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Das Schweigen der Guten

«Das Schlimmste kann das Schweigen der Guten sein.» So Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) . Daran erinnert die Schriftstellerin Rosemarie Egger in ihrem Sammelband Das Schweigen der Guten: Bonhoeffers Weckruf. Ein Lesebuch. Bonhoeffer fokussiert Schweigende, die vor der Auseinandersetzung fliehen. Sie stehlen nicht, tun viel Gutes und verschliessen ihre Augen vor dem Unrecht, das sie umgibt.

Dietrich Bonhoeffers Erfahrungen zwischen Anpassung und Widerstand entziehen sich unserer Vorstellung, so privilegiert, wie wir leben. Sie bewegen uns trotzdem. Der widerständige Theologe exponierte sich gegen den Faschismus und wurde, noch keine vierzig Jahre alt, im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

Der sozialdemokratische Kulturpolitiker Adolf Grimme zeigte am 15. September 1945 den zuständigen Richter an. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt. Der Bundesgerichtshof entlastete 1956 auch weitere Beteiligte, die Bonhoeffer 1945 verurteilt hatten: Einem Richter könne angesichts seiner «Unterworfenheit» unter die damaligen Gesetze kein Vorwurf daraus gemacht werden, wenn er glaubte, Widerständige zum Tode verurteilen zu müssen. So lautete die Begründung. Sie wirkt bis heute nach.

In jungen Jahren betrachtete Bonhoeffer den Krieg noch als notwendiges Übel. An der Jugendkonferenz in Fanö (1934) klärte sich jedoch seine pazifistische Haltung. Und zwar im Sinne der Bergpredigt. Sie hält das Gebot hoch: «Du sollst nicht töten!» Bonhoeffer setzte sich entschieden dafür ein, abzurüsten. Er orientierte sich an Mahatma Gandhi und warf der Kirche vor, zu verstummen. Zur Jahreswende 1942/1943 postulierte er Zivilcourage. «Stumpfes Zuschauen» sei keine christliche Haltung. Wer jedoch nicht tatenlos abwarten wollte, riskierte das eigene Leben. Und was sagen wir heute, quasi risikofrei, zur wiederum steigenden Aufrüstung?

Der Schweizer Finanzplatz verwaltet mehrere Billionen Franken. Viel Geld fliesst in Kriegsmaterial. Wichtige Akteure sind Banken und Versicherungen. Auch Schweizer Pensionskassen stecken jährlich mehrere Milliarden Franken in die Rüstungsindustrie. Zudem gelangen aus der Schweiz jährlich rund tausend Franken pro Kopf in Unternehmen, die Atomwaffen produzieren. Sogar die Nationalbank finanziert tüchtig mit. Unser Bundesgesetz untersagt zwar, verbotenes Kriegsmaterial zu exportieren. Die indirekte Finanzierung lässt sich aber kaum nachweisen. Und konventionelles Kriegsmaterial darf ohnehin finanziert werden. Ich bin gegen diese Investitionen in die Rüstungsindustrie. Wer Kriegsmaterial produziert, soll keine Finanzierung erhalten.

Ein erster Schritt ist die Transparenz beim Anlageverhalten. Unser Finanzsystem orientiert sich an Renditen. Wohin das Geld fliesst, ist oft unklar. So finanzieren wir die Rüstung in aller Welt mit. Derzeit töten Schweizer Waffen in Gaza. Ethische Apelle, das zu verhindern, bleiben unverbindlich. Umso mehr sind Finanzinstitute gesetzlich zu verpflichten, ihre Anlagen offen darzulegen. Wer nichts zu verbergen hat, braucht keine Öffentlichkeit zu scheuen. Und wenn wir wissen, wie Pensionskassen investieren, können wir selbst eher Einfluss nehmen.

Verantworten wir also mit, was mit unserem Geld geschieht. Und geben wir kein Geld einer Bank, die vom Krieg profitiert. Wir dürfen uns weder auf Kosten von andern bereichern, noch von der Ausrede düpieren lassen, die Aufrüstung schaffe doch Arbeitsplätze. Friedenspolitik prangert Geschäfte mit Waffen und das gängige Rendite-Denken an. Wer dazu schweigt, betrügt sich selbst. Was wir mutlos unterlassen, lässt uns selbst nicht zur Ruhe kommen. Wir verzagen selbst, ob der Auseinandersetzungen, die wir nicht wagen. Das sagen uns Bonhoeffers Weckruf und Eggers Buch über Das Schweigen der Guten.

Titelbild: Ueli Mäder. Foto: © Christian Jaeggi

Rosemarie Egger (hg): Das Schweigen der Guten: Bonhoeffers Weckruf. Ein Lesebuch, Verlag Neue Stadt, Juni 2024. ISBN 978-3-7346-1342-5

Mehr zu Dietrich Bonhoeffer

Die Sissacher Friedensgespräche mit Ueli Mäder gehen weiter: Am Donnerstag, 27. Juni 2024, 19 Uhr, diskutiert er im Kultur-Bistro Cheesmeyer, Sissach mit den Geschichtsforschenden Georg Kreis, Hans Fässler und Rachel Huber darüber, wie die koloniale Vergangenheit der Schweiz verschwiegen wird.

 

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1 Kommentar

  1. Ob die Schweiz zu den Guten gehört, möchte ich bezweifeln. Das Lamentieren zwischen Neutralität und wirtschaftlichem Profit ist das Grundproblem der Schweiz; sie misst sich mit zwei diametral liegenden Massstäben: Hier die «guten Dienste» und da der Profit.

    Wie kann man behaupten ein neutrales Land zu sein und gleichzeitig mit Kriegsgerät Handel treiben, der zu kriegerischen Auseinandersetzungen im Ausland dient. Die Schweiz ist weltweit der wichtigste Rohstoffhandelsplatz. Obwohl es die meisten dieser Rohstoffe wie Erdöl, Metalle, seltene Erden, Kaffee etc. in der Schweiz nicht gibt, ist sie mitverantwortlich für die Weltmarktpreise und die Riesengewinne der grössten Marktleader. Diese und die Schweiz befördern damit ihren Reichtum auf dem Buckel der Produzenten der meist armen Länder.
    Dieses Verhalten führt weltweit zu Unterdrückung und Armut und einer Zukunft ohne Perspektive derjenigen, die den Reichtum im Westen erst möglich machen. Jüngstes Beispiel: Eine Recherche des Westschweizer Fernsehen bestätigt einmal mehr, dass sich Nestlé, der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern und das grösste Industrieunternehmen der Schweiz, einen Deut darum schert, dass die Kaffeebauern, die nur für diesen Abnehmer für das weltweit sehr lukrative Geschäft mit Instantkaffeepulver Kaffeebohnen der Sorte Robusta anbauen aber ihren Lebensbedarf mit ihrem Lohn kaum bestreiten und ihre Kinder nicht zur Schule gehen können. Kassensturz von SRF1 hat darüber berichtet.
    Die Schweiz muss sich einmal mehr den Vorwurf gefallen lassen, nachwievor in die Kolonialgeschichte reicher westlicher Ausbeuterländer zu gehören. Aber «die Guten» schweigen. Verantwortliche und Konsumenten schämt euch und zeigt euren Willen, dieses Ungleichgewicht zu korrigieren.

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