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Von der ewigen Wiederkehr des Gleichen

In der heutigen Zeit zu leben, scheint mir manchmal, wie wenn ich auf dem Meer auf dem Rücken schwimmen würde und nur gerade sehe, was knapp über dem Wasser ist. Wir leben in einer Zeit, in der wir das Gefühl haben, unendlich viel zu wissen, einfach deshalb, weil uns die virtuellen Wellen beständig, Stunde um Stunde, Tag um Tag mit Informationen überschwemmen. Der Mensch aber verändert sich nicht wesentlich, wenn auch neue Moden, Instrumente und Geräte ihn täglich ins Bild setzen, was überall auf der Welt geschieht. Was davon übrig bleibt, ist nicht so viel, wie man glaubt. Dennoch reden wir überall mit und neigen zu schnellen Urteilen.

Twitter, Meta, KI und andere digitale Vehikel verändern das Wesen des Menschen nicht, aber sie erleichtern das Verbreiten von Fake News, Verschwörungstheorien und Lügen, die als Wahrheit ausgegeben werden. Aggressoren machen Opfer zu Tätern, und dies vor aller Augen im grossen Stil. Dass die Welt belogen werden will, notierte schon Sebastian Brant (1485-1521) in seinem Werk «Das Narrenschiff». Er glossierte dabei die Dummheit in satten Reimen. Erasmus von Rotterdam, der zur gleichen Zeit lebte, stiess ein Stossgebet aus: «Heiliger Sokrates, bete für uns! (Sancte Sokrate, ora pro nobis). Er spielte dabei auf den Prozess der Athener gegen Sokrates an.

Sokrates habe die Jugend von Athen verführt und die Götter verleugnet. Er wurde deswegen vor das Volksgericht gestellt. Er verteidigte sich gegenüber den Anklägern in seiner ersten von drei Reden: «Das Absurdeste aber ist, dass man nicht einmal ihre Namen erfahren und nennen kann – ausser es handle sich dabei zufällig um einen Komödiendichter. All die aber, die aus Missgunst und Verleumdungssucht auf euch einredeten – und diejenigen, die, selbst beeinflusst, andere beeinflussen -, die sind am allerwenigsten zu fassen. Denn es ist unmöglich, einen von ihnen hier auftreten zu lassen, vielmehr muss man bei seiner Verteidigung wie ein Schattenboxer kämpfen und Fragen stellen, ohne dass einer darauf antwortet»*.

Es wird sicher niemand bestreiten, dass heute Angriffe auf allen möglichen Plattformen anonym Menschen oder Unternehmen beschuldigen können, ohne sie mit Namen bestätigen zu müssen. Schon Sokrates warf dies in seiner Widerrede den Anklägern vor. Das Volkstribunal kümmerte sich nicht darum. Das Vorurteil der Anklage hielt sich hartnäckig. Der «Mainstream» sorgte dafür, dass Sokrates zum Trinken des Giftbechers verurteilt wurde. Obwohl Sokrates hätte flüchten können, fügte er sich dem Spruch des Gerichts. Er starb im Jahre 399 v. Chr. und setzte damit die Lügner, Verleumder und Wahrheitsverdreher auf die Anklagebank. Mit seiner Haltung beschämt er auf ewige Zeiten anonyme und feige Menschen, die anderen Schaden zufügen, ohne ihren Namen preiszugeben.

Sokrates bestätigte dies mit der Hinnahme des Urteils. Er trank den Giftbecher. Diese Tat ist der stärkst mögliche Beweis dafür, dass die «Verleumdungssucht» genauso verwerflich wie alt ist. Wenn also von der Verteidigung des Sokrates, die Platon aufgezeichnet hat, gehandelt wird und wir die zitierten Worte bedenken, wird uns bewusst, dass das Wesen des Menschen sich trotz neuer Technik nicht verändert hat. Jede Generation sollte von neuem lernen, was ethisches Handeln heisst.  An seiner Stelle können heute Eltern, Lehrer und Vorgesetzte stehen.

*Platon: Apologie des Sokrates, neu übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann. Manesse Verlag

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1 Kommentar

  1. Mit Ihrem Fazit über die unveränderte Wesensart des Menschen, sollten wir uns doch eigentlich nicht mehr wundern oder gar aufregen über die neuzeitlichen Fehltritte so vieler. Aber der Mensch glaubt ja auch an den Fortschritt, insbesondere was neue Technologien betrifft. Den Umgang damit ist jedoch etwas anderes und für jede Generation wieder eine neue Herausforderung und ein Lernprozess.

    Wenn ich im Meer auf dem Rücken schwimme, sehe ich vor allem den Himmel und der ist für mich ein Symbol für die unendlichen Möglichkeiten und die Vielfalt auf unserem Planeten und seiner Bewohner. Menschen können sich so oder anders entscheiden, das ist die Krux und zugleich ein Boden für Hoffnung und Zuversicht.

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