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Sprachgeschichten

Zeitungslektüre ist informativ, regt zum Nachdenken an, ist manchmal witzig – und kann Geschichten erzählen, die gar nicht beabsichtigt sind. Und die man so schön weiter spinnen kann. Mit Betonung auf spinnen.

«Und frisst den Tisch mitsamt …» merkt ein Kollege an, als er mir diesen Satz schickte: «Die Rechnung landet zusammen mit einem offerierten Glas Limoncello auf unserem Tisch. Auch dieser schmeckt.» Da biss doch einer nicht vor Wut, sondern vor Freude in die Tischplatte – das ist wirklich eine Meldung wert. Vielleicht landete aber auch das Glas Limoncello etwas unsanft auf dem Tisch und weil der Digestif nicht vergeudet – Thema Food Waste! – werden sollte, musste der Tisch auch dran glauben.

Bleiben wir beim Oralen: «Der neue Sauberbolide C44 ist bereits vor dem Start in aller Munde.» Das sorgt sicher für Aufsehen, all die Supermänner und die Boxengirls mit  Benzin, Bremsflüssigkeit und dem grossen Auspuff im Mund. Natürlich ist es nur ein bildhafter Vergleich, aber «ist bereits Gesprächsthema» oder «sorgt für Diskussionen» wäre doch etwas passender. Wer will denn schon an einem Rennwagen lutschen?

Manchmal sind falsche Wortbilder aber auch einfach – falsch. Da wird von einem knaufeligen Fahrrad berichtet. Also einem Velo mit Knauf. Wo genau dieser Knauf sich befindet, wird nicht gesagt. Hoffentlich nicht anstelle eines Sattels. Wer weiter liest, kommt dann schnell drauf, dass da jemand eine Liebeserklärung an sein Vehikel schreibt. Knuffig ist das Fahrrad, so wie ein Teddybär oder ein junger Hund. Muss man ja zuerst drauf kommen. Ob es auch mit ins Bett darf?

Noch ein Gruss aus der Küche: «Gedämpfte Räume und Gourmetgerichte». Was da alles gedämpft wird, ist nicht ganz klar. Ist aber doch appetit- und fantasieanregend zugleich. Der Text klärt dann auf: «Zutaten, die das heilige Mikrobiom stärken». Keine Ahnung, wer alle die Mikroorganismen in und auf uns anbetet, mir wäre das noch nie in den Sinn gekommen. Ob es wohl Mikrobiom- Heiligenbildchen gibt? Wäre vielleicht eine Marktlücke. Geht aber noch weiter in diesem Gastrobericht: «Auf den Tellern tummeln sich sexy und tugendhafte Gerichte». Kein Kommentar! Lassen Sie Ihre Fantasie doch mal selber spielen!

Im Restaurant hat es dann wieder so «Mikronährstoffe, die die Gäste auf der Suche nach Energie» glücklich machen. Passt doch gut zu Ostern! Statt Eier suchen wir mal so Mikrozeug. Ist Werbung doch schön! Aber ernsthaft. Wer solche Texte zusammenstiefelt, der sollte in ein mikrokleines Büro verbannt werden, zusammen mit einem Leitfaden «Was tun, wenn ich den Beruf verfehlt habe?»

 

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