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Überall kreucht und fleucht es

Von den kleinsten Lebewesen in der Erde, den Mikroben, von mächtigen Eichen, vom Wohlbefinden der Forellen und von vielem mehr schreibt Florianne Koechlin in ihrem neuen Buch «verwoben&verflochten. Was Mikroben, Tiere und Pflanzen eint und wie sie uns ernähren.»

Beim ersten Durchblättern des Buches fiel mein Blick auf ein Zitat: «Unter unseren oberflächlichen Unterschieden sind wir alle wandelnde Gemeinschaften von Bakterien. Die Welt schimmert, eine pointillistische Landschaft aus winzigen Lebewesen.» Florianne Koechlin zitiert Lynn Margulis (1938-2011), eine Pionierin der modernen Biologie, und spricht über sie mit einer Forscherin in Kalifornien, die mit Lynn Margulis gut bekannt war. Die Autorin erklärt weiter, Margulis’ Begabung sei es gewesen, dort Verbindungen herzustellen, wo andere keine sahen – oder wo bisher noch niemand gesucht hatte. Denn Mikroben sind die ältesten Lebewesen auf der Erde. «Ohne die Mikrobenwelt gäbe es uns nicht.» Inzwischen sind uns einige Teile des Reiches der Mikroben vertrauter geworden: die Darmflora beispielsweise oder die Bodenmikroben, die für die Fruchtbarkeit der Böden unabdingbar sind.

Florianne Koechlin (zVg Lenos Verlag)

Florianne Koechlins Buch ist alles andere als ein trockener Bericht über neue Forschungsergebnisse. Ihr Kunstgriff besteht darin, dass sie, abgesehen, dass sie sehr lebendig zu schreiben versteht, Gespräche wiedergibt, die sie mit ausgewiesenen Fachleuten geführt hat. Und schliesslich sind die Themen so spannend, dass die Lesende das Buch nur ungern weglegte.

Austausch in Gesprächen über Wissenschaften

In der Schweiz wurde die Biologin Florianne Koechlin (*1948) bekannt als Gentechnikkritikerin. Sie war eine der führenden Personen, die sich 2005 für ein Ja bei der Volksabstimmung über das Gentech-Moratorium 2005 einsetzten. In neun Büchern hat sie sich bisher mit neuen Erkenntnissen zu Pflanzen und anderen Lebewesen (insbesondere Pflanzenkommunikation und Beziehungsnetze) befasst, dazu mit zukunftsfähigen Konzepten in der Landwirtschaft. In diesem Kontext steht dieses Buch, ihr zehntes. Ausserdem ist sie Geschäftsführerin des Blauen-Instituts und setzt ihre Erkenntnisse auch als Malerin (s. Titelbild dieses Buches) um.

Vielfalt – Zauberwort erfolgreicher Landwirtschaft

Dass biologische Landwirtschaft kein Wunschtraum weltfremder Naturliebhaber ist, zeigt die Autorin in ihrem Bericht über die weltweit grösste Umstellung auf Bio und Vielfalt, die in Andhra Pradesh / Indien im Gange ist. Die Autorin unterhält sich hier mit dem Leiter eines Regierungsinstituts, das gegründet wurde, um die Umsetzung dieses Projekts zu bewerkstelligen. Für Laien wie mich war es erstaunlich zu lesen, dass auf einem Feld nicht nur Mais oder Bohnen angebaut wurden, sondern beides, dazu u.a. Kichererbsen, Tomaten zwischen Rizinus- und Moringabäumen.

Koechlin erfährt ein paar Jahre später, dass sich das Projekt Natural Farming in den – für Indien besonders schweren – Coronajahren sehr gut bewährt habe. Die Umstellung ist noch nicht beendet, aber auf gutem Weg – ganz ohne staatliche Subventionen, aber mit technischer Hilfe und Beratung. «Synthetischer Dünger oder Pestizide gelten als absolutes No-Go» schreibt die Autorin.

Verschiedene Formen der Landwirtschaft sowohl im Süden als auch in gemässigten Zonen behandelt Florianne Koechlin in knapp zwei Dritteln ihres Buches. Vielfalt bleibt Thema unter diversen Gesichtspunkten, ob ein Bäcker in Mönchaltorf mit der Vielfalt von Getreide experimentiert oder ob es um Mischkulturen in China und Spanien geht. «Monokulturen sind eine unglaubliche Landverschwendung», sagt Maria Finckh in Kassel, eine Expertin auf dem Gebiet der Vielfaltsforschung. Im Interview erfahren wir Genaueres.

Die Eigenwilligkeit der Ameisen

Ameisenhaufen sind in unseren Wäldern seltener geworden, aber es gibt sie noch. Florianne Koechlin begleitet einen «Ameisengötti», einen Rentner, der sich ehrenamtlich um deren Befinden kümmert. Was die Autorin anschliessend im Gespräch mit der russischen Wissenschaftlerin Olga Bogatyreva erfuhr, ist höchst erstaunlich. Mit ihrem Kollegen Alexandr E. Schillerov hatte sie über 20 Jahre lang in Kasachstan und Westsibirien das Verhalten einzelner Ameisen in der Natur erforscht.

Dabei stellten sie fest, dass sich Ameisen gar nicht so anders verhielten als andere Tiere oder Menschen. Sie stahlen ihren Ameisenschwestern blitzschnell Futter, hatten im Kontakt Vorlieben und Abneigungen, waren langsamer oder schneller, kurz gesagt: Auch Ameisen erweisen sich als individuelle Lebewesen. Dass sie auch lernen können, scheint dann fast selbstverständlich. Sprechen können sie natürlich nicht, aber mit ihren zarten Antennen kommunizieren sie durchaus, ausserdem benutzen sie Düfte. – Nur für uns ist Ameisensäure ätzend auf der Haut und in der Nase.

Uralte Eichen als Forschungsobjekte

Besonders beeindruckt hat mich das Kapitel über eine Gruppe grosser Eichen in der Nähe von Leipzig. Forschende vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung untersuchen das Befinden der acht über 400 Jahre alten Eichen nach unterschiedlichsten Kriterien. Ausser Laborversuchen wurde zwischen den Eichen ein 40 Mater hoher Kran aufgebaut, der den Forschern und Florianne Koechlin bei ihrem Besuch ermöglichte, die Bäume auch in ihrer Krone zu untersuchen, ohne sie zu verletzen.

Um Insekten geht es da, um Raupen, die nur Blätter fressen von Pflanzen bzw. Bäumen, die nicht gewarnt waren. Wenn die Pflanze nämlich von den Raupen weiss, verändert sie durch ein Tannin den Geschmack der Blätter. Die werden bitter und die Raupe wendet sich ab. Auch Farbänderungen kann die Pflanze bzw. der Baum bewirken. Einen ehrwürdigen Baum auf diese Weise von oben bis unten kennenzulernen, zeigt uns die Wunder der Natur aufs Schönste.

Florianne Koechlin: verwoben & verflochten. Was Mikroben, Tiere und Pflanzen eint und wie sie uns ernähren. Lenos Verlag Basel. 2024. 288 Seiten mit 87 Abbildungen. ISBN 978-3-03925-037-0

Webseite von Florianne Koechlin

Titelbild: Ausschnitt einer Tuschzeichnung von Florianne Koechlin, s. Buchtitel.
alle anderen Fotos: pixabay.com

 

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1 Kommentar

  1. Dieser Beitrag erinnert mich an «Der Dschungel im Boden», von Atlant Bieri und Siriporn Bieri, erschienen 2021 im Werd&Weber Verlag Thun (werdverlag.ch). Spannende Dokumentation mit hervorragenden Bildern.

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