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Schrib der’s hender d’Ohre…

Es gibt im Schweizerdialekt Redewendungen und Ausdrücke, die unübertrefflich sind. Übersetzt in Standarddeutsch verlieren sie viel von ihrem exklusiven Glanz, genau, wie es die Bezeichnung ‘Standarddeutsch’ sagt, die ganz richtig «Standard-Hochdeutsch« heisst. Ich frage mich gerade: Ist demzufolge Dialekt Tiefdeutsch, gesprochen von Trotteln und Trampeln der tieferen Schichten? Natürlich nicht, aber es ist mir schon immer eine Freude gewesen, die Wörter allzu wörtlich zu nehmen und sie und damit die Dinge in ihr Gegenteil zu verkehren.

Unser Dialekt ist reich, anders reich selbstverständlich heute als noch in der Generation unserer Eltern oder gar Grosseltern. Eine Sprache steht nicht still, sie verändert sich, neue Begriffe setzen sich in ihr fest, andere sinken auf den Grund und tauchen nur noch selten oder gar nie mehr auf. Neue Wörter halten Einzug in die Sprache, denken wir zum Beispiel an die Zeit der Pandemie, als viele von uns im Alltag Ausdrücke in den Mund nahmen, die sonst nur von Expertinnen der Medizin und der Statistik zu hören waren. Dass sich viele dann auch innerhalb kürzester Zeit als Experten fühlten, ist ein anderes Thema!

Ich arbeite derzeit zum ersten Mal an einem Mundarttext. Es ist eine Auftragsarbeit, von selbst wäre ich nicht auf diese Idee gekommen. Was mich fasziniert: Zu erleben, wie anders das Schreiben in Dialekt ist. Es ist für mich wie Schreiben mündlich, analog zu «Sprache mündlich» damals in der Primarschule. Wobei da vor allem beurteilt wurde, ob ein Kind mitmachte im Unterricht, sich meldete und nicht bloss rot wurde vor Verlegenheit, auf die Pultplatte starrte und kein Wort herausbrachte, wenn die Lehrperson es aufrief. Mit «Schreiben mündlich» meine ich, dass ich, in Dialekt schreibend, den Text laut vor mich hersage, bevor ich ihn verschriftliche. Ich höre den Text, höre die dazu gehörenden Stimmen. Und gleichzeitig sehe ich die Figuren vor mir, die so sprechen, die das sagen, was ich dann aufschreibe. Figuren aus einer abgesunkenen Zeit, die Wörter und Ausdrücke verwenden, die längst aus der Mode sind, fort aus unserem sprachlichen Alltag.

Ich schlüpfe plötzlich wieder in mein Kinder-Ich, das noch nicht schreiben und lesen kann und mit Hochdeutsch nur über Radiosendungen in Kontakt kommt und auch das bloss über die Mittagsnachrichten, den anschliessenden, für den Vater heiligen Wetterbericht gab es in Dialekt, die Gotthelf-Hörspiele und Volksmusik. Jetzt aber höre ich wieder meine zahlreichen Tanten sprechen. Die Onkel sind nicht da oder sie schweigen, nicken höchstens ab und zu, brummen irgendwas. Mich hat schon als dieses Kind, das einzig von «Buuredütsch» umgeben gewesen war, brennend interessiert, was die Erwachsenen sich erzählten.

«S’ esch öberall öppis», sagte meine Mutter zum Beispiel abschliessend, wenn ihr eine Nachbarin geheime Sorgen mit dem Ehemann, mit einem Kind oder mit sonstigen Verwandten anvertraute. Jemand tat nicht recht, schlug über die Stränge, frass unter dem Hag durch, soff, panschte Milch, hatte es mit dem Gemüt oder wurde gar vom Wachtmeister auf den Posten mitgenommen. Und weil solche Dinge nicht für meine Kinderohren bestimmt waren, wurde ich zu einer Spezialistin darin, mich unsichtbar zu machen, denn ich setzte mich mit einer Puppe in eine schlecht einsehbare Zimmerecke und verhielt mich so still, dass die Erwachsenen entweder meine Anwesenheit vergassen oder glaubten, ich wäre völlig in mein Spiel versunken. Aber ich lauschte stets ihren Gesprächen.

Ab und zu getraute ich mich, anderntags diskret bei der Mutter nachzufragen, wenn ich etwas nicht kapiert hatte. Meist gab sie eine einsilbige Antwort, der sie aber sofort nachschickte: 
«Aber du verschprechsch, dass du of’s Muul hocksch.  «Schrib’s der hender d’Ohre», verstärkte sie den ersten Befehl. Ich nickte. Ich glaube, ich habe mir schon früh hinter die Ohren geschrieben, nicht «of’s Muul z’hocke», sondern zu erzählen, schriftlich und mündlich und neuerdings auch mal in Dialekt. Denn Erzählen hilft. Erzählen gibt Kraft. Und grosse Ohren.

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1 Kommentar

  1. Die Entschlüsselung der Dialektsprache ist in jedem Land ein Füllhorn von verborgenem Wissen und kulturellen Eigenheiten, die man nur dann versteht, wenn man sich intensiv damit beschäftigt. Für mich sind diese Enthüllungen und die mögliche Übersetzung in die heutige Zeit immer ein Mehrwert. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf Ihrem Weg.

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