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AHV: «Ich und nur ich habe recht»

«Ich habe fürs Ja unwiderlegbare Beweise.» – «Ich habe fürs Nein unwiderlegbare Beweise.» So selbstsicher kämpften vor der AHV-13-Abstimmung die Verfasser von Kommentaren. Und die Verfasserinnen? Kaum vorhanden. Die Meinungsmache war Männersache.

Jetzt ist sie vorbei, die AHV-Abstimmung. «Goal» rufen die Jasager, «auweia», die Nein-Stimmenden. Mit dem Schlusspfiff wird der Kommentar-Zufluss auf die Medien-Portale wieder geringer. Mit vielen Zusendungen verkündeten auch die Seniorweb-Leser, was sie von den Veränderungen bei unserem wichtigsten Sozialwerk halten. Das ist gut so. Die Diskussionen waren anregend und meist höflich.

Mir ist aufgefallen – nein, ich habe mich darüber geärgert, dass viele Kommentierende zu 150 Prozent überzeugt waren, dass sie recht haben. «Ich und nur ich habe recht, ich habe unwiderlegbare Beweise.»So tönten sowohl Ja- wie Neinsager. Doch: Niemand auf der ganzen weiten Welt kennt die Zukunft. Niemand auf der ganzen weiten Welt weiss, wie sich unsere Sozialwerke entwickeln. Wir vermuten, wir ahnen. Aber wir wissen nicht, was morgen passiert. Der deutsche Komiker Karl Valentin (1882 bis 1948): «Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.» Gilt immer noch: Wenns um morgen oder übermorgen geht, können wir nur glauben, meinen, schätzen – niemals aber wissen.

Bild:Fotor/pst

Wenn ich die AHV-Kommentare kommentiere, fällt mir als zweites auf, dass sich fast nur Männer geäussert haben. Ich habe die Tamedia-Medien untersucht (Tages Anzeiger, Basler Zeitung, Bund, Berner Zeitung, Landbote und weitere Titel). Weil zuviele Zuschriften vorlagen, musste ich mich auf einzelne Artikel beschränken. Ich glaubte es zuerst nicht: Bloss etwa sechs Prozent der Einsendungen stammten von Frauen. Der Wert ist ungenau, weil ich bloss jene Kommentare berücksichtigte, die ich per Vornamen zuordnen konnte. Entspannter ist das Verhältnis bei Seniorweb. Rund ein Drittel der Meinungsbeiträge auf unserem Portal stammen von Kommentatorinnen. Allerdings: Ziehen wir alle Beiträge unserer geschätzten überaus fleissigen Kommentarschreiberin ab, sieht der Vergleich weit weniger erfreulich aus. Er nähert sich den Tamedia-Werten.

Viel mehr Männer als Frauen also. Warum? Weils genderet und damit tschädderet sind die Antworten heikel. Nämlich Antwort eins: Die AHV ist ein Zahlenthema und darum für viele Frauen … (bitte selbst eintragen)∗ Antwort zwei: Frauen sind klüger und wissen, dass sie nicht wissen, was die Zukunft bringt. Antwort drei: Frauen haben keinen Bock, ungefragt ihren Senf dazuzugeben, weil sie a) nicht genügend Selbstvertrauen haben und b) sich nicht genügend selbst überschätzen.
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∗ Auch die übrige Redaktion von Seniorweb weiss nicht, was der Verfasser hinter dem schwarzen Balken versteckt.

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1 Kommentar

  1. Auch mir ist aufgefallen, dass im Vorfeld zur Abstimmung über die 13.AHV Argumente für oder gegen das Anliegen oft hochemotional und weltanschaulich geprägt vorgetragen wurden. Und das nicht nur in den Kommentaren der Leserschaft oder der Sozialen Medien. Eine Entscheidung in eher unsicheren Zeiten treffen zu müssen, heisst einen gesellschaftspolitischen Vorschlag mit Sorgfalt und Umsicht zu prüfen, ihn auf seine Zielerreichung abzuklopfen und schliesslich die Auswirkungen auf seine gegenwärtige und zukünftige Lebensweise zu beurteilen. Und das haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger gemacht. Unbestritten war, dass unser Drei-Säulen-Prinzip der Alterssicherung empfindliche Schwachstellen aufweist. Wie die Abstimmung am vergangenen Wochenende aufzeigte, wollte eine bemerkenswerte Mehrheit der Abstimmenden eine Korrektur des Verhältnisses zwischen der AHV (erste Säule) zur Beruflichen Vorsorge (2. Säule) anbringen. Und man muss zur Kenntnis nehmen, dass dieses Bedürfnis offensichtlich bis weit in den Mittelstand hinein besteht. Wenn Gegner das schlagwortartig in Verbindung mit «Après moi le déluge»-Mentalität oder verblendeten Eigennutz dann steht die Frage im Raum, wie realistisch Gutsituierte die Lebenswirklichkeit von Menschen in bescheideneren Verhältnissen kennen. In der Regel werden Nachbefragungen (Vox-Analysen) zum Abstimmungsverhalten durchgeführt. Auf diese Ergebnisse bin ich echt gespannt. Weil wir uns nur schon aus Gründen des sozialen Zusammenhalts diesen wichtigen Debatten unvoreingenommen und sachlich stellen sollten.

    Zur Frage, warum Frauen im verbalen Abstimmungskampf nach der Statistik von Peter Steiger weniger beteiligt haben, will ich mich nur knapp äussern. Meine Hypothese – Betonung, es ist eine Hypothese – lautet: Gerade Frauen haben erkannt, dass unser Drei-Säulen-Prinzip vorab dem weiblichen Biografieverlauf nicht völlig gerecht wird. Deshalb haben sie sich nicht in Verbalakrobatik geübt, sondern haben zügig die Abstimmungsunterlagen ausgefüllt und ihre Meinung kundgetan.

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