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Ein Platz für Anna Haller

Viele Personen aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft aus Biels Geschichte sind mit Strassen- oder Platznamen verewigt. Aber nur sechs tragen den Namen einer Frau. Nun kommt Anna Haller (1872-1924), eine herausragende Künstlerin zu dieser Ehre. Der Anna-Haller-Platz wird am 7. März 2024 eingeweiht.

Die Kunsthandwerkerin und Malerin Anna Haller lebte und arbeitete von 1883 bis 1916 in Biel. Der neue Platz ist eine Chance, diese herausragende Bieler Frau sichtbar zu machen.

Fotomontage Marianne Bodenmann: Ausschnitt Stadtplan Biel mit Portrait Anna Haller, Datum unbekannt.

Ältere Menschen kennen noch ihre einst beliebten Blumenmalereien auf Postkarten, jüngeren wird der neue Platz eine Gelegenheit bieten, Anna Hallers Leben und Werk zu entdecken.

Erste Frau am Bieler Technikum

Als erste Frau diplomierte Anna Haller 1898 an der kunstgewerblichen Abteilung des Westschweizer Technikums in Biel. Dort unterrichtete sie von 1899 bis 1907 als erste weibliche Lehrkraft. Gleichzeitig arbeitete sie für das Bieler Atelier Lanz und Renggli. Dieses stellte Uhrenschalen und kunsthandwerkliche Produkte her, beispielsweise Lederbezüge für Stühle und andere Möbel.

Ständeratssitze im Nationalratssaal, 2017. Foto: Bundesamt für Bauten und Logistik BBL, Bern, A. Gempeler

Im Auftrag des Atelier de décoration Albert Renggli entwarf und fertigte Anna Haller um 1901 in Zusammenarbeit mit ihrem ehemaligen Lehrer Ferdinand Huttenlocher und ihrem Halbbruder Otto Weber, die Ständeratssitze im Nationalratssaal des neu erbauten Bundeshauses in Bern. Die Rücklehnen und Sitzflächen der Stühle verzierte Anna Haller in Lederschnitt-Technik mit Pflanzenmotiven im Jugendstil.

Zur Perfektionierung ihres Könnens in Bezug auf die Lederschnitttechnik hielt sich Anna Haller 1898 ein Jahr lang in der Werkstatt von Georg Hulbe (1851–1917) in Hamburg auf. Hulbe wiederum war Lederkünstler, der die Lederschnittarbeiten im Reichstag in Berlin herstellte.

Cyclamen-Motiv: Die in Lederschnitt-Technik verzierte Rücklehne der Ständeratssitze Kanton Schwyz. Aus: Berner Bundeshausbotanik.

Zusammen mit der Bieler Kunsthandwerkerin Selma Rohn (1874-1962) betrieb Anna Haller ein Atelier für Metallarbeiten, Ledertechnik, Stoffdruck, Stoffmalerei, Tarso-, Brand- und Porzellanmalerei. In einem Brief an eine Freundin schrieb sie über zwei neue Kundinnen, die eine sei Millionärin und die andere «bekannt als launisch und schauderhaft tüpflischisserig». Es war also nicht immer einfach. Die beiden Kunsthandwerkerinnen unterrichteten ausserdem Bürgerstöchter, kunstbeflissene Damen und junge Männer.

Ab nach München!

Um 1900 zog es viele Frauen, in der Regel aus dem gehobenen Bürgertum, nach München, so 1905 auch Anna Haller. München war zu jener Zeit sowohl Kunststadt als auch ein Zentrum der Frauenbewegung. Wo Anna Haller sich ausbilden liess, ist nicht bekannt. Sie entwickelte sich von der Kunstgewerblerin zur Künstlerin, wechselte von der Aquarell- zur Ölmalerei und nahm von 1905 bis 1910 an Ausstellungen im Kunstmuseum Bern teil.

Rosenengel, eine gemeinsame Arbeit der Halbschwestern Anna Haller und Mili Weber, als Kunstkarte erhältlich.

1907 war Anna Haller Gründungsmitglied der Berner Sektion der Gesellschaft Schweizer Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen (heute Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen SGBK). Der 1866 gegründeten Gesellschaft Schweizerischer Maler und Bildhauer GSMB (heute visarte) können Frauen erst seit 1972 beitreten. Um 1900 lehnte es deren Präsident Ferdinand Hodler vehement ab, Frauen als Mitglieder aufzunehmen oder sie an Ausstellungen teilnehmen zu lassen, nach dem Motto: «Mir wei kener Wyber».

Druckvorlage und Glückwunschkarte von Anna Haller. Mili Weber Museum. Foto: M. Bodenmann.

In dieser Zeit litt Anna Haller stark unter ihrer Behinderung, vermutlich Folgen einer Rachitis als Kind. Ihr Gemütszustand schwankte zwischen hoffnungsvoll und trübsinnig, sie schrieb in ihren Notizen: «Ja, Wärme, Sonne, Glück, die existieren wohl, nur nicht für mich! Liebe ist Sonne, Sonne – Glück! Habt mich lieb!» Die körperliche Missbildung verursachte ihr zunehmend Atembeschwerden. Sie beschränkte sich schliesslich ganz auf die Blumenmalerei und die Produktion von Ansichtskarten und Kunstdrucken. Aber sie kümmerte sich um ihre viel jüngere Halbschwester Mili Weber.

Familienbild Weber-Haller um 1886. V.l.n.r.: Adolf, Mutter Anna geb. Gloor, verwitwete Haller, Frieda Haller (1870–1935), Emil (1883–1949), Otto (1880–1912), Vater Adolf Weber (1856–1940), Anna Haller (1872–1924). Noch nicht geboren ist das jüngste Kind, Mili Weber (1891–1978).

Mili Weber schrieb in ihren autobiografischen Aufzeichnungen: «Dann kam der Tag, wo wir, meine Schwester und ich, nach München verreisten. Es war im Jahre 1912. Ja, meine Schwester kam mit. Wie wunderbar das war! Von Münchener Verlegern hatte sie einen grossen Auftrag erhalten, Blumenkarten zu malen.»

Vier Postkarten mit Blumenmotiven 

Zuerst sei es recht schwer gewesen, die richtige Malschule zu finden, schreibt Mili weiter, denn «damals war die Kunstakademie den Frauen nicht zugänglich. Es gab aber noch die Damenakademie, und dort probierte ich es mit zwei Malprofessoren, aber es war nicht das, was mir zusagte. Herr Bildhauer Zimmermann machte uns aufmerksam auf die Malschule von Prof. H. Knirr. Er war ein wunderbarer Lehrer.»

Alpenblumen. Unsigniertes Ölbild von Anna Haller. Besitz M. Bodenmann

Anna Haller malte ihre Blumenbilder in der Pension, in welcher die beiden wohnten, und sonntags besuchten sie die Alte und Neue Pinakothek. Mili Weber schrieb: «Es war eine schöne segensreiche Zeit.»

Leben in Saas und St. Moritz

Nach dem Tod der Mutter zogen sie 1916 nach Saas im Prättigau. Ab 1917 bezog die Familie Weber-Haller das Haus an der Via Dimlej in St. Moritz, welches Bruder Emil Weber, Bauzeichner und Architekt bei Nicolaus Hartmann & Cie, gebaut hatte. Von nun an arbeiteten Anna Haller und Mili Weber während des Winters in St. Moritz, im Sommer waren sie einige Monate in Saas, bis die Prättigauer Wohnstatt aufgegeben wurde. Anna Haller malte viele Bilder, die als Postkarten vom Genfer Verlag Vouga gedruckt wurden. Auch Mili Weber erhielt Aufträge von dieser Firma.

Dieser Wandschirm aus Leder mit zwei Schwänen und Seerosen steht im Anna-Haller-Zimmer des Mili Weber Museums in St. Moritz. Darüber hängt das Portrait, das Mili Weber von Anna Haller in der Münchner Zeit gemalt hatte (unser Titelbild)

Vor hundert Jahren, am 31. Januar 1924, starb Anna Haller. Aus der autobiografischen Aufzeichnung von Mili Weber: «Dann starb meine liebe Schwester, die Blumenmalerin, mit der ich ein Herz und eine Seele war. Liebliche Arbeit hilft einem über Schweres hinweg. Ich malte ein grosses Ölbild, lauter Pilzkinderlein in einem Herbstwalde.»

Anna Haller und Biel

Das Museum Neuhaus, Biel veranstaltete 1978 die Ausstellung Anna Haller 1872-1924 — Möglichkeiten und Grenzen einer künstlerisch begabten Frau um 1900. Ziel der Schau war es, am Beispiel von Anna Hallers Arbeiten die Stellung des damaligen Kunstgewerbes zwischen weiblichen Handarbeiten, Volkskunst, Historismus und Industrie darzustellen. Leben und Werk Anna Hallers führten als roter Faden durch ein Vierteljahrhundert Bieler Kulturgeschichte vor dem ersten Weltkrieg, wobei die lokalen Verhältnisse stellvertretend für allgemeine Tendenzen betrachtet werden können.

Das Mili-Weber-Haus bei St. Moritz mit seinen Bewohnerinnen und Bewohnern. V.l.n.r.: Emil Weber, Frieda Haller, Adolf Weber, Mili Weber und Anna Haller.

Im Rahmen der Renovationsarbeiten des Mili Weber Museums in St. Moritz 2019 wurde Annas Schlafzimmer, das viele Jahre als Büro genutzt worden war, wieder der Künstlerin gewidmet. Ziel der damaligen Kuratorin, Sibylla Degiacomi, war es, das bedeutende Werk dieser Pionierin und Vertreterin des Jugendstils nicht nur mit ihren Bildern, sondern auch mit Möbeln sowie Leder- und Gravur-Arbeiten in Erinnerung zu rufen.

Anna-Haller-Strasse beim Frauenstreiktag

Beim Frauenstreiktag, 14. Juni 1991, überklebten Frauen in Biel drei Strassenschilder in einer Aktion mit Frauennamen, darunter war auch Anna Haller. Sie war nicht nur eine bedeutende Persönlichkeit im Bieler Kulturleben der Jahrhundertwende, sie repräsentiert auch eine entscheidende Entwicklungsstufe der Frauenberufstätigkeit.

Eine Aktivistin beim Frauenstreiktag 1991 in Biel hat die Rolle der Anna Haller übernommen. Sie hat soeben ein Strassenschild mit «Rue Anne Haller Strasse» überklebt. Foto: © Marlyse Merazzi

Nach dem Marsch durch die «Strasse der Ungleichheiten» überreichten Frauen dem Stadtpräsidenten im Blöschhaus eine Petition mit mehr als 1’000 Unterschriften. Die Umbenennung der Strassennamen symbolisierte die Einnahme des öffentlichen Raumes und machte die Existenz dieser Frauen sichtbar. Die Aktion setzte ein langjähriges Anliegen der Bieler Frauenbewegung um, die im Zuge der Vorbereitungen zum Frauenstreiktag einen regelrechten Aufschwung erhielt. Diese positive und solidarische Erfahrung mündete in der Gründung des Vereins Frauenplatz Biel, der unter anderem den Frauentag am 8. März oder Frauenstadtrundgänge organisiert und treibende Kraft hinter dem Anna-Haller-Platz ist.

Schwertlilien, Aquarell von Anna Haller, 1904

Die Kreuzung Alpenstrasse-Pavillionweg in Biel ist nun verkehrsberuhigt und mit einer neuen Grünfläche mit Baumbestand ein Ort zum Verweilen. Sie ist der Anna-Haller-Platz mit behindertengerechter Bushaltestelle und Wartehalle und wird am Vorabend des internationalen Frauentags vom 8. März 2024 eingeweiht.

Originalbilder, grafische und kunsthandwerkliche Arbeiten von Anna Haller sind in der Dauerausstellung des Neuen Museums Biel (NMB) sowie im Mili Weber Museum, St. Moritz zu sehen. Die Einweihung des Anna Haller-Platzes am 7. März um 14 Uhr ist öffentlich.

Titelbild: Anna Haller, porträtiert von ihrer Halbschwester Mili Weber

Hier finden Sie weiterführende Informationen:

Anna Haller (1872–1922) (kunstbreite.ch)
Anna Haller, Wikipedia
Bieler Frauen: Anna Haller
Mili Weber Museum
Neues Museum Biel
Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen SGBK
Verein Frauenplatz, Biel
Design im Parlamentsgebäude
Bundeshaus-Botanik 

 

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