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KI bemerkt verändertes Verhalten im Alter 

Im Alter gehen Veränderungen oft schleichend vonstatten. Ein Indikator dafür: unser Stromverbrauch. Die Webapp «CleverGuard» kann es Angehörigen oder Betreuungspersonen erleichtern, Veränderungen zu bemerken und mit den älteren Angehörigen oder Betreuten zu besprechen. Das fördert die Beziehung und verbessert die Sicherheit.

Angehörige von älteren Menschen kennen die Sorge, gerade wenn die Eltern nicht in der Nähe leben: Merke ich am Telefon, wenn meine Mutter gebrechlicher wird und Hilfe im Alltag braucht? Was, wenn sich bei meinem Vater eine Demenz entwickelt, die er bei meinen Besuchen noch gut kaschieren kann? Auch professionelle Betreuungspersonen wissen, dass sie auf die Frage nach dem Befinden oft geschönte Antworten erhalten, oder dass Seniorinnen und Senioren eine schleichende Veränderung manchmal selbst nicht wahrnehmen. Ein Forscherteam am iHomeLab der Hochschule Luzern hat deshalb im Rahmen des Europäischen AAL-Programms (Active Assisted Living) die Webapp «CleverGuard» entwickelt – gemeinsam mit Betreuungsfachpersonen und dem Energiemessgeräte-Hersteller Clemap, in einem internationalen Team. Mit diesem System können kurz- und längerfristige Abweichungen von der Alltagsroutine mit Hilfe des Stromverbrauchs und von Machine Learning leichter bemerkt werden.

Ein Gesprächsangebot

Die Lösung basiert auf einer unscheinbaren kleinen Box, die auf Wunsch im Sicherungskasten angebracht wird und den Stromverbrauch auf Sekunden genau ablesen kann. Die Box leitet die Daten verschlüsselt an einen externen Server weiter. Der Projektpartner Clemap AG aus Zürich wertet diese Daten dann auf seinen Servern aus und speist die Ergebnisse in eine Webapp ein. Diese gestaltet daraus ein intuitiv verständliches, leicht lesbares Diagramm, das aufzeigt, ob und wann es im Verlauf des Tages Abweichungen vom Verhalten der letzten Zeit gab. Interpretationen liefert die App keine – vielmehr soll sie eine Gesprächsgrundlage für Angehörige und Betreuungspersonen anbieten. Vielleicht gibt es ja naheliegende Erklärungen: Der nächtliche Stromverbrauch ist plötzlich gesunken, weil die Olympiade zu Ende war und es somit keinen Anlass mehr gab, nachts Fernsehen zu schauen. Die Grossmutter hat ein GA gekauft und nützt die Tage nun vermehrt für Ausflüge; somit gibt es keinen Grund zur Beunruhigung. Oder vielleicht kommt man im Gespräch eben darauf, dass sich das körperliche oder psychische Befinden verändert hat.

Grenzen und Chancen

In einem Altersheim in Belgien zeigte sich, dass gerade die durch CleverGuard motivierten Gespräche der grosse Gewinn waren. Einige Bewohnerinnen und Bewohner hatten sich am Test der App beteiligt, waren aber trotzdem zunächst skeptisch. «Aha, Big Brother is watching you», bekam ein Betreuer schon mal zu hören, wenn er am Morgen bei jemandem vorbeischaute, dessen Stromverbrauchs-Diagramm eine markante Abweichung zeigte. Mit der Zeit aber machten Bewohnende und Betreuende eine verblüffende Feststellung: «Die Gespräche erhielten mehr Tiefe, weil sie einen konkreten Anlass hatten und damit mehr Inhalt als ein allgemeines ‹wie geht’s?›,» sagt Andrew Paice, der Leiter des iHomeLabs der Hochschule Luzern. Das erleichterte es, unabhängig vom Stromverbrauch, veränderte Bedürfnisse besser zu erkennen.

In der Schweiz wurde «CleverGuard» in einem anderen Umfeld getestet, wobei auch die Grenzen der App deutlich wurden. Partner war Vicino Luzern. Der Verein unterstützt ältere Menschen mit verschiedenen Angeboten, damit sie möglichst lange selbstbestimmt und sicher zu Hause leben können. Fredy Blättler, Koordinator bei Vicino Luzern, stellte fest: «Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren wohl zu aktiv – die Muster im Stromverbrauch waren nicht aussagekräftig, weil die Teilnehmenden als aktive Pensionierte jeden Tag anders gestalten.» Auch dies ein wichtiger Erkenntnisgewinn im Forschungsprojekt: «CleverGuard dient dort am meisten, wo sich Menschen an der Schwelle vom aktiven Alter zum gebrechlichen Alter befinden», hält Andrew Paice fest. Es gehe darum, längerfristige Veränderungen im Verhalten zu bemerken und genauer abzuklären, ob sie mit einem verschlechterten Gesundheitszustand zusammenhängen. Als Einsatzbereich sieht er zum Beispiel Heime, die ein teilweise selbständiges Wohnen ermöglichen.

CleverGuard live

Im iHomeLab Visitorcenter kann man sich ab Sommer vor Ort ein Bild davon machen, wie «CleverGuard» funktioniert. Potenzielle Interessentinnen und Interessenten können dann das Verhalten von acht der Personen, die sich für die Tests in Belgien und in der Schweiz zur Verfügung gestellt haben, live beobachten – natürlich anonymisiert. Die Verwertungsrechte für eine Kommerzialisierung von CleverGuard liegen bei der Firma Clemap AG aus Zürich. Pascal Kienast von Clemap sieht «CleverGuard» in einem grösseren Rahmen: «Es ist ein beispielhaftes Projekt, das zeigt, wie Smart-Meter-Stromdaten nicht nur im Hinblick auf den Bereich Energie, sondern auch in anderen Einsatzgebieten sinnvoll genutzt werden können». Und Andrew Paice blickt bereits nach vorne: «Bei uns am iHomeLab gibt es Ideen für weitere Forschungsprojekte zu dieser Technologie. Wir denken, dass ihre Möglichkeiten zur Verbesserung der Betreuung von Menschen im Alter noch nicht ausgeschöpft sind.»

Titelbild: Veränderungen im Energieverbrauch können es Betreuungspersonen erleichtern, verändertes Verhalten anzusprechen und so die Betreuung zu verbessern. Foto: hslu_Judith Wirth

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1 Kommentar

  1. Was für eine schreckliche Vorstellung! Was kommt wohl noch alles auf uns zu, das sich mit KI anstellen lässt? Mir kommt es bei diesen neusten technologischen Errungenschaften so vor, wie wenn erwachsene Buben mit einem neuen Spielzeug spielen und dabei einen möglichen materiellen Erfolg vor Augen haben. Heute wird bereits ein Chip entwickelt, der in das Hirn des Menschen eingepflanzt wird und dann die Gedanken mittels KI lesen und weiterverarbeiten kann. Was für ein Horrorszenario, das ich zum Glück nicht mehr erleben muss!
    Nach meiner Auffassung sollte man besonders alte und abhängige Menschen in Heimen den Rest ihres Lebens in Ruhe und Frieden beschliessen lassen und sich auf die allernötigsten Hilfestellungen beschränken. Mit KI-Ambitionen und grausligen Überwachungssystemen in der Zukunft ist es doch so wie mit dem unkontrollierten Internet: Die Geister die ich rief, werd ich nun nicht mehr los und die langfristigen Auswirkungen auf die Menschheit kennt niemand!

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