StartseiteMagazinLebensartOwn your Age: Optimale Strategien des Alterns

Own your Age: Optimale Strategien des Alterns

Pasqualina Perrig-Chiello zeigt in ihrem neuesten Buch «Own your Age», wie Übergänge in neue Altersphasen als Chancen genutzt und selbstbestimmt gestaltet werden können. Seniorweb konnte mit der Autorin ein Interview führen.

Pasqualina Perrig-Chiello ermuntert uns, die zweite Lebenshälfte aktiv zu gestalten und dabei auf das eigene Wohl und das Wohl der anderen zu achten. Sie kann aus einem reichen Fundus aus ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Bern schöpfen. Die Leserschaft erhält einen hochinteressanten Einblick in aktuelle Problemlagen und Diskussionsfelder der Gerontologie. So führt sie im Anhang nicht weniger als 130 Texte an, auf die sie sich bei ihren Darlegungen gestützt hat. Wertvoll ist auch die kurze Liste mit weiterführenden Links.

Die Kapitelüberschriften zeigen auf, was die Leserschaft bei der Lektüre des flüssig geschriebenen Textes erwartet.

Kapitel 1: «Zeiten des Wandels – Zeiten der Chancen» (S. 13). Erläutert werden Lebensübergänge und wie man sich dabei neu erfinden oder allenfalls verlieren kann. Mit dem Erwerben einer Übergangskompetenz können Lebensübergänge besser gelingen und für die Identitätsentwicklung genutzt werden.

Kapitel 2: «Das dichte Leben: Der Übergang in die zweite Lebenshälfte» (S. 65). Hier steht eine allfällige Midlife-Crisis an. Man fühlt sich weder jung noch alt und ist familiär oft in einer Sandwichposition zwischen Ansprüchen der Kinder und der eigenen Eltern, die möglicherweise Betreuung und Pflege brauchen. In der Partnerschaft und im Beruf kann sich Routine breit machen oder man kann neue Akzente setzen und den privaten und beruflichen Alltag umgestalten.

Kapitel 3: «Tor zu neuen Freiheiten: Der Übergang ins Alter» (S.137). Wie können die neuen Freiheiten nach der Pensionierung so genutzt werden, dass man sich nicht verliert oder langweilt? Körperliche Veränderungen verlangen nach Bewegung und gesunder Ernährung. Neue Zeitfenster können produktiv, kreativ und sozial genutzt werden. Für die Liebe und Partnerschaft ergeben sich neue Chancen. Das Liebesglück wird vielleicht neu definiert, manchmal kommt es in dieser Lebensphase zu Scheidungen.

Kapitel 4: «Würde trotz Bürde: Der letzte grosse Übergang» (S. 205). Das hohe Alter bringt neue Herausforderungen. Inwiefern kann man sein Leben noch selbst bestimmen, inwiefern ist man auf familiäre, freundschaftliche oder professionelle Hilfe angewiesen? Wann ist ein Eintritt in ein Alters- oder Pflegeheim opportun und was ist dabei zu beachten? Viele haben mit Einsamkeit zu kämpfen und trauern über den Verlust geliebter Menschen. Wie kann ein Lebensrückblick gelingen und wie kann ein möglichst gutes Sterben vorbereitet werden?

Im folgenden Interview wird nur punktuell in das Werk hineingeleuchtet.  Das Buch eignet sich sehr gut als Geschenk an sich selbst oder an eine Person, welche die zweite Lebenshälfte schön gestalten will.

Seniorweb: Pasqualina Perrig-Chiello, wie ist es zum Titel des Buches «Own your Age» gekommen. Kann man sein Alter in Besitz nehmen?

Pasqualina Perrig-Chiello: Der Titel fordert uns auf, das eigene Altern bewusst in die Hand zu nehmen, zu gestalten. Zum einen weil wir heute so viele Möglichkeiten haben, wie keine Generation zuvor. Zum andern fordert er uns auf, selbstverantwortlich eigene Standards zu entwickeln und uns von negativen gesellschaftlichen Bildern des Alters zu befreien.

Im ersten Kapitel befassen Sie sich grundsätzlich mit Lebensübergängen. Worin bestehen Lebensübergänge?

Lebensübergänge sind jene Phasen, die sich uns aufgrund von körperlichen, psychischen und sozialen Veränderungen oder neuen gesellschaftlicher Anforderungen aufdrängen. Beispiele sind etwa die Wechseljahre, Scheidung, Verwitwung, Pensionierung, schwere Erkrankungen. Es sind Phasen, wo wir alte soziale Rollen loslassen und neue annehmen müssen. Das ist zumeist eine Herausforderung, stets aber auch eine Chance.

Wie können Lebensübergänge zu Chancen des Wandelns werden?

Die Tatsache, dass wir uns neu definieren müssen, birgt die Möglichkeit, die Weichen für unser Leben neu zu stellen und alten Ballast loszuwerden. Wer nicht vor Veränderungen zurückschreckt, wird einsehen, dass die Chance der Neuorientierung die Möglichkeit bietet, neue Seiten an sich zu entdecken oder auch langgehegte Interessen und Bedürfnisse zuzulassen bzw. endlich ausleben zu dürfen.

Kann man sein Leben bei Übergängen neu erfinden oder ist man doch immer mindestens mit einem Bein in der eigenen Vergangenheit?

Die Vergangenheit nehmen wir immer mit, klar. Aber wir sollten uns nicht von ihr treiben lassen. Mit zunehmendem Alter sollten wir die Gegenwart immer bewusster leben und gleichzeitig den Blick nach vorne werfen – zu neuen Aufgaben, zu neuen Freuden. Veränderungen sind immer Chancen des persönlichen Wachstums – und das gilt das ganze Leben lang.

Durch den Begriff «Übergangskompetenz» entsteht der Eindruck, als ob man sich Kompetenzen für Lebensübergänge aneignen könne. Wenn ja, wie können diese Kompetenzen erworben werden, etwa in Kursen, durch autodidaktisches Lernen oder durch Versuch und Irrtum bei der Alltagsgestaltung?

Wir wissen aus der Forschung, dass resiliente Menschen, also jene, die psychisch äusserst widerstandfähig sind angesichts von Widrigkeiten und Veränderungen, besonders viele Charakterstärken haben wie etwa Änderungsbereitschaft, Offenheit für Neues, sich informieren, soziale Unterstützung suchen und Hilfe annehmen können. Charakterstärken kann man ein Leben lang erlernen – und dazu ist jede Lernform gut – jeder wird auch seine eigenen Lernpräferenzen haben. Auf der Webseite der Schweizerischen Gesellschaft für Positive Psychologie (SWIPPA) findet man viele Informationen zum Erfassen und Erlernen von Charakterstärken.

In drei Kapiteln werden drei Lebensübergänge genau betrachtet: die Lebensmitte, der Übergang ins Alter beginnend mit der Pensionierung und den letzten ins hohe Alter. Ich nehme an, der Zeitpunkt der Übergänge ist verschieden, je nachdem, ob man eine Midlife-Crisis oder Sinnkrise nach der Lebensmitte hat, ob man sich eher früh oder spät pensionieren lässt und ob man im hohen Alter lange ohne physische, psychische, mentale Beeinträchtigungen leben kann.

Natürlich gibt es individuelle Differenzen, aber eine Mehrheit durchläuft die Übergänge in etwa derselben Zeitspanne. In der Lebensmitte – also in den 40ern- etwa schon rein aufgrund der hormonellen Umstellungen (Wechseljahre – bei Frauen wie bei Männern). Das Pensionierungsalter kann zwar variieren, jedoch steht die Zahl 60/65 in unserer Gesellschaft nach wie vor für den Beginn des Alters. Der Übergang ins hohe Alter ist zumeist um 80, wo aufgrund der starken Zunahme von demenziellen und Mehrfacherkrankungen sowie vermehrten Verlusten geliebter Menschen eine Fragilisierung eintritt.

Für unsere Leserschaft sind die Übergänge in die letzten beiden Lebensphasen zentral, deswegen gehen wir gleich zum dritten Kapitel ihres Buches: Wie kann man sich optimal auf die Pensionierung vorbereiten?

Wie bei allen Lebensübergängen gilt auch hier: innehalten, reflektieren, Ziele setzen und Aufgaben definieren: Was möchte man mit der neuen Freiheit tun? Was kam bislang zu kurz? Wo könnte man seine Fähigkeiten einsetzen? Wichtig scheint mir, sich gut über die Möglichkeiten zu informieren, dann aber nicht zu viel auf einmal wollen – lieber ein paar wenige Ziele setzen und dann ausprobieren. Ebenso wichtig: Sich Gedanken zu machen, wie man die Partnerschaft nach der Pensionierung gestalten möchte und wie dies mit den Vorstellungen der Partnerin, des Partners übereinstimmt.

Worauf ist zu achten, dass die Pensionierung nicht zu einer Sackgasse, sondern zu einem Tor zur Freiheit wird, wie Sie in einer Kapitelüberschrift schreiben.

Zunächst ist es wichtig, sich von negativen gesellschaftlichen Altersbildern zu befreien, welche zumeist mentale Barrieren sind, eigene Stardards definieren. Das öffnet den Blick für Neues. Zentrale Voraussetzung um gesellschaftlich und sozial partizipieren zu können und nicht «abgehängt» zu werden, ist lebenslanges Lernen. Ebenfalls wichtig: Aufgaben zu haben, die den Alltag strukturieren und sinnstiftend sind. Sich Gutes tun (Sport, Freizeit,..), aber nicht nur ans eigene Wohl denken, sondern auch an dasjenige anderer. Generativität, also die Sorge für nachkommende Generationen, macht nicht nur andere glücklich, sondern uns selber auch. Es gibt ein Gefühl, in dieser Gesellschaft gebraucht zu werden, nützlich zu sein.

In einem langen Leben ist lebenslanges Lernen empfehlenswert. Was schlagen Sie vor?

Die besten Karten in der Hand haben Menschen, die neugierig sind, die Dinge hinterfragen, das Gespräch, die Diskussion suchen und die sich informieren. Wie und was ist egal, je mehr, desto besser: Zeitungen, Internet, Hefli, Fernsehen, Radio, Gespräche mit Freunden über Gott und die Welt, Begegnungen mit Menschen. Alles zahlt sich aus. Wissen ist heute überall gut zugänglich – einfach nutzen!

Wir wissen, dass Bewegung und gesunde Ernährung für das physische und psychische Wohlergehen wichtig sind.  Was kann man tun, wenn man sich überflüssig, nicht mehr gebraucht und wertgeschätzt vorkommt und meint, man gehöre jetzt definitiv zum «alten Eisen»?

Hier steht zunächst Selbstreflexion an: Was hat wohl zu dieser unbefriedigenden Situation geführt? Haben sich die Alltagsgewohnheiten verändert? Warum? Fest steht, dass Menschen, die sich in solchen Situationen befanden, eine neue sinnstiftende Aufgabe geholfen hat, zumeist im Freiwilligenbereich. Man hilft und man wird gebraucht!  Und Menschen im Freiwilligenbereich werden sehr gebraucht!

Zur letzten Lebensphase gehört die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des eigenen Lebens. Da geben Sie viele Impulse für ein gutes Sterben. Auf der letzten Seite des Buches schreiben Sie, «egomane Selbstoptimierung» und «rücksichtlose Statuserhöhung» können nicht mehr befriedigen, die grossen Lebensfragen «nach Sinn, Spiritualität, Liebe, Teilhabe und Verbundenheit» (S. 274) hingegen bleiben aktuell. Dem ist nichts hinzuzufügen, oder?

Genau. Wie schön, wenn wir das früh genug einsehen!


Prof. em. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello ist promovierte Entwicklungspsychologin und Systemische Familientherapeutin. Habilitation 1996 an der Universität Bern, wo sie seit 2003 bis zu ihrer Emeritierung als Professorin für Psychologie forschte und lehrte. Forschungsgebiete: Biografische Transitionen in der zweiten Lebenshälfte; Mittleres Lebensalter: Entwicklungsthemen; Mobilität im Alter; Vulnerabilität und Wachstum über die Lebensspanne; Kritische Lebensereignisse und Wohlbefindensregulation; Familiale Generationenbeziehungen; pflegende Angehörige. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

Buch: Pasqualina Perrig-Chiello: Own your Age. Stark und selbstbestimmt in der zweiten Lebenshälfte. Die Psychologie der Lebensübergänge nutzen. Weinheim Basel 2024. ISBN: 978-3-407-86800-8 (Online bestellbar oder ab 7.2. 2024 im Buchhandel!)

Titelbild: Gemeinsam, weltoffen, mit Lebensfreude! (Pressfoto auf Freepik)

 

 

 

 

 

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