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Afrika von afrikanischen Kunstschaffenden gesehen

Das Kunstmuseum Basel präsentiert mit «When We See Us» ein Kaleidoskop der panafrikanischen figurativen Malerei der letzten hundert Jahre. Die Ausstellung ist eine Übernahme aus dem Zeitz Museum of Contemporary Art Africa in Kapstadt.

Die umfassende Schau panafrikanischer Malerei When We See Us bespielt das ganze Basler Kunstmuseum Haus Gegenwart. Sie steht für ein neues Selbstverständnis Schwarzer Künstlerinnen und Künstler, die nach Jahrhunderten eines weiss dominierten Kunstkanons ihre eigene Kunstgeschichte schreiben. Die Werke stammen nicht allein aus Afrika, sondern ebenso aus der Diaspora USA, Kuba, Haiti oder Brasilien.

«Triumph und Emanzipation»: Chéri Samba, Une femme conduisant le monde, 2017. Der Künstler (*1956) lebt in Paris und Kinshasa.

Die Bilder, die weder chronologisch noch nach Herkunftsland hängen, sind in sechs Themenkreise gegliedert: Alltag, Freude und Ausgelassenheit, Ruhe, Sinnlichkeit, Spiritualität, Triumph und Emanzipation. Diese sechs Schwerpunkte mögen erstaunen, berichtet doch die Presse in Verbindung mit Afrika meist von Elend, Gewalt und Opfern. Dass Afrika eine andere Sicht auf sich selbst hat, zeigen die 120 Kunstschaffenden in ihren 150 Werken.

Der Titel When We See Us ist inspiriert von der Netflix-Serie When They See Us (2019), in der unschuldige Schwarze Jugendliche von der weissen Gesellschaft pauschal als Verbrecher gesehen werden. Der Wechsel von «They» zu «We» steht für eine Umkehr der Perspektive und bietet Raum für die eigene Wahrnehmung, schreibt die Kuratorin Koyo Kouoh, Direktorin des Zeitz Museum of Contemporary Art Afrika in Kapstadt.

«Triumph und Emanzipation»: Chéri Chérin, Obama Revolution, 2009, Kinshasa, DR Kongo

Beim Eingang ins Museum winken mir als Erstes die Obamas und Abraham Lincoln zu, im Hintergrund das Weisse Haus, die Freiheitsstatue sowie Menschen und Symbole, die für die USA stehen. Das grosse Gemälde ist ein Werk von Chéri Chérin. Mit bürgerlichem Name Joseph Kinkonda wurde er 1955 in Kinshasa geboren, wo er auch arbeitet. Er begann seine künstlerische Laufbahn mit Wandmalereien und Werbeanzeigen für Unternehmen der Umgebung. Seine fröhlich wirkenden bunten Gemälde sind vom Alltagsleben und zwischenmenschlichen Beziehungen inspiriert. Unterschwellig ist jedoch auch Gesellschaftskritik ablesbar.

«Alltag»: Petson Lombe, Township Scene, Sambia, 1981

Unter dem Thema Alltag finden sich Motive wie etwa Frauen, die am Brunnen ihre Wassereimer füllen, ein Paar beim Essen, auch Schulkinder. Die urbanen Alltagsszenen und Porträts von Menschen auf dem Markt des 1933 in Sambia geborene Künstlers Petson Lombe erregten in den 1950er und 1960er Jahren besondere Aufmerksamkeit. In ganz Afrika findet man zudem Schilder mit den ausgefallensten Frisuren, die für Coiffeursalons werben. Meist sind es Freiluftsalons. Die oft von anonymen Künstlern geschaffen Tafeln sind äusserst fantasievoll gestaltet.

«Alltag»: Moustapha Souley, Untitled, 1944, Senegal. Werbetafel für eine Coiffeuse. Ausser dem Namen gibt es keine biographischen Informationen zum Maler.

Freude und Ausgelassenheit haben einen besonderen Stellenwert: «Das Leben will in vollen Zügen genossen werden. Wir wissen, wie man feiert», steht im Katalogtext. Das spiegelt sich auch in den Bildern wider: Musik und Tanz im Nachtlokal oder im Freien, Gesellschaftsspiele, Begegnungen in Strassencafés zeugen von Lebensfreude und Zugehörigkeit. Der als Moké bekannte Künstler Monsengwo Kejwamfi (1950-2001) malte seine frühen Werke auf herumliegende Kartons. Nach der Unabhängigkeit des Kongo 1960 liess er sich in Kinshasa von der Dokumentarfotografie inspirieren und schuf quirlige Kompositionen, Szenen aus dem städtischen Alltag und dem Nachtleben mit derbem Humor.

«Freude und Ausgelassenheit»: Moké, Kin oyé ou Couloir Madiokoko à Matonge, 1983, Kinshasa. © Moké

Ausgelassenheit macht müde, darum wird auch das Thema Ruhe zelebriert: Bilder mit entspannten Menschen, die ihre Ruhe zutiefst geniessen. Eines dieser Gemälde Sundials and Sonnets malte die in Chicago lebende Künstlerin Wangari Mathenge. Geboren wurde sie 1973 in Nairobi, Kenia. Nach dem Abschluss in internationalem Management und Wirtschaftsrecht studierte sie Kunst in Chicago. Ihre Gemälde zeigen häusliche Szenen in leuchtenden Farben und Mustern. Erfahrungen von Frauen aus ihrer Heimat und der Schwarzen Diaspora.

«Ruhe»: Wangari Mathenge, Sundials and Sonnets, 2019, Chicago. Foto: © Robert Wedemeyer

Zum Thema Sinnlichkeit, Körper, Intimität und Zuneigung heisst es im Katlogtext: «Wir loten Lust, Hingabe und die Verbundenheit mit dem Gegenüber aus. Mithilfe der körperlichen Kommunikation erkennen wir einander.» Unter den vielfältigen Darstellungen zu Sinnlichkeit fällt das Bild Le modèle noir, d’après Felix Vallotton auf, (Vallottons Original befindet sich in der Villa Flora in Winterthur). Anstelle der Schwarzen Dienerin porträtiert sich der Künstler Roméo Mivekannin selbst. Der Malgrund besteht aus zusammengesetzten Leintüchern. Der 1986 in Bouaké, Côte d’Ivoire, geborene Künstler pendelt zwischen Frankreich und Benin. Er behandelt seine Leinwände, in Anlehnung an die in Benin verbreitete Voudou-Kosmologie, mit stärkenden rituellen Präparaten und Elixieren.

«Sinnlichkeit»: Roméo Mivekannin, Le modèle noir, d’aprè Felix Vallotton, 2019. Acryl auf Leintüchern 251 x 254 cm. © 2024 Pro Litteris, Zürich, Foto: © Laurent Belet

Spiritualität ist aus dem Alltag Afrikas nicht wegzudenken. Sie ist vielgestaltig und komplex und bereichert das Dasein durch Rituale, Zeremonien und das Erzählen von Geschichten. Sie wurzelt neben dem Christentum und dem Islam in den indigenen Traditionen, die in Verbindung mit unterschiedlichen Gottheiten und Naturgeistern stehen. Der Katalog, der auch in Deutsch und Französisch vorliegt, enthält neben Essays panafrikanische Geschichten und Gedichte.

«Spiritualität»: Edouard Duval-Carrié, The True Story of the Water Spirits, 2004. Der 1954 in Haiti geborene Künstler studierte in Kanada und Paris und lebt heute in Miami, Florida.

Das Kunstmuseum Basel l Gegenwart liegt idyllisch direkt am Rhein. Da zurzeit der Weg vom Kunstmuseum her eine grosse Baustelle ist, empfiehlt sich der Gang über die Treppe neben der Wettsteinbrücke runter zum St. Alban-Rheinweg und dem Rhein entlang zum Museum.

Fotos: vom Kunstmuseum Basel zur Verfügung gestellt und rv

Bis 27. Oktober 2024
«When We See Us. 100 Jahre Panafrikanische figurative Malerei», im Kunstmuseum Basel l Gegenwart. Weitere Informationen finden Sie hier
Katalog mit reichem Bildmaterial in Englisch, Hrsg. Koyo Kouoh. Beiheft in dt./franz. Übersetzung, Kunstmuseum Basel 2024

 

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