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Sammlungsfieber in der Renaissance

Die Historikerin Ulinka Rublack geht in ihrem Buch «Dürer im Zeitalter der Wunder» dem neu entstandenen Sammlungsfieber in der Gesellschaft nach. Die Entdeckungsfahrten der Spätrenaissance und des Barocks liessen Künstler wie Dürer, aber auch Kaufleute und Fürsten zu Sammlern und Experten werden. 

Museumsbesuche öffnen den Blick für Kunst und fremde Kulturen. Doch Museen in der heutigen Art gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert. Ursprünglich waren es private Sammlungen von Adeligen, die in der Spätrenaissance und im Barock Wunderkammern und Kunstkabinette einem beschränkten Kreis von Interessierten präsentierten. Dabei bezieht sich der Begriff «Wunderkammer» sowohl auf das Wunderliche der Objekte als auch auf die Verwunderung der Betrachtenden. Anstoss für solche Sammlungen gaben die Entdeckungsfahrten des 15. bis 17. Jahrhunderts.

Bucheinband mit Bildausschnitt aus dem Heller-Altar: Der vornehm gekleidete Künstler hält eine Tafel mit seiner Signatur AD vor sich.

Die in Cambridge lehrende deutsche Historikerin Ulinka Rublack versteht es, in ihrem Buch Dürer im Zeitalter der Wunder aus unzähligen Briefen und Dokumenten eine Vorstellung von den Anfängen des Kunstmarkts zu vermitteln. Ausgehend von Albrecht Dürer (1471-1528) stehen in vier Teilen Kaufleute im Fokus, die Kunstexperten und Sammler werden und den Adel mit Kunst und Naturalien versorgen.

Am Anfang steht der Auftrag des sogenannten Heller-Altars (1509-1511), für den Albrecht Dürer die Mitteltafel schuf. Dieses Altarbild malte er in einer neuartigen und aufwändigen Malweise, die mehr Zeit als geplant in Anspruch nahm. Mit diesem Werk wollte er in die Geschichte eingehen. Doch der Auftraggeber Jakob Heller (1460-1522) war nicht bereit, den geforderten, «gerechten» Preis zu zahlen. Als Vergeltung reduzierte Dürer die Figuren und setzte sich selbst vornehm gekleidet ins Zentrum. Fortan wandte er sich lukrativeren Arbeiten zu, um nicht mehr von einem Mäzen abhängig zu werden. Rund hundert Jahre später, 1614, erwarb Herzog Maximilian I. von Bayern Dürers Tafel für seine Privatgalerie am Münchner Hof. 1729 verbrannte sie und blieb nur dank einer Kopie aus dem 17. Jahrhundert bekannt.

Der Heller-Altar (1507-1511) war ein von Albrecht Dürer und Matthias Grünewald gemaltes Triptychon im Auftrag des Patriziers Jakob Heller für die Dominikanerkirche in Frankfurt am Main. Dürers Mitteltafel ist heute lediglich als Kopie aus dem 17. Jahrhundert erhalten.

1520 suchte Dürer neue Aufträge und reiste 51-jährig für zwei Jahre in die Niederlande. In Antwerpen kam er mit exotischen Handelswaren aus Übersee in Berührung, die ihn faszinierten. Farbige Federn aus Mexiko, Korallen, Stoffe, Kameltücher, Papageien, Schildkröten begann er zu sammeln und zu verkaufen. Mit seinen Raritäten verschaffte er sich als kosmopolitischer Edelmann in Nürnberg einen Namen. Dürer, der schon früh seine Druckgraphiken zu vermarkten wusste, gehört zu den Wegbereitern eines sich global entwickelnden Kunsthandels.

Federvogel aus Peru, Inka-Kultur, ca. 1300-1500. De Young Museum, San Francisco, Kalifornien, USA

Dank der regen Korrespondenz zwischen Auftraggebern und Händlern kann die Autorin ein anschauliches Bild von der Kunst und Gesellschaft an der Schwelle zur globalen Welt, so der Untertitel, wiedergeben. Wie grosszügig und verschwenderisch der Adel mit seinen Ressourcen umging und sich hoch verschuldete, zeigt die Geschichte zwischen dem Bayerischen Hof in München und dem Augsburger Bankier Hans Fugger (1531-1598).

Ledertapete im Vogelzimmer im Wawel-Schloss in Krakau. Ledertapeten gehen auf die Mauren zurück und breiteten sich Ende des 16. Jahrhunderts über Spanien in ganz Europa aus.

Fugger hatte sowohl eine kaufmännische als auch eine kulturell-philosophische Ausbildung hinter sich. Sein Arbeitsbereich erstreckte sich von den Niederlanden über Spanien bis ins heimatliche Augsburg. Wie seine Vorfahren stand er mit den Regenten ganz Europas in Kontakt. Durch seine weitläufigen Reisen erwarb er sich auch ein grosses Wissen im Bereich von Kunst und Naturalien. So vergab er seinen Kunden nicht nur Kredite, sondern vermittelte ihnen auch Luxusgüter, wie etwa die gerade in Mode gekommenen Ledertapeten, mit denen der Bayerische Kronprinz sein Schloss ausstatten wollte.

Nautilus-Becher verziert mit Goldschmiedearbeit, 1643-1667. Kunstgewerbemuseum Berlin

In jener Zeit waren vor allem exotische Raritäten gefragt, weniger Gemälde wie die von Dürer. Aus den Briefen der Sammler geht hervor, wie wichtig ihnen die sorgfältige Verarbeitung der Artefakte war. So galt ein Straussenei oder eine Nautilus-Schnecke nur in einer kunstvoll gearbeiteten Goldschmiede-Einfassung als wertvoll.

Die Sammler und Händler richteten ihr Interesse besonders auf die Materialien, auf ihre Qualität und die Techniken, auch mit allen Sinnen. Eine qualitätvolle Seide musste sich bei Berührung fein und weich anfühlen. Pflanzen wurden auf das mögliche Potenzial auf bestimmte Arzneien hin studiert. Herzog Maximilian I. betrieb am Münchner Hof eine Werkstatt und drechselte selber.

Im Buch stellt Ulinka Rublack einen weiteren Kaufmann aus Augsburg vor, Philipp Hainhofer (1578-1647). Dieser begeisterte sich für Kunst, nachdem er 1603 das Münchner Kuriositätenkabinett besucht hatte. 1606 lernte er Herzog Wilhelm von Bayern kennen und wurde dessen Kunstagent, sogar Diplomat in geheimer Mission. Er beherrschte verschiedene moderne Sprachen und hatte wie Fugger Gewährsleute in ganz Europa. Er war Lutheraner und verstand es, für Höfe verschiedener Konfessionen tätig zu sein, von Bayern bis zur Ostsee. In einer Zeit politischer und konfessioneller Spannungen vermittelte er alle Arten von Kunst und natürlich vorkommende Exotika, die den Regenten auch als diplomatische Geschenke dienten.

Anton Mozart, Übergabe des Pommerschen Kunstkabinetts an Herzog Philipp II. von Pommern, um 1615. Philipp Hainhofer präsentiert dem sitzenden Herzogpaar und den Höflingen das Kunstkabinett, vorne die an der Herstellung beteiligten Handwerker. Kunstgewerbemuseum Berlin.

Hainhofer arbeitete mit einer von ihm zusammengestellten Truppe von Handwerkern zusammen, die alles lieferten, «angefangen von der unterhaltsamen Trickbörse bis hin zu Schränken voll von Raritäten», ist im Buch zu lesen. Er beauftragte sie, Objekte herzustellen, die gerade in Mode waren, und bewarb diese unter seinen Kunden als «aussergewöhnlich und unübertroffen». So trieb er die Preise in die Höhe. Jeder wollte sie haben. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Handwerkern wurde Hainhofer selbst zum Kunstexperten. Der Handel beschränkte sich aber nicht nur auf Kunsthandwerk, auch besondere Pferde waren gefragt, das Fell von Eisbären, wissenschaftliche Instrumente, ein Barbierset und vieles mehr.

Doppelseite aus dem Grossen Freundschaftsalbum von Philipp Hainhofer. Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel. Hainhofer bat seine Auftraggeber und Freunde jeweils um einen Beitrag in sein Album, das grosses Ansehen genoss.

Hainhofers Hoffnung, durch Kunsthandel und Diplomatie Kriege zu verhüten, erfüllte sich nicht. 1618 brach der 30-jährige Krieg (1618 -1648) aus und die Geschäfte wurden für ihn zunehmend schwierig. Die Bevölkerung verarmte, hungerte, viele starben. Auch Vermögende mussten sich von ihren Schätzen trennen. Bisher unveräusserliche Bilder und Raritäten kamen auf den Markt. Englische Sammler nutzten die Gelegenheit. Die Sammlungen in London profitierten davon. So gelangten mehrere Bände von Dürers originalen Handschriften, darunter seine 1637 datierten Proportions-, Architektur- und Perspektivstudien, Drucke, Aquarelle und Zeichnungen aus Nürnberg in die British Library und ins British Museum.

Alle Bilder: Wikimedia Commons

Ulinka Rublack, Dürer im Zeitalter der Wunder. Kunst und Gesellschaft an der Schwelle zur globalen Welt. 640 Seiten, Verlag Klett-Cotta, 2024. ISBN 978-3-608-98721-8

 

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