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Das grosse Geschäft mit den Auswanderern

Im Vergleich zu heutzutage war man früher viel beschwerlicher und viel länger unterwegs. Und auf Reisen ging gewöhnlich nur, wer das nötige Geld hatte und wer – aus welchen Gründen auch immer – wirklich nicht anders konnte. Oder Abenteurer wie zum Beispiel die frühen Auswanderer. Sie waren es, die meist aus purer Not ihr Erspartes und oft auch ihr Leben aufs Spiel setzten, um anderswo auf der Welt eine neue Existenz zu suchen.

In einer Zeit, in der es aus heutiger Sicht nichts gab, was einem das Reisen erleichterte – weder Internet, noch Reisebüros und moderne Verkehrsmittel – wurde das Auswandern im Mindesten zum Abenteuer und oft zu einem Hochrisiko-Unternehmen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es die Auswandereragenturen, die den Auswanderungswilligen ihre Dienste anboten. Diese Agenturen waren es, die dafür sorgten, dass ihre Kunden die nötigen Papiere, Fahrkarten und anderen Dokumente hatten. Kurz: Solche Agenturen versuchten, der Kundschaft lange, teure und gefährliche Wartezeiten in einem Hafen und andere Unbill wenn immer möglich zu ersparen.

Heute geht man davon aus, dass die Reisebüros heutiger Prägung im 19. Jahrhundert aus den Auswanderungsagenturen entstanden. «Den eigentlichen Anlass zur Etablierung von Reisebüros boten die massenhaften Auswanderungen, vor allem nach Amerika», wie Martin Scheutz, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien, in seinem Essay «Die Geschichte der Reisebüros» schreibt. Übrigens: Der Eintritt von Söldnern in fremde Armeen war lange die bedeutendste Form der Auswanderung, also schon vor 1800. Doch erst im 19. Jahrhundert wurde die Schweiz zu einem Auswanderungsland. Zahlreiche Menschen verliessen die Schweiz wegen der Armut und mangelnder Perspektiven.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Auswanderung nach Übersee – vor allem nach Nordamerika, Südamerika, in geringerem Masse auch auf andere Kontinente – neue Dimensionen an, wozu auch die Entwicklung der Transportmittel und die Aktivität der Auswanderungsagenturen beitrugen. Allein zwischen 1851-1860 wanderten rund 50000 Personen aus der Schweiz nach Übersee aus, in den 1860er und 1870er Jahren je 35000 und 1881-1890 über 90000. Ab dann stabilisierte sich die Zahl der Auswanderer pro Jahrzehnt zwischen 40000 und 50000.

Prof. Scheutz verschweigt auch nicht, dass sowohl die Habsburgermonarchie als auch das Deutsche Reich und die Schweiz in Bezug auf die Auswanderung eine Doppelrolle wahrnahmen: «Sie stellten einerseits ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts grosse Kontingente an Auswanderungswilligen, andererseits verdienten sie viel an der Durchschleusung der Auswanderer und deren Transferierung in die französischen und deutschen Hafenstädte.»

Knebelverträge

Anfänglich sind die Aussiedler mit dem «Redemptioner-System» geködert worden, zumal viele von ihnen bereits bei der Ankunft im Einschiffungshafen mittellos ankamen oder es da wurden. Um die Reise nach Übersee dennoch antreten zu können, verdingten sich die Emigranten als sogenannte «Redemptioner»: Das bedeutet, dass sie sich verpflichteten mussten, nach ihrer Ankunft in Amerika meist mehrere Jahre ohne Bezahlung zu arbeiten. Erst dann war der Schiffskapitän bereit, die Kosten für die Überfahrt zu übernehmen. Besonders arglistig war eine Klausel, die besagte, dass jene Auswanderer, die lebendig in Amerika ankommen, sich verpflichten, auch für die Reisekosten jener aufzukommen, die die Überfahrt nicht überleben sollten.

Not macht Millionäre

Gegründet wurden die Passagen- und Auswanderungsagenturen zuerst zumeist von Reedereien und Schiffsmaklern sowie von gewievten Kaufleuten, die die Gewinnmöglichkeiten mit dem Auswanderungsverkehr erkannten. Vergleiche mit dem heutigen Schlepperwesen drängen sich auf.

Erst im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wandelten sich viele Agenturen allmählich zu behördlich konzessionierten Vermittlern und Organisationen. Nicht viel änderte sich am Umstand, dass die Agenturen und ihre überall im Lande positionierten Agenten Auswanderungswillige anwarben und köderten. In Zeitungsinseraten und mit gedruckten Auswanderungs-Werbebroschüren wurde geworben, sich den Traum von einem besseren Leben zu erfüllen.

Hotspot Basel

Basel war in der Mitte des 19. Jahrhunderts der «Place to be» für Auswanderungsagenturen. Ein Grossteil der Menschen, die der Schweiz den Rücken kehrten, landeten zunächst in Basel bei einer der bis zu zehn konzessionierten Agenturen. Denn die Auswanderer verfügten weder über das nötige Wissen noch über entsprechende Kontakte, um die Reise auf eigene Faust zu planen.

Die Agenturen hingegen hatten sich dieses Wissen angeeignet: Sie wussten, wie man mit den «neuen» Verkehrsmitteln Eisenbahn und Dampfschiff von A nach B kommt und von da nach C. So verkauften die Agenturen ihrer Kundschaft nicht nur die Schiffskarten für die Überfahrt in die «Neue Welt», sie organisierten – quasi als Pauschalarrangement – auch die Reise zum Einschiffungshafen und sorgten für Verpflegung und Unterkunft. Die damals bedeutende Auswanderungsagentur von Andreas Zwilchenbart unterhielt sogar ein Büro in New York und besass nahe dem Landeplatz Castle Garden das «Hotel Grütli». Und für den Transport zum Einschiffungshafen soll Zwilchenbart sogar Sonderzüge eingesetzt haben, deren Fahrplan auf jenen der Schiffe abgestimmt war.

Auswandererkarte USA der PH.Rommel-Gesellschaft (Basel): Plakat zur Anwerbung von Auswanderern, ausgehängt durch die Agentur Franz Dusser Thun. Quelle: ZVG

Zwilchenbart und Konsortien

Auf dem Platz Basel waren seit den 1840er-Jahren insbesondere die Agenturen von A. Zwilchenbart – die «Schweizerische AG für Auswanderung» – und die «Schweizerische Auswanderungs-Anstalt Beck & Herzog» aktiv. Zu Beginn der 1880er-Jahre zählte man hierzulande neun derartige Agenturen, sechs davon mit Sitz am Rheinknie. Davon zeugt ein bundesrätliches Verzeichnis aus dem Jahre 1882, basierend auf dem «Bundesgesez betreffend den Geschäftsbetrieb von Auswandereragenturen» vom 24. Christmonat 1880. Damals wurde unter anderem von den Agenturen verlangt, ein Patent zu lösen und eine Kaution von 40000 Franken zu deponieren.

Das Gesetz legte die Anforderungen an die Agenturen fest und formulierte die Bestimmungen. So forderte etwa Artikel 13 § 1 wörtlich: «Die Beförderung auf Eisenbahnen hat in gut geschlossenen Waggons zu geschehen, worin nur so viele Personen untergebracht werden dürfen, als Sitzplätze vorhanden sind.» Es waren Bestimmungen, um die ansonsten schon arg gebeutelten Auswanderer mit einem Minimum an Rechten auszustatten.

Kontrolle und Konkurrenz

Bei der Teilrevision des Gesetzes im Jahr 1888 wurden die oft noch rudimentären Bestimmungen verschärft. Neu mussten die Agenturen auch für jeden für die Agentur tätigen Unteragenten 3000 Franken an Sicherheit hinterlegen.

Um den Bestimmungen des Bundesgesetzes Nachdruck zu verleihen, schuf der Bundesrat im September 1888 ein Schweizerisches Auswanderungsbüro, um die Agenten, Unteragenten und Passagebillett-Verkäufer besser beaufsichtigen zu können. Kaum war das neue Bundesamt operativ tätig, mussten sich die Beamten wehren, nicht ständig von den Auswanderungsagenturen behindert und instrumentalisiert zu werden. So ist etwa bekannt, dass sich die beiden führenden Basler Agenturen A. Zwilchenbart und Ph. Rommel gegenseitig nichts schenkten und sich immer wieder beim Auswanderungsamt über den anderen beschwerten und gegenseitig anzuschwärzen.

Ein halbes Dutzend Agenturen

Gemäss dem bereits erwähnten Verzeichnis der Auswanderungsagenturen aus dem Jahr 1888 waren damals folgende Agenturen in Basel tätig:

>   Joh. Baumgartner
>   A. Zwilchenbart (am Centralbahnhofplatz)
>   Schneebeli & Comp. (an der Elisabethenstrasse)
>   Ph. Rommel & Comp. (am Centralbahnplatz)
>   Otto Stoer (an der Kaufhausgasse)
>   M. Goldsmith (an der Heumattstrasse)

Ebenfalls aufgeführt sind in diesem Dokument die Unteragenten der Agenturen. Über besonders viele verfügte seinerzeit die Agentur Zwilchenbart mit Büro beim Bahnhof Basel: Seine 39 Agenten arbeiteten der Zentrale in Basel von überall aus der Schweiz zu – domiziliert in von A wie Altdorf bis Z wie Zürich. Alle Auswandereragenturen kamen über ihre Unteragenten zur Kundschaft.

Über Johannes Baumgartner haben wir nicht viel erfahren können. Es dürfte sich um eine kleine Agentur gehandelt haben, zumal nur vier Unteragenten – in Stans OW, Trins GR, Möhlin AG und Locarno TI – erwähnt werden.

Die «General-Agentur für Auswanderung» von Ph. Rommel vergrösserte sich anno 1871, indem der Zwilchenbart-Prokurist Johannes Bolliger abgeworben und zum Teilhaber ernannt wurde. 1882 standen fast so viele Unteragenten auf der Lohnliste wie beim Konkurrenten.

Otto Stoer gründete 1865 seine eigene Agentur, nachdem er lange bei Zwilchenbart gearbeitet hatte. In einem Empfehlungsschreiben schreibt Stoer wörtlich: «Seit 18 Jahren auf hiesigem Platze domicilierend, bin ich mit den Verhältnissen auf’s Innigste vertraut und somit im Stande, jeden mir zukommenden Auftrag prompt auszuführen. Mein zwölfjähriger Wirkungskreis im Hause A. Zwilchenbart dahier, als Procurist, aus welcher Firme seit Ende Mai geschieden bin, war ununterbrochen dem Emigrations-Geschäft gewidmet, und ich beabsichtige, meine gemachten vieljährigen Erfahrungen hauptsächlich dieser Branche zuzuwenden, wovon ich Sie seiner Zeit in Kenntnis zu setzen mir erlauben werde.»

Die mittelgrosse Agentur M. Goldsmith (samt einem Dutzend Unteragenten) ging 1884 an die Herren J.M. Bauer und Ad. Müller. Sie war eine der ersten Agenturen, die über ein verzweigtes globales Netz an Domizilen verfügte: mit Büros in Basel, in New York und in Boston.

Von der Auswanderungsagentur…

Älteste Agentur auf dem Platz Basel ist die Auswanderungsagentur von Andreas Zwilchenbart. 1881 verkaufte Zwilchenbart sein Unternehmen an die Familie Imobersteg; die Firma mutierte 1890 zur «Zwilchenbart Schweiz AG für Auswanderung».

Um die Jahrhundertwende gab Zwilchenbart für die Passage nach Amerika einen nützlichen «Reise-Begleiter» heraus, der alle wichtigen Punkte zusammenfasste. Darin befanden sich auch Tipps für die etwas anspruchsvollere Kundschaft, die man offenbar vor der neu gewonnenen Klientel aus dem südlichen und östlichen Europa schützen wollte. Wir zitieren: «Alleinstehenden Frauenzimmern, sowie Personen, welche in ordentlicher Gesellschaft zu verkehren gewohnt sind, möchten wir nahelegen, dass die Reise in dritter Klasse in sozusagen ungetrennter Gesellschaft der grossen Masse öfters beinahe unmöglich wird.» Und weiter: «Es sollten daher die schweizerischen und deutschen Auswanderer, deren Ansprüche punkto Verpflegung und Logierung, Anstand und Moralität weit über der mitreisender Südländer, Russen, Polen, Griechen, Bulgaren, Rumänen usw. gehen, sich eine bescheidene Mehrzahlung für die Seepassage nicht reuen lassen und die zweite Klasse zur Überfahrt wählen.»

… zum Reise- und Speditionskonzern

Im 20. Jahrhundert fielen einige der Agenturen dem Strukturwandel und der abflauenden Auswanderungswelle zum Opfer. Jene aber, die sich anzupassen wussten und wandelfähig zeigten, hatten durchaus eine Zukunft. Etwa die Agentur Zwilchenbart, die sich zunehmend zum Reisebüro mauserte und sogar mithalf, die Gesellschaft Aviatik beider Basel – die spätere Balair – zu gründen. 1929 wurden auf der ursprünglichen Auswandererroute unter dem Slogan «New York in 80 Stunden» sogar Zeppelinflüge angeboten. In den 1950er-Jahren ging Zwilchenbart im Basler Reisebüro Bronner & Cie. auf.

Auch die beiden grossen Spediteure baslerischer Herkunft – Danzas und Panalpina – gingen im 20. Jahrhundert aus Auswandereragenturen und Passagebillett-Verkäufern hervor. Mittlerweile sind sie nicht mehr eigenständig, wurden von grossen europäischen Speditionskonzernen geschluckt.

«Von Sissach nach Ohio»

So heisst das Buch von Heiner Oberer (70), der über seine Ururgrossmutter Verena Oberer-Waibel geschrieben hat, die 1858 – als junge Witwe zusammen mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter Maria – aus sozialer Not aus dem Oberbaselbiet in die USA ausgewandert ist. Im vermeintlichen Paradies führt sie ein Leben, geprägt von Erfolgen und Misserfolgen, Heimweh und zahlreichen Schicksalsschlägen, oder wie sie in einem Brief an ihren Sohn Eduard in Sissach unter anderem schreibt: «…die Häge seihen nicht mit Bratwurst geflochten und die Dauben fligen eim nicht Gebraten ins Maul. O nein».

Titelbild: Mit der «France» überquerten Eduard Heinrich und Pauline Oberer-Grieder mit den Söhnen Eduard und Heinrich anno 1881 den Atlantik, um sich in Cleveland, Ohio, eine neue Existenz aufzubauen. Foto ZVG

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ASO Auslandschweizerorganisationen

Quellen:

  • Schweizerisches Wirtschaftsarchiv und Staatsarchiv Basel-Stadt
  • Anne-Lise Head-König: «Auswanderung» in Historisches Lexikon der Schweiz, 2007
  • Leo Schelbert: Einführung in die schweizerische Auswanderungsgeschichte der Neuzeit, Zürich 1976
  • Martin Scheutz: «Die Geschichte der Reisebüros – eine Leerstelle der Tourismusforschung» in «Fernweh und Stadt», Tourismus als städtisches Phänomen, StudienVerlag, Innsbruck 2018
  • «Das schweizerische Auswanderungswesen und die Revision und Vollziehung des Bundesgesetzes betreffend den Geschäftsbetrieb von Auswanderungsagenturen», Bericht im Auftrage des schweiz. Handels- und Landwirtschaftsdepartements erstattet von Nationalrat Ludwig Karrer (1830-1893), Bern 1886
  • «Bundesgesetz betreffend den Geschäftsbetrieb von Auswanderungsagenturen», Bern 1880 (und 1888)
  • «Verzeichniss der vom Bundesrathe zur Betreibung einer Auswanderungsagentur patentirten Personen und Gesellschaften, sowie der Unteragenten derselben», Bern 1882

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2 Kommentare

  1. Ein interessanter und informativer Text. Danke.
    G. Battaglia

    Kleine Anmerkung: Trins (rätoromanisch Trin) befindet sich nicht in Grossbritannien (GB), sondern im Kanton Graubünden (GR)

  2. Gut, dass wieder einmal jemand daran erinnert, dass die Schweiz füher ein bettelarmes Auswanderungsland war. Früher zog niemand zum Vergnügen ins Ausland, weder die Schweizer Söldner europäischer Monarchen und Päpste, noch die Auswanderer in die Nacbarländer oder nach Uebersee.

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