Eine zeitgemässe Lesart wird serviert: Die Hausregisseurin Wu Tsang inszeniert zusammen mit der Gruppe Moved by the Motion am Schauspielhaus Zürich den Shakespeare-Klassiker «Der Sturm» mit viel Technologie.
William Shakespeares Alterswerk «Der Sturm» verursacht seit je Bauschmerzen. Zu fantastisch ist das Märchen um den entmachteten, rachedurstigen Herzog Prospero, der seinen Feinden dann doch grossherzig vergibt und seine wichtigsten Bezugspersonen in die Freiheit entlässt. Prospero schwört schlussendlich seinen Zauberkräften ab und erlöst die ihn Umgebenden von seinem Fluch. Vorher hat er seinen Bruder, der ihn einst um den Thron gebracht und im Meer ausgesetzt hatte, sowie dessen Gefolgschaft an jene Insel spülen lassen, auf der er seit seiner Aussetzung mit Tochter Miranda, dem Assistenten Ariel und dem Knecht Caliban lebt.
Eine Aufführung mit viel Technologie
Die Hausregisseurin Wu Tsang hält sich weitestgehend an Shakespeares Originalfassung, bearbeitet von Sophia Al-Maria. Ihre Inszenierung im Pfauentheater mit der Gruppe Moved by the Motion zeichnet eine optimistische Sicht auf die Weltgeschichte, obschon gewaltsame Rache unserer Welt gegenwärtig mehr ähnelt als die originale Utopie des «Sturm». Sie präsentiert eine Aufführung mit viel Technologie, vorab mit dreidimensionalen Videoeinspielungen, die meisterhaft gestaltet sind, sowie mit Elementen aus Science-Fiction und Satire.
Von links: Knecht Caliban (Thomas Wodianka) empfängt Befehle von Tochter Miranda (Yèinou Avognon) und Vater Prospero (Sebastian Rudolph).
Wu Tsang verlegt die Geschichte ins Heute, ihre Figuren agieren auf steinigem Klettergrund, das Meer reicht bis an die Spitze der Alpen (Folge der Klimakrise). Tochter Miranda in Jeans-Kleidung tippt auf ihrem Handy herum, Knecht Caliban schleppt statt Holz Solarpanels herbei und Ariel in engem Minikleid agiert mit roboterhaftem Gehabe. Gezeigt wird ein wankelmütiger Rache-Fanatiker, der erst kompromisslos seine Vergeltungspläne hegt, dann den gebildeten, vergebungswürdigen Herzog gibt, der Yoga betreibt und sich immer wieder in seine winzige Studierstube zurückzieht.
Eine Insel mit pyramidenförmiger Bergspitze
Die Insel fungiert als Theater im Theater. Auf der Drehbühne prangt eine pyramidenförmige Bergspitze mit mehreren Drehebenen und darin versteckt ein Bunker, vollgestopft mit elektronischen Anlagen (Bühnenbild: Nicole Hoesli, Nina Mader). Auf der Bergspitze inszeniert Prospero anfänglich als allmächtiger Herrscher mit Hilfe Ariels, die Prospero für nichts dankbar ist und ungeduldig der Freiheit entgegenfiebert, eine fiese Farce. Er verzaubert die Menschen, die ihm einst geschadet haben, zu Marionetten seiner Rache.
Von links: Tochter Miranda (Yèinou Avognon), ihr geliebter Ferdinand (Sasha Melroch) und Vater Prospero (Sebastian Rudolph) auf der Bergspitze, belauscht von Knecht Caliban (Thomas Wodianka, ganz links).
Der Abend beginnt spektakulär mit taumelnden Fluggästen, deren Maschine in ein Unwetter geraten ist, veranschaulicht in furchterregenden 3-D-Bildern auf transparenten Videoleinwänden. Es sind just jene Fluggäste (König Alonso von Neapel, Bruder Sebastian, Berater Gonzalo, Sohn Ferdinand und Prosperos Schwester Antonia), die einst Prospero verstossen haben und auf dessen öder Insel notlanden. Sie stolpern über die steinerne Bergwelt und werden vom Inselherrscher aus Rache versteinert. In Abweichung vom Original verschwören sich Miranda und Ferdinand gegen Prospero, werden begnadigt und feiern gemeinsam mit der ganzen entzauberten Inselgemeinschaft Hochzeit. Ende gut, alles gut?
Ein grossartiger Sebastian Rudolph
Hervorragend ist die schauspielerische Leistung der neunköpfigen Truppe, allen voran Sebastian Rudolph als Prospero, der mit grosser Lust und Raffinesse seine wankelmütige Macht vorführt. Yèinou Avognon als Tochter Miranda besticht vorab durch jugendliche Unbekümmertheit, die Prosperos Geschichte der Vertreibung aus dem Herzogtum unbeeindruckt zur Kenntnis nimmt und mit Ferdinand eine Liebesaffäre beginnt. Grossartig ist Thomas Wodianka als Caliban, wie er hingebungsvoll den geknechteten Sklaven spielt und gleichzeitig das jugendliche Liebespaar zur Verschwörung gegen Prospero aufwiegelt. Auch die übrigen Darstellerinnen und Darsteller (Steven Sowah als König Alonso, Kay Kysela als Bruder Sebastian, Sasha Melroch als Sohn Ferdinand, Max Reichert als Königsberater Gonzalo, Marie Goyette als Prosperos Schwester Antonia und Tabita Johannes als Assistentin Ariel) verkörpern ihre Marionettenrolle im Zauberspiel gekonnt vielseitig und wirkungsvoll.
Sebastian Rudolph in seiner Glanzrolle als Inselherrscher Prospero. Links Tabita Johannes als Geist Ariel. Fotos: Inès Manai.
Der knapp dreistündige Abend liefert eine durchaus gelungene Adaption von Shakespeares Alterswerk. Geboten wird eine heitere apokalyptische Untergangsstimmung, die beherzt wie im Märchen eine schöne neue Welt ankünden will. Güte statt Rache soll die Welt regieren. Oder steht doch eher das baldige Ende bevor? Die Lesart bleibt den Besucherinnen und Besuchern überlassen. Das Premierenpublikum war sehr angetan und bedankte sich mit lautstarkem Applaus.
Weitere Spieldaten: 24., 26., 29. Januar, 4., 11., 15., 17., 20. Februar
