StartseiteMagazinKolumnenMachen es ARD und ZDF besser?

Machen es ARD und ZDF besser?

Gespannt waren viele Fernsehzuschauer, auch in der Schweiz, wie die  wichtigsten Talkshows bei den deutschen Sendern ARD und ZDF im neuen Jahr daherkommen würden. Caren Miosga, die ehemalige Tages-Themen-Moderatorin, trat das Erbe von Anne Will an, die 20 Jahre lang ihre gleichnamige Sendung auf ARD mit mehr oder weniger Erfolg moderiert hatte. Und Louis Klamroth wurde zwar vom ZDF nicht ersetzt, wie in Medien gemunkelt wurde, er hat aber neue Vorgaben erhalten, wie die Sendung «Hart aber fair» erneuerte werden sollte: näher beim Publikum.

Und tatsächlich: Es weht ein neuer Wind durch die beiden Fernsehstudios. Nicht nur, weil sie aus einem neuen Dekor gesendet werden, sondern weil ihnen auch neue Konzepte verpasst wurden. Bislang waren die Sendungen meist geprägt von konfrontativ hitzigen Auseinandersetzungen. Jeder oder Jede versuchte, den jeweiligen politischen Gegner vorzuführen. Die Teilnehmenden erinnerten stoisch einander an das Versagen des jeweils andern, warfen unbeirrt und meistens ungefragt mit ihren Parteiprogrammen um sich, ereiferten sich und lobten ihre Wahlversprechen. Der Erkenntnisgewinn beim Zuschauen war dadurch meistens äussert gering.

Caren Miosga  bricht mit ihrer Sendung mit diesem ergebnislosen Ritual, warf die bisherigen Sendekonzepte über Bord. Sie setzt eine Person in den Mittelpunkt. Bei der ersten Sendung war es Friedrich Merz, in der zweiten Wolodymyr Selensky.

Friedrich Merz setzte sie nicht Politikern gegenüber, sondern mit Anne Hähnig eine junge, kompetente, auch eloquente Journalistin der »Zeit», die Merz erstaunen liess, sie mit grossen Augen ansah, als sie zu seinen ungeschickten Statements zur Migrantenpolitik (Migrantenväter mit ihren kleinen Paschas, keine Zahnarzt-Termine wegen Migranten) argumentierte und Merz wegen seiner mangelnden Sensibilität rügte. Und vom anwesenden Publikum dafür Applaus erhielt. Mit Armin Nassehi sass Merz zudem einem Soziologen gegenüber, der ihn darauf hinwies, dass es den etablierten Parteien nicht im Ansatz gelinge, in der Migrantenfrage eine gemeinsame Politik zu etablieren. Merz: «Es liegt nicht an mir, sondern am Bundeskanzler». Wie gewohnt das gängige Muster: Der andere ist schuld.

Für die zweite Sendung reiste Caren Miosga nach Kiew zu Wolodymyr Selenskyj und fragte ihn: «Kann die Ukraine den Krieg noch gewinnen?». In den Interview-Sequenzen, die sie in der zweiten Sendung einblendete und mit Sabine Fischer, Politikwissenschaftlerin, Lars Klingbeil, SPD-Vorsitzender und Vassili Golod, Ukraine-Korrespondent der ARD, diskutierte, erlebte man einen emotional bewegten ukrainischen Präsidenten. Caren Miosga gelang es im Interview offensichtlich, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, so dass Selensky nicht nur sehr ernst wirkte, sondern auch schmunzelte, gar lachte. Als es darum ging, ob er fordere, dass die Bundesregierung die vielen jungen Ukrainer in Deutschland zurückschicken solle, um den Krieg zu gewinnen, meinte er, das fordere er von Olaf (Bundeskanzler Olaf Scholz) nicht, die sollen freiwillig zurückkehren. Zwei Sendungen: Caren Miosga ist angekommen, hat bereits überzeugt.

Bei «Hart aber fair» sind die Politikerinnen und Politiker nicht mehr nur unter sich und können einander so nur noch bedingt fetzen. Sie sitzen jetzt ausgesuchten Bürgerinnen und Bürgern gegenüber, die von ihren Problemen erzählen, die Forderungen stellen, die sie nachdrücklich zu untermauern verstehen. Man lernt sie etwas kennen, weil die Redaktion sie zu Hause besucht hat, sie so der Zuschauerschaft etwas näherbringt.

In der ersten Sendung (29. Januar) stand eine Frau im Mittelpunkt: die Friseurmeisterin Zuhra Visnjic. Sie berichtete emotional von ihren Sorgen: „Auf dieses Jahr blicke ich sehr skeptisch. Ich mache mir grosse Sorgen, ich habe Existenzängste, ich kann nachts nicht schlafen.»  Wie reagierten Carsten Schneider (SPD), Carsten Linnemann (Generalsekretär CDU) und Sahra Wagenknecht (BSW), die politischen Gäste der Sendung? Mit Floskeln und schierer Ohnmacht. Sie flüchten sich, wie schon immer, in ihre schon so oft dargelegten Statements. Carsten Schneider murmelte vor sich hin, Linnemann gestikulierte erregt mit den Armen und gab inhaltlose Sätze von sich und Sahra Wagenknecht versuchte stetig, ihre eben gegründete Partei, die BSW, ins rechte Licht zu rücken. Nach altem Muster. Der Erkenntnisgewinn: Als Zuschauerin, Zuschauer wurde man Zeuge, wie hilflos die Politikerinnen und Politiker reagieren, wenn sie mit den alltäglichen Problemen der Bürger konfrontiert werden. Aber das kann nicht genügen. Louis Klamroth, der alte und der neue Moderator von «Hart aber fair», muss noch zulegen. Er wird noch stärker einzufordern haben, dass seine Fragen von den Politgästen auch beantwortet werden. Zweifellos die schwierigste Aufgabe eines Moderators: nachzufragen, ohne penetrant zu wirken. Auf jeden Fall: Caren Miosga und Louis Klamroth machen es besser: näher beim Publikum, weg von der reinen Konfrontation hin zu er- und abwägen.

Und was heisst das für die wichtigsten Schweizer Talkshows? Es ist wieder mal Zeit, auch die Arena und  den Club daraufhin zu überprüfen, wie der Erkenntnis-Gewinn für die Zuschauerinnen und Zuschauer erhöht werden könnte. Bei der aktuellen und heftig umstrittenen Vorlage  «13. AHV-Rente» beispielsweise bräuchte es beides: eine Sendung, in der Experten Fakten darlegen, ein Ab- und Erwägen der Argumente dafür und dagegen vornehmen und ausgesuchten Bürgerinnen und Bürgern Red und Antwort stehen müssten. Und eine Sendung mit Protagonisten der beiden Seiten, die mit ihren Argumenten zu bestehen, zu überzeugen hätten.

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4 Kommentare

  1. Von Klamroth ist leider nichts zu erwarten. Er war und ist ein linksgrün-parteiischer Moderator, und der wird er bleiben.
    Miosga muss noch zulegen. Im Fernsehen muss auch die Körperhaltung stimmen, und die ist bei ihr am Tisch suboptimal. Oder die Kameraleute setzen sie schlecht ins Bild.
    Arena und Club sind seit längerem komplett generalüberholungsbedürftig.

  2. Auf SRF wird in allzu vielen Gefässen kommentiert, analysiert, eingeordnet oder simpel «getalkt». Wo bitte ist denn ein Erkenntnisgewinn zu erleben, wenn in der Rundschau, im Club, in der Arena, in 10vor10, ja auch in Gredig direkt, das bereits in Schweiz aktuell, in der Tagesschau und seinen rund um die Uhr gesendeten Updates, den entsprechenden Talks in den Regionalfernsehen plus den verschiedensten ähnlichen Sendegefässen des Radios, gelieferte Infomaterial x-mal redundant «nachgeschwatzt» wird ? Auch in diesem «Politikbereich» muss- neben Sport und «Kultur» – der Rotstift angesetzt werden. Halbierungsinitiative oder mindestens Gegenvorschlag sind ein geeignetes Mittel dazu.

  3. Was mich ärgert ist in der Tagesschau Ihr rund um die Uhr nicht aktualissiertes Infomaterial 4x-mal im Tag redundant «nachgeschwatzt» wird. ModeratorenInnen mit schlechter Aussprache, schlechter Haltung, Frisuren um das Gesicht zu verdeken? Mir scheint es gibt keine «nach der Sendung Spiegelung». Keine Führung, woher auch.

  4. Was Professionalität und Vielfalt der Sendungsformate anbelangt, sind aus meiner Sicht die deutschen TV-Sender ARD und ZDF dem Schweizer Fernsehen um Längen voraus. Das Format Arena mit seinem auf Konfrontation ausgerichteten Konzept, ist längst veraltet. Die Statements der eingeladenen Gäste sind meist bekannt und vorhersehbar und sie tragen wenig zur Lösung des diskutierten Problems bei. Die Erklärviedeos sind in dieser Form eher für Kindersendungen und nicht für ein erwachsenes Publikum. Und was soll diese Jungendlichenkulisse? Die Meisten starren eh nur in die Kameras (hallo, ig bi im Fernseh) und tragen wenig zur Sendung bei.

    Der Club hingegen hat mir schon einige interessante TV-Abende mit neuen Sichtweisen beschert. Das Thema, die Wahl der eingeladenen Gäste und ob es der Moderatorin, dem Moderator gelingt, mit richtigen Fragen die Diskussionsrunde voranzubringen und dabei darauf achtet, dass die Redezeit der Beteiligten ausgewogen bleibt, sind für mich die ausschlaggebenden Faktoren, ob ich die Sendung zu Ende schaue oder nicht.

    Beim SRF fehlen vorallem Formate für breit interessierte Zuschauer:innen, die auch tagsüber Unterhaltung und Wissensvermittlung mit Qualität schätzen. Mein Favorit bei Unterhaltung und Information am Nachmittag ist die etablierte Sendung «Kaffee oder Tee des SWR Fernsehens. Täglich von 16:05 Uhr bis 18:00 Uhr bietet sie für jeden etwas, ist professionell gemacht, nahe bei den Menschen, unterhaltsam und lehrreich. Die charmanten, schon etwas älteren Moderatorinnen und Moderatoren, tragen viel zur Beliebtheit dieser Sendung bei.

    Mein Favorit für Polittalk mit Erkenntnisgewinn ist die Sendung der ARD, mit der erfahrenen Journalistin und Fernsehmoderatorin Sandra Maischberger. Sie diskutiert mit Gästen aktuelle Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Da sind sich auch politische Verantwortungsträger, wie die der Ampelregierung nicht zu schade, auf die pointierten Fragen der Moderatorin zu antworten.
    Von beiden TV-Formaten der deutschen Sender könnten die Programmverantwortlichen beim Leutschenbach noch einiges lernen.

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