StartseiteMagazinKolumnenWie nah ist der Krieg?

Wie nah ist der Krieg?

Noch sitzen wir bequem vor dem Fernseh-Schirm. Noch sind wir zuversichtlich, dass die aktuellen Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten an uns vorüberziehen, mit der Zeit hoffentlich ein Ende finden. Zunehmend sind die Bilder, die von den Weltagenturen, den grosse TV-Stationen und oft auch von den Kriegsparteien gezielt vermittelt und weltweit von den TV-Nachrichten-Sendungen ausgestrahlt werden, nicht mehr zu ertragen. Manchmal möchte ich aufstehen, oder ich stehe auf und möchte etwas tun, laufe umher, bin verzweifelt. Möchte aktiv etwas tun, zumindest Partei ergreifen. Hilflos setze ich mich wieder hin. Beim Ukraine-Krieg ist es leichter, Partei zu ergreifen. Der Aggressor ist bekannt. Die Ukraine, das lange schon geschundene, aber lange auch korrupte Land hat zur Demokratie gefunden, will zur europäischen Gemeinschaft gehören. Das will Putin mit aller Macht verhindern.

Im Nahen Osten, im Jahrzehnte alten Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel ist es weit komplizierter. Mit dem grausamen Massaker, das die Hamas am 7. Oktober 2023 an Israelis verübten, auf der einen Seite und den brutalen Vergeltungsaktionen Israels auf der anderen Seite ist eine Situation entstanden, die einen fassungslos macht. Der Gazastreifen sieht aus, als wäre ein brutaler Orkan durch den Landstreifen gefegt, als  hätte zusätzlich ein gewaltiges Erdbeben alles dem Boden gleich gemacht. Es sind aber von israelischen Soldaten als Gegenreaktion gezündete Raketen, Bomben, die die  verheerenden Verwüstungen angerichtet haben.

Während sich die rund 2 Millionen Menschen im Gazastreifen laufend bewegen, Nahrung, Schutz und eine Lagerstätte suchen, einen sichtbaren Kampf ums nackte Überleben führen, machen israelische Soldaten Jagd auf die Hamas. Die Gejagten mischen sich unter die Kinder, Frauen und Männer, locken die israelischen Soldaten in Hinterhalte.

Immer wieder werden grausame Bilder vermittelt, getötete Babys in Tüchern gewickelt, die begraben werden, alte Menschen in den Ruinen ihrer Häuser, die nichts mehr zu essen haben. Ein Ende ist nicht  abzusehen, es sei denn, es gelingt dem erstarkten US-Präsidenten Joe Biden, die israelische Regierung zum Einhalt, zumindest zu einem Waffenstillstand zu bewegen, hoffentlich zu zwingen. Und zu hoffen ist, dass über den von der USA-Armee  bald erstellten Hafen die verzweifelten Menschen doch noch versorgt, vom Hungertod bewahrt werden können.

Südafrika mag aber nicht zuwarten. Das heute befriedete Land klagt deshalb am europäischen Menschengerichtshof in Den Haag Israel erneut wegen eines Genozids an. Israels Krieg im Gaza-Streifen sei ein Verrat an Nelson Mandelas Erbe und so nichts anders als ein Völkermord. Die südafrikanische Regierung vergisst bewusst oder verdrängt dabei, dass die Hamas ein gleiches Ziel verfolgt: nichts anderes als einen Genozid. Israel soll vernichtet werden, von der Landkarte verschwinden.

Unsere Sympathien können nur einem gelten: dem Wunsch nach Frieden. Und unser Handeln ist auf eines zu richten: auf die Analysen. Was kommt auf uns zu, insbesondere in Europa, wo der Krieg angekommen ist? Wo der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz der Ukraine nicht das liefern will, was entscheidend sein könnte: den Flugmarschkörper Taurus. immerhin kommen ihm die Briten zu Hilfe, die er vor kurzem noch diskreditierte, in dem sie einen Ringtausch zwischen dem deutschen Taurus und dem britischen Storm Shadow vorschlagen. In Europa, wo Emanuel Macron, der französische Staatspräsident, nicht ausschliesst, Nato-Truppen zur Verteidigung der Ukraine zu entsenden. Der eine dämpft die Eskalation, der andere sieht eine nicht auszuschliessende, gar ausweglose Eskalation des Krieges, weil Putin die Ukraine unter allen Umständen in die Knie zwingen, in sein „Reich zurückholen“ will. Und noch mehr.

Wer kann Putin stoppen? Und wie kann er gestoppt werden? Die Ukraine kann es nur noch schaffen, wenn sie alles erhält, was greifbar ist, damit sie beispielsweis die Brücke Kertsch zwischen Russland und der Krim mit Marschflugkörpern zerstören, den wichtigsten Nachschubweg der Russen entscheidend unterbinden kann. Kommen diese Marschflugkörper aus Frankreich oder Großbritannien ist nicht entscheidend. Am besten kommen sie aber aus Deutschland, weil der Taurus mit seiner enormen Durchschlagskraft den grössten Schaden anrichten kann. Wie aus dem von Russen abgehörten, schon legendären Gespräch deutscher Generäle hervorging, braucht es dafür gar 10 bis 20 eingesetzte Taurus-Marschflugkörper, von Kampfflugzeugen abgeschossen, die das Ziel haargenau treffen, damit die Brücke vollends auseinanderbricht. Deutschland kann nur rund 100 liefern, wenn Scholz dann doch noch will. Und wenn nicht?

Die Ukraine wankt. Macron und Scholz gehören in die Klausur. Eine gemeinsame Verteidigungspolitik tut Not. Und erst recht, wenn die USA tatsächlich abseitsstehen werden, wenn Trump an die Macht kommen sollte. Macron hat, was Scholz nicht hat: Abschreckungspotential gegenüber Russland, die Atomwaffe. Ob es uns passt oder nicht, der Krieg ist näher gerückt. Er wird in Berlin und noch stärker in Paris mitentschieden.

Und die Schweiz? Noch sind wir recht unbekümmert. So wie der deutsche General, als er sich mit seinem ungeschützten Handy in Singapur anlässlich der grossen Waffenschau in die geheime Konferenz in Berlin eingeschaltet hat. Noch steht die Schweiz vor der Tür zur EU. Ein neues Abkommen soll die weitere Zusammenarbeit richten. Dabei wächst bereits der Widerstand, bevor die Verhandlungen auch nur gestartet sind. Noch gibt es erst die „Partnerschaft für den Frieden“ zwischen der Nato und der Schweiz. Von einer Verteidigungs-Kooperation mit der Nato wird immer noch nur mit der Hand vor dem Mund geredet. Zu mehr reicht es noch nicht. Die Neutralität ist zu sehr Staatsmaxime, als dass sie in Frage gestellt werden kann. Noch.

Erinnert sei an die legendären „Aufklärungsbücher“, welche die Spötter auf ihrer Seite hatten: An das „Soldatenbuch“ (1958) und an das „Zivilverteidigungsbuch“ (1969), herausgegeben von Oberst Albert Bachmann, in denen unmissverständlich zu lesen war und noch ist: „Der Feind hört mit.“ Erinnert sei an Ungarn (1956) und an die Tschechoslowakei (1968). Es war die Zeit des kalten Krieges. Und der Bö(se)-Feind, wie es bei den Manövern hiess, kam eben aus dem kalten Osten. Damals waren es die Armeen der kommunistischen Sowjet-Union, die damals in den Übungs-Szenarien selbst an unserer Grenze erwartet wurden. Jetzt ist Realität, dass Putin mit seiner Armee auf der Krim und im Osten der Ukraine steht und weiter marschieren will. Und mit Atomwaffen droht, sollte die Nato intervenieren. Der Krieg ist näher gerückt.

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.
Sie können per Twint mit einer CH-Handynummer oder per Banküberweisung im In- und Ausland spenden: IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-

4 Kommentare

  1. Gegen Putin, der seit 2014 Menschenrechtsverletzungen an der Ukrainischen Bevölkerung verübt und das Völkerrecht gebrochen hat, wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen und veröffentlicht. Unermüdlich werden Fakten über die Gräueltaten an Kriegsschauplätzen dokumentiert, die bei einer Verurteilung Putins und seiner Helfer vor Gericht Bestand haben werden. Die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine ermittelt seit Beginn des Krieges intensiv. Es hat auch schon vereinzelte Verurteilungen russischer Soldaten nach ukrainischem Strafrecht gegeben. Die ukrainischen Ermittler werden dabei auch von Strafrechtsexperten aus anderen Staaten unterstützt.

    Diese Massnahmen werden jedoch wohl erst nach dem Ende des Krieges greifen. Um sich weiter verteidigen zu können und die unglaubliche Zerstörung des Landes und ihrer Bewohner:innen zu stoppen, braucht die Ukraine jetzt mehr Unterstützung jeglicher Art von den Europäischen Ländern und den USA, denn Russlands Armee bekommt Kriegsmaterial aus China und anderen nicht EU-Ländern. Das Kanonenfutter von ca. 1000 toten russischen Soldaten pro Tag, ersetzt Putin inzwischen mit angeheuerten Söldnern von weit her, die angelockt werden durch einen lukrativen Job und die nicht einmal wissen, dass sie umgehend an die Front(en) geschickt werden.

    Den Papst mit seiner Aussage, die Ukraine soll mit der weissen Flagge auf Russland zugehen, um einen Waffenstillstand zu ermöglichen, ist zwar verständlich aber er unterschätzt, dass Putin eine Einstellung der Angriffe, wenn überhaupt, nur nach seinen Bedingungen akzeptiert. Wie nah dieser abscheuliche Krieg, ausgelöst von einem grössenwahnsinnigen Despoten, Europa, also auch uns, kommen wird, entscheiden nicht wir, sondern diejenigen Länder, die die Grenzen zu Russland vor einem Übergriff in den Westen moralisch und militärisch beschützen und verteidigen. Zur Zeit findet ein grosses Nato-Manöver statt, dass länderübergreifend den Notfall übt. Wir können nur dankbar sein aber wo bleibt der Schweizer Beitrag? Oder glauben wir immer noch unbeschadet davon zu kommen, sollte Putin diesen Krieg gewinnen?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Steadfast_Defender_2024

  2. Bezüglich Papst: Gott vegib ihm, denn er weiss nicht, was er sagt.

    Bezüglich EU: dieses Gebilde ist wirtschaftlich zig mal stärker als Russland. aber nicht in der Lage, sich so zu organisieren, dass es Putin die Stirn bieten kann. Statt vor Putin wie das Kaninchen vor der Schlange zu erstarren und zu beten, dass Trump nicht Präsident wird, sollten endlich in grossem Stil Munitionsfabriken gebaut, die Ukraine mit Waffen beliefert und die eigene Verteidigungfähigkeit aufgebaut werden.
    Mit Putin kann man nur verhandeln, wenn man stärker ist als er.

    Die Schweiz kann militärisch nie so stark sein wie Russland. Aber sie muss so stark sein, dass sich ein Angriff weder aus wirtschaftlicher noch aus militärischer Sicht lohnt. Ohne Hilfe des Jekami-Clubs Nato. Natürlich muss sie sich mit der Nato absprechen. Aber zu glauben, dass die Nato für uns die Kastanien aus dem Feuer holt, wäre naiv.

    • Ja, die Schweizer Politik und damit auch die Bevölkerung ist punkto Wehrhaftigkeit im Kriegsfall naiv und wie ich finde, besserwisserisch und sich selbst überschätzend . Dass Sie jedoch die Nato als Jekami-Club bezeichnen entspricht nicht nur nicht den Tatsachen, sondern zeugt von fehlendem Respekt gegenüber dem Verteidigungsbündnis von 32 europäischen und nordamerikanischen Mitgliedstaaten, das dem gemeinsamen Schutz der eigenen Territorien dient und darüber hinaus das Ziel weltweiter politischer Sicherheit und Stabilität verfolgt. Was wäre denn Ihre zündende Idee, diese Ziele konkret zu erreichen?

      • Lesen Sie Art. 4 und 5 des Nato-Vertrags einmal genau durch. Eine Verpflichtung zu einer sofortigen und koordinierten militärischen Reaktion auf einen Angriff auf ein Mitgliedsland tönt anders. Hier müsste nachgebessert werden.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein