Das Theater Kanton Zürich zeigt als Schweizer Erstaufführung «Dinge, die ich sicher weiss» des australischen Autors Andrew Bovel. Das Stück beleuchtet den Kosmos Familie als Gemeinschaft im Umbruch.
Im Mittelpunkt der Inszenierung steht eine sechsköpfige Familie, Vater, Mutter und vier erwachsene Kinder. Anfänglich strömt die Familie Harmonie aus, doch im Verlauf des Abends tun sich im Familiengefüge Risse auf. Die jüngste Tochter Rosie kehrt desillusioniert von einem Europatrip nach Hause zurück, geplagt von Liebeskummer. Statt Liebe und Geborgenheit wird sie mit dem Vorwurf konfrontiert, die Familie nicht von ihrer Ankunft informiert zu haben. Tochter Pip nimmt sich eine Auszeit von Mann und Kind, um eine neue Stelle in Vancouver anzunehmen, Sohn Mark offenbart den Eltern, dass er sein Geschlecht operativ ändern will, und Sohn Ben, der seine Firma um eine Viertelmillion betrogen hat, sucht Hilfe bei der Familie, um nicht im Gefängnis zu landen.
Eine Fülle ambivalenter Verhältnisse
Eine scheinbar intakte Familie offenbart ein Panoptikum komplexer Beziehungsstrukturen, eine Fülle von Problemen und ambivalenten Verhältnissen. Selbst die Eltern Bob und Fran sind nicht gefeit vor Ungereimtheiten. Trotzdem bleibt das Familiengefüge intakt, garantiert allseits grossen Halt. Diese Diskrepanz veranschaulicht das Ensemble recht differenziert und mit viel Feingefühl. Gespielt wird vorab im mit Pflanzentöpfen garnierten Garten des mit Efeu verzierten Hauses (Bühnenbild: Corinne Rusch). Vater Bob, passabel gespielt von Pit Arne Pietz, entpuppt sich als Mann mit klaren Prinzipien, die beim Nachwuchs immer weniger Wiederhall finden, wirkt immer mehr verunsichert und abwesend, schnipst stetig an seinen Buchsen herum. Dagegen verkörpert Mutter Fran, sehr nuancenreich gespielt von Katharina von Bock, die dominierende Figur im labilen Familiengefüge, stets bemüht, das Leben ihrer Kinder mitzubestimmen, und dabei eigene Unsicherheiten und unliebsame Vorkommnisse zu Tage fördert.
Sohn Ben wegen Finanznöten im Streit mit Vater und Mutter (v.l.): Katharina von Bock, Pit Arne Pietz, Axel Julius Fundeling.
Regisseurin Johanna Böckli präsentiert eine schlicht gehaltene Inszenierung, die Figuren illustrieren ihre Schicksale wenig dramatisch. Meisterlich gelungen ist die Figur von Mark, der seine Geschlechtsumwandlung offenbart. Einfach grossartig, wie Michael von Burg bedacht sein Vorhaben seinem Umfeld kundtut und um Verständnis bittet. Man empfindet förmlich mit, dass ihm der Gang zu den Eltern nicht leicht gefallen ist. Zu gefallen weiss auch Miriam Wagner als Tochter Pip, die recht distanziert und selbstbewusst ihre Trennung von Ehemann und Kind vorantreibt. Dagegen gestaltet Axel Julius Fundeling den Luxus liebenden Sohn Ben etwas gar übertrieben weinerlich, wenn er bei der Familie um Unterstützung bettelt. Mia Lüscher verkörpert die Rolle der jüngsten Tochter Rosie mit Liebeskummer erfrischend unverkrampft.
Sohn Mark (Michael von Burg) offenbart seine Umwandlungsabsicht. Fotos: Toni Sutter
Bleibt als Fazit eine Familie im Umbruch mit zahlreichen Schicksalsschlägen, die eine Vielfalt an unterschiedlichen Haltungen illustriert. Dafür gabs am Premierenabend am TZ-Sitz in Winterthur Grüze reichlich Applaus.
Titelbild: Tochter Rosie (Mia Lüscher) sucht Trost beim Vater Bob (Pit Arne Pietz).
Weitere Spieldaten: 16., 17. April, Theater Rigiblick, Zürich
