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Ausblicke in schwieriger Zeit

Das Jahr 2023 ist bald um, Zeit für Rück- und Ausblick. Die Seniorweb-Redaktion formuliert in Kurzbeiträgen ihre Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen für das Jahr 2024 und darüber hinaus. Es sind unterschiedliche Sichtweisen, die zum Nachdenken anregen wollen.

Die Seniorweb-Redaktion dankt allen unseren Leserinnen und Lesern für das im abgelaufenen Jahr entgegengebrachte Vertrauen. Wir blicken zuversichtlich in die Zukunft und freuen uns, Sie auch im neuen Jahr mit unseren Beiträgen begleiten zu dürfen. Bleiben Sie uns treu!

Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern für das neue Jahr alles erdenklich Gute, Gesundheit, Erfolg, Glück und die nötige Gelassenheit und Zuversicht.

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Linus Baur. Nichts ist so beständig wie Veränderung. Künstliche Intelligenz KI wird uns dazu zwingen, unsere Komfortzone zu verlassen. Ein Bericht von Goldmann Sachs prognostiziert bis 2025 weltweite Investitionen in KI in Höhe von 200 Milliarden Dollar. Müssen wir uns deswegen Sorgen machen? Keineswegs. Keine KI der Welt kann echte Schaffenskraft ersetzen, hört und liest man allenthalben. Oder doch? Gefahren lauern nicht nur in der möglichen Manipulation. Wir werden uns ob der Integration neuronaler Netze, also einer KI mit Emotionen, in fünf Jahren noch schwer wundern, schreibt ein KI-Kenner. Wird damit der Aufruf, Fähigkeiten zu entwickeln, die sich nicht automatisieren lassen, wie Kreativität und emotionale Intelligenz, hinfällig? Wie eingangs erwähnt: Nichts ist so beständig wie Veränderung.

Jürg Bachmann. Kurz vor Weihnachten erschütterte ein Skandal Italien. Der euromillionenstarken Influencerin Chiara Ferragni wurde nachgewiesen, letztes Jahr von einem angeblich für die Unterstützung eines Kinderspitals überteuert verkauften Panettone fast 30 Mal mehr Geld eingesackt zu haben, als das deshalb nicht so beglückte Spital erhielt. Ob so viel Dreistigkeit staunten nicht nur ihre Followerinnen und Follower. Kurz nach Weihnachten klagte die New York Times gegen Chat GPT. Das System beruhe auf Klau von urheberrechtlich geschützten Informationen. Was die beiden Geschichten verbindet? Menschen hinterfragen zunehmend Informationen aus der digitalen Wolke. Fakten bekommen wieder ihren angemessenen Wert. Ein guter Ausblick. In Zeiten, in denen solche zu suchen sind.

Robert Bösiger. «Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch endlich wieder ruhiger.»  An diesen Spruch von Karl Valentin erinnere ich mich jeweils kurz nach Weihnachten. Für gewöhnlich dann, wenn sich die Sehnsucht nach Entschleunigung zwischen den Jahren wohlig ausbreitet wie ein kleines «Räuschli» und ich mir innerlich Vorsätze fürs anstehende, noch unbeschriebene Jahr mache. JA, auch jetzt mache ich mir Vorsätze – im Wissen darum, wie schwer es ist, diese dann auch umzusetzen. Mein Hauptvorsatz: Endlich JA sagen. Ja zum Umstand, dass ich «im Ruhestand» bin. Und deshalb JA! JA! JA! zu:
>   Tun, was mir Spass macht (zum Beispiel Alphorn spielen oder Konzerte besuchen).
>   Tun, was mir guttut (mehr Bewegung und Aktivität) und dabei mit Glück ein paar überflüssige Pfunde loswerden.
>   Meine Freundschaften besser pflegen
>   Mehr Zeit für meine Lieben (zum Beispiel die erwachsenen Kinder und vor allem die Partnerin).
Dieses JA, fällt mir gerade auf, ist auch ein JA zum NEIN-Sagen (was ich leider nie gelernt habe!). Spätestens jetzt, als sogenannter Rentner, würde ich es endlich gerne in die Tat umsetzen…

Eva Caflisch. Die Festtage liegen bald hinter uns. Die Medien haben uns vielstimmig instruiert, was wir angesichts der Konflikte, Kriege und gesellschaftlichen Verwerfungen als Gesprächsthemen lieber gar nicht aufs Tapet bringen sollen, wie wir mit den heiklen Sprüchen des radikal pro oder contra räsonnierenden und bereits angetrunkenen Vetter umgehen sollen oder was man unternehmen kann, damit kein lauter Streit um Woke oder nicht Woke an Tochters Uni ausbricht. Nicht nur mir ist aufgefallen, dass in diesem Jahr mit mehr Umsicht und Sorgfalt der fast unvermeidliche Streit unterm Weihnachtsbaum vermieden oder umschifft wurde. Was wäre da zu wünschen für die Zukunft? Dass aus der Vermeidungsstrategie eine neue Diskussionskultur entsteht.

Sibylle Ehrismann. Wir Journalisten befinden uns in einem schwierigen Umbruch. Den Printmedien gehen die Inserenten verloren, und die Online-Leserschaft nimmt zu. Die gedruckte Zeitung wird jedoch immer weniger geschätzt. Das Lesen aber ist wichtig. Letzthin traf ich eine Jugendliche im Zug, die in ein Buch vertieft war. Natürlich war ich überrascht, und es hat mich gefreut. Die Jugendlichen lernen heute vieles über digitale Kanäle, und man kann auch Digitales konzentriert lesen. Ich bin zuversichtlich, dass sich das gedruckte Wort trotz aller Veränderungen halten kann.

Maja Petzold. Zu Weihnachten 1999 raste der Sturm Lothar über die Schweiz und fällte viele Bäume. In den Jahren danach wurde das Holz verwertet, unter anderem für einige Aussichtstürme. Der Lothurm oberhalb von Magglingen im Jura lockte mich. Ca. 250 Stufen musste ich hoch. Neugierig, schnell und unbekümmert stieg ich aufwärts, bis ich Luft holen musste, das Herz zu klopfen begann und die Beine rebellierten. Oben der Ausblick war atemberaubend. Das Mittelland, die Alpengipfel bis hin zum Säntis. Ich war begeistert. Entspannt, wie ich inzwischen war, kam ich ins Fantasieren: Wie wäre es, wenn ich einen Ausblick in die Zukunft bekäme? Zehn, zwanzig, vielleicht sogar hundert Jahre voraus. Da kamen mir mein schnaufender Atem und meine Beine in den Sinn. Schnell versenkte ich diese Idee und genoss den Moment.

Bernadette Reichlin. Ein bisschen stolpere ich über den Ausdruck «Ausblick». Aussicht ja, auf schneebedeckte Berge, einen malerischen Weiher, auf Ferien. Aber Ausblick? Ist für mich eher etwas Tristes, eine «abverheite» Aussicht. Ausblick hat man vielleicht vom Bürofenster oder vom Zug aus auf eine Baugrube, eine Abfalldeponie oder eine Autobahn. Haben wir nun 2024 eher Aussicht auf eine allgemeine Erholung der Wirtschaft, der gesundheitlichen Lage, sogar der Weltpolitik? Oder müssen wir uns mit einem Ausblick in die Zukunft begnügen, so im Sinne von na ja, vielleicht wird es ja besser? Ob Aussicht oder Ausblick, ein bisschen erfreulich darf es schon sein, das Jahr 2024.

Josef Ritler. Während viele Menschen das Horoskop lesen um zu wissen, was das neue Jahr bringen wird, mache ich mir keine solche Überlegungen. Ich will die Zukunft lieber selber gestalten. Bald wird der Garten wieder erwachen und die Vorfreude auf den Frühling ist gross. Zuerst muss der Gärtner noch unsere drei grossen Birken zurück schneiden. Ich hoffe, dass ich weiterhin jeden Morgen 6 Kilometer entlang des Vierwaldstättersees spazieren und mein Morgenbild «Guten Morgen» machen kann. Auch der anschliessende Besuch des Fitness-Centers sollte möglich sein. Dann sollte ich dem Rat meiner Frau folgen, die mir kürzlich gesagt hat: «Du solltest endlich wieder einmal den Keller aufräumen und mehr Bücher lesen!»

Peter Schibli. Boris Hörold, der Hausarzt meiner hochbetagten Eltern, fragte mich kürzlich: «Kennen Sie den Gegensatz von Sterben?» «Leben» lautete meine spontane Antwort. «Nein, die Geburt» korrigierte mich der Arzt. «Leben ist ein Zustand, der andauert.» «Meinen Sie die Wiedergeburt, das Nirvana, das ewige Leben», fragte ich ihn ungläubig. «Leben endet nicht mit dem Tod. Indem der menschliche Körper zu Erde wird, bleibt er dem Kreislauf der Natur erhalten. Aus der Materie entsteht neues Leben,» erklärte er. Der kurze Gedankenaustausch mit dem Medizinmann hat mich ungemein beruhigt und getröstet. Die leider realistische Aussicht, dass mich 2024 liebe Familienangehörige und Freunde altershalber verlassen werden, ist für mich spürbar erträglicher geworden. Nun freue ich mich auf die Geburt neuer Familienmitglieder, die dafür sorgen werden, dass der Lebenskreislauf weitergeht.

Beat Steiger. Ausblick im Alter ist immer auch Ausblick auf die Endlichkeit des eigenen Lebens und darauf, dass wir unseren Nachkommen einen geschundenen blauen Planeten hinterlassen. Was die eigene Endlichkeit betrifft, können wir versuchen, eine möglichst hohe physische, psychische, geistige und soziale Lebensqualität zu erhalten, auch wenn die Vulnerabilität zunimmt. Für das Wohl unserer Nachkommen können wir uns in unserem familiären Umfeld und politisch einsetzen für eine friedlichen Zusammenleben, für eine ökologische Lebensweise und für nachhaltiges Produzieren und Konsumieren. Es tut gut, für sich und andere zu sorgen, denn andere sorgen erfreulicherweise auch für uns. In diesem Sinne: Hemmer Sorg zonenand im Vierezwänzgi ond wiiit dröber use!

Peter Steiger. Bei einem Grossteil der Seniorweb-Leserinnen und -Leser  greift der Ausblick weit weniger weit als der Rückblick. Kommt dazu: Beim Rückblick haben wir die Erinnerungen im Griff. Oder die Erinnerungen haben uns im Griff. Beim Ausblick können wir uns nur an das Bonmot halten: «Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.» Das Zitat wird verschiedenen Autoren zugeordnet, von Karl Valentin bis Winston Churchill. So, jetzt ist es Zeit, sich von den lustig sein wollenden Sprüchen zu verabschieden. Drum, kürzer gehts nicht: Ja, ich habe Angst vor meiner Zukunft.

Ruth Vuilleumier. Eine Instagram Userin bin ich nicht, und doch gibt es dort erfreuliche Seiten, wie ich kürzlich im Tages-Anzeiger las: Als f.r.a.u.l.e.h.r.e.r.i.n unterhält die 33-jährige Berner Lehrerin Isabelle Buser einen Instagram Kanal mit 60’000 Followern, in ihrem Klassenzimmer sind es 21. Sie postet über ihren Lehrerinnenalltag und engagiert sich mit Herzblut für ihre Fünft- und Sechstklässler. Nebst Tipps, wie man eine Klasse beruhigen kann, findet man auf ihrer Webseite auch einen Online Shop, wo eine «Schritt für Schritt Anleitung für eine Antimobbingeinheit mit deiner Klasse» oder «Ermutigungskärtchen» erhältlich sind. Ermutigung für die Jungen; sie sind unsere Zukunft.

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