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Mehr als ein Frühlingsbote

Pflanzen und Gärten beflügeln seit jeher die Phantasie nicht nur von Malern, auch von Literaten. Gärten sind Zufluchtsorte, Idylle oder lenken von dunklen Gedanken ab. Und Blüten sind wie Gartenboten. Sie bezaubern, vermitteln poetische Botschaften und Liebeserklärungen – und können manchmal ganz schön giftig sein.

Und sie lassen längst vergangene Zeiten und Bilder wieder aufleben. Zum Beispiel die Erinnerung an die gute Stube bei der Grossmutter. Dort blühten, zwischen Fenster und Vorfenster – wer weiss noch, was das ist? – bereits im Januar die Hyazinthen.

Sobald im Herbst die Nächte kälter wurden, holte die Grossmutter die dicken Hyazinthenzwiebeln aus dem Keller und stellte sie in die kälteste Ecke am Haus. Mitte Dezember setzte sie die durchfrorenen Knollen dann in die hohen Hyazinthengläser, die zu zwei Dritteln mit Wasser gefüllt waren. Oben sassen, wie in einer kleinen Schale, die Zwiebeln – im Trockenen. Bald wuchsen ihnen Wurzeln, die sich gegen unten zur Wasserquelle hinstreckten. Oben bekamen sie ein lustiges, aus einem Halbkreis gedrehtes Hütchen aufgesetzt.

Die Anzucht in hohen Gläsern – und zwischen zwei Fensterscheiben – ist eine heute fast vergessene Art, den Frühling bereits im  Januar ins Haus zu holen. Weshalb wohl? Die «Vorfenster» fehlen! (Bilder pixabay)

Um Weihnachten herum hoben sich diese Hütchen wie von Zauberhand und die Zwiebeln schoben dicke Knospen gegen das Licht. Und im Januar bestaunten die Enkelkinder die rosa, blauen, weissen und violetten Blüten, die den Frühling ankündigten, lange bevor der Winter vorbei war.

Der schöne Hyakinthos

Dass dieses Blütenwunder auch in der Literatur Eingang findet, verwundert nicht. Zuerst aber noch etwas Mythologie, aufgeschrieben von Ovid in seinen «Metamorphosen»: Der ausnehmend schöne Hyakinthos ist ein Königssohn aus Sparta. Der Gott Apollo verliebt sich in ihn, tötet ihn aber aus Versehen mit dem Diskus. Aus dem vergossenen Blut lässt er «die lieblichste und schönste» Blume wachsen, die Hyazinthe.

Auch Novalis ordnet Hyazinth dem männlichen Geschlecht zu. In seiner Fabel «Hyazinth und Rosenblütchen» ist er ein zwar sehr schöner, aber auch sehr mürrischer Mann. Ein Suchender. Ähnlich Peer Gynt, der Hauptfigur im Schauspiel des norwegischen Dichters Henrik Ibsen, muss Hyazinth erst in die Welt hinaus, Abenteuer und Kämpfe bestehen. Erst dann, ruhiger geworden und geläutert, kehrt er in die Heimat zurück, um dort mit dem treu auf ihn wartenden Rosenblütchen – bei Ibsen ist es Solvejg – glücklich zu werden.

Auch Goethe widmete der Frühlingsblume, die man bereits im Januar zum Blühen bringen kann, ein Gedicht, das er seiner platonischen Freundin Charlotte von Stein schickte: «Mit einer Hyazinthe». Auch Theodor Storm schrieb «Hyazinthen», ohne den Namen der Pflanze im vierstrophigen Gedicht auch nur einmal zu erwähnen – wahrscheinlich fiel ihm, wie auch Goethe, kein Wort ein, das sich auf den Namen der stark duftenden Blume reimte. Aber Storms letzte Strophe ist sehr poetisch: «Und süsser strömend quillt der Duft der Nacht / Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen. / Ich habe immer, immer dein gedacht; / Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen.»

Die Kopfweh- Pflanze

Ist die Hyazinthe eine romantische Blume? Nach Storm ganz sicher. Bekommt man allerdings heute  eines dieser blühenden Exemplare geschenkt, wünscht man sich, man hätte wie damals die Grossmutter noch Vorfenster, also eine Art Doppelverglasung aber mit reichlich Raum dazwischen. Dann könnte die bei uns seit dem 16. Jahrhundert bekannte Pflanze auch heute noch ein exklusiver Fensterschmuck sein. Aber eine Hyazinthe im warmen Wohnzimmer? Da sind Kopfschmerzen garantiert, denn an der Wärme ist ihr Duft zwar süss, aber auch ziemlich aufdringlich.

Also Schluss mit Hyazinthen? Natürlich nicht! Werden die Zwiebeln im Herbst recht tief in die Gartenerde gepflanzt, spielt sich der Keim- und Blühvorgang mit der ersten Frühlingssonne genau gleich ab wie zwischen den Fensterscheiben. Nur ohne Glas und ohne Hütchen. Dafür können die leuchtenden, leicht nostalgisch wirkenden Blütenkerzen im Garten duften, so viel sie wollen – Bienen und andere Insekten sind ganz wild darauf. Und das seit rund 500 Jahren.

 

 

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