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«Altern ist eine Krankheit»

Als passionierter Zeitungsleser blättere ich jeweils die Sonntags-Ausgaben durch, auch die NZZ am Wochenende mit ihren zusehends ganzseitigen, zweiseitigen, gar mehrseitigen Artikeln, Interviews, Gesprächen. Stosse ich auf ein Thema, das mich anspricht, mich «gwundrig» macht, reisse ich die Seiten raus und lege sie beiseite. In der Hoffnung, Zeit dafür zu finden, später. So stapelt sich jeweils ein Berg ungelesener Seiten, die ich dann ein paar Tage später entsorge, weil sich ein neuer Haufen angesammelt hat. Eine Ausnahme gab es in der letzten Zeit. Ein ganzes Magazin hatte es mir angetan. Ich legte es auf den besonders privilegierten Stapel neben dem PC. Als ich den Stapel aussortierte, fiel es mir wieder in die Hände: das «NZZ am Sonntag Magazin» vom 3. März. Vom Tag also, als wir uns eine 13. AHV-Rente genehmigt haben. Der Artikel, beziehungsweise das Interview war gar noch aufgeschlagen. Und der Titel war es, der mir am 3. März ins Auge stach und es wiederum tat. Nicht mehr so heftig, wie das erste Mal, als ich ihn las: «Altern ist eine Krankheit». Tatsächlich. Und ist das so?

Die Frau, die diese Erkenntnis in die Welt setzt, interessierte mich zuerst: Frau Prof. Dr. Andrea B. Maier, 46, Gero Wissenschaftlerin, die in Singapur an der Schnittstelle zwischen Biologie und Medizin forscht, eine Langlebigkeitsklinik führt, international stark vernetzt ist, als Kapazität gilt. Sie muss es wohl wissen. Denn sie verspricht im Interview mit Sacha Batthyany, dem stv.Leiter des Magazins, «in einer Sprechstunde», dass wir alle länger leben könnten, wenn wir mehr in unseren Körper investieren, ihn optimieren und unsere Gewohnheiten anpassen würden. Und Sacha Batthyany folgert am Schluss des Gesprächs nicht ohne Selbstironie: «Wenn Fast Food eine negative Investition in die Gesundheit bedeutet, habe ich schon sehr viel negativ investiert.» Wie die meistens von uns wohl auch.

Ja, es ist die Sprache, die eher an ein Management-Seminar erinnert als an eine medizinische Konsultation. Denn Andrea B. Maier hat mit zwei Arten von Kunden, nicht mit Patienten zu tun. «Die einen wollen eine höhere Lebensqualität. Sie sind um die 50 Jahre alt und suchen nach Optimierung. Sie beobachten, dass jüngere Kollegen in der Firma schneller und erfolgreicher sind, und erkennen, dass man an sich arbeiten und in sich investieren muss, um sich besser zu fühlen. Die andere Gruppe sagt, sie möchte sicherstellen, dass sie noch länger leben und arbeiten kann.» Das tönt doch all denen wohltuend in den Ohren, welche die Lebensarbeitszeit verlängern wollen. Oder nicht?

Im Alter von 50 Jahren würden sich, so Andrea B. Maier, die physiologischen Systeme rapide verändern, mit 60 würden dann viele altersbedingte Krankheiten auftreten.

Ihr Ziel sei nicht, die Lebenserwartung zu verlängern, sondern Menschen im Alter ein gesünderes Leben zu ermöglichen. Die Langlebigkeit sei ein Nebeneffekt. Es sei wie beim Auto, in das wir investieren, wenn wir es periodisch in die Garage bringen würden, um es zu warten. Auch der Körper sei zu warten, er sei zu analysieren. Die meisten würden nicht einmal ihren eigenen Hämoglobin-Wert oder ihren Blutdruck kennen. Viele würden erst zum Arzt gehen, wenn sie Schmerzen hätten. Und das sei zu spät.

Andrea S. Maier unterscheidet zwischen dem chronologischen und dem biologischen Alter. Das chronologische Alter beschreibe die Zeit seit der Geburt. Das biologische Alter hingegen sei das Alter des Körpers, das davon abhängt, wie gut jemand altert, denn das Tempo des Alterns sei unterschiedlich und hänge von den Genen, von etwas Glück – und natürlich vom Lebensstil ab.

Und zur zentralen Frage: Ist Altern eine Krankheit, meint sie unmissverständlich.: «Ja». Altern sei verantwortlich für rund zwei Drittel aller Todesfälle weltweit. Die häufigsten Todesursachen von heute – Krebs, Herzleiden, Schlaganfälle oder Demenz – würden im Wesentlichen durch das Altern verursacht. Aber sie verstehe, wenn sich einige daran störten. «Denn eine Krankheit werde semantisch negativ assoziiert, und es bedeutet, dass wir alle krank sind, weil wir alle altern.»

Und sie präzisiert: «Wenn wir Mediziner etwas als Krankheit definieren, heisst das nicht, dass sich Menschen krank fühlen.» Den Alterungsprozess sollten wir durchaus in etwas Positives umwandeln, indem Menschen Wege aufgezeigt werden, wie sie gesünder leben könnten. Die alternde Gesellschaft sei ein zivilisatorischer Erfolg.

Für die Hamburger im McDonald’s würden wir auch bezahlen. Das sei eine Art negative Investition in unsere Gesundheit. Warum würden wir nicht umdenken und einen Teil des Einkommens in die positive Entwicklung des Körpers stecken, fragt sie. Wer fit im Alter bleibe, sei produktiver, würde krankheitsbedingt weniger ausfallen und könne länger arbeiten. Und anstelle des Hamburgers rät sie:  «Esst mehr Nüsse und Erdbeeren, die tragen besonders zur Gesundheit bei und: bewegt Euch.»

Jetzt kann ich das NZZ-Magazin vom 3. März auch entsorgen. Ich habe die Botschaft verstanden. Der Stapel neben dem PC verschwindet.

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3 Kommentare

  1. Die Botschaft, die Sie verstanden haben, ist welche genau? Verständlich, dass Sie nach all den politischen Misstönen der letzten Monate, sich einem anderen Thema widmen. Aber hier einen Werbeblock für die ultimative Optimierung des menschlichen Körpers einer im Moment angesagten und boomenden Gesundheits- und Schönheitsindustrie zu präsentieren, hätte ich so nicht erwartet.

    Die Aussage, das Altern sei eine Krankheit, ist weder wahr, sagt meine Ärztin, noch hilfreich für alle, die ihren Frieden mit dem natürlichen Alterungsprozess, mit guten und schlechten Momenten, machen wollen. Die Veränderungen unseres Körpers beginnen, je nach Genen und Umweltbedingungen, schon in jungen Jahren und ist ein normaler Vorgang, wie er in der ganzen Natur stattfindet, also auch bei Menschen. Zwischen Aufhübschen mit Hilfsmittelchen und Zuhilfenahme wichtiger medizinischer Massnahmen sowie einer Lebensführung, die einem gut tut und dem, was die Ziele der heutigen Körpergurus verkünden und kräftig damit verdienen wollen, liegen Welten auseinander. Die Maximierung von allem und jedem entspringt einer oberflächlich gewordenen Überflussgesellschaft, die je länger je mehr, Sinnhaftigkeit und menschliche Werte vermissen lässt. Die Geringschätzung des Alters und die Negierung des Todes in unserer Gesellschaft ist dafür nur eines der sicht- und spürbaren Merkmale.

  2. «Den Alterungsprozess sollten wir durchaus in etwas Positives umwandeln, indem Menschen Wege aufgezeigt werden, wie sie gesünder leben könnten. Die alternde Gesellschaft sei ein zivilisatorischer Erfolg», wird eine Gero-Wissenschafterin im Beitrag von Anton Schaller zitiert. Dem kann man durchaus zustimmen. Aber es stellt sich dabei auch die Frage, über welchen Altersabschnitt wir sprechen. Es macht einen Unterschied, ob wir das «fitte» Alter betrachten, wo den meisten Menschen tatsächlich viele Optionen der Betätigung im Rentenalter offenstehen, oder ob wir das «vulnerable» Alter in den Blick, wo sich die Autonomie der Betroffenen empfindlich einschränkt und die Endlichkeit des Lebens sich mitunter in belastender Weise ankündigt. Da drängen wahrscheinlich andere Fragen in den Vordergrund, als die zitierte Wissenschafterin umkreist. Ist man auf intensive Pflege angewiesen, reicht die Rente oft nicht aus. Schlimmer noch, die Pflegekosten können rasch einmal das ganze Privatvermögen verschlingen. Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, dass die Pflegefinanzierung in der Schweiz nicht gut gelöst ist. Sowohl Carlo Knöpfel, Professor für Sozialpolitik, und Thomas Gächter, Professor für Sozialrecht, fordern aus guten Gründen eine entsprechende gesellschaftspolitische Weichenstellung. Das sollte die Politik rasch angehen, wenn wir nicht Überraschungen aufgrund der demografischen Entwicklung gewärtigen wollen.

  3. Danke Renate Mosimann, ihr Kommentar besagt alles.

    PS: Die «Alten» werden immer älter weil sie lernen, gesünder und bewusster zu leben. Die Botschaft müsste
    an die Jugend gehen, die immer dicker wird.

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