimsuchten und uns voraussichtlich auch 2024 nicht verschonen werden, umzugehen.
    Obwohl mein Zugang zu den Medien, besonders auch zum Deutschschweizer Fernsehen eher kritisch ist, habe ich im gestrigen «Club»
    auf SRF1, einen Hoffnungsschimmer erlebt. Ich hoffe, dass es auch Ihnen etwas Trost und Hoffnung für das Neue Jahr geben wird.

    Hier ist der Link, den Sie kopieren und in einem neuen Fenster im Internet öffnen können.
    https://www.srf.ch/play/tv/club/video/ist-die-welt-aus-den-fugen?urn=urn:srf:video:f0b7907e-0624-47ef-9d0e-66de40cd5558

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