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Das Blatt des Ginkgo-Baums

Als ich nach einigen Tagen im Spitalbett endlich ein wenig von mir selbst wegkam und wieder Kraft spürte, entdeckte ich, dass beim Eingang zu meinem Zimmer der Ginkgo erwähnt ist. So lag ich also im Zimmer mit dem bekannten Baumnamen. Leider vergass ich, den Begleitspruch zu notieren, wie ich in jenen Tagen auch sonst keine Lust hatte zu schreiben. Ich erinnerte mich aber, dass ich zu Hause ein kleines, schön gestaltetes Büchlein aus der Reihe der Insel Bücherei besass. Als ich nach Hause kam, gehörte es zum ersten Buch, das ich aus dem Büchergestell zupfte*.

Schon auf der ersten Seite las ich: «Der Ginko-Baum ist Symbol für Hoffnung, langes Leben, Fruchtbarkeit, Freundschaft, Anpassung, Unbesiegbarkeit». Es handle sich um einen Kultbaum der Japaner und der Chinesen. Er sei vor etwa dreihundert Jahren in Europa bekannt geworden. Im Jahre 1795 sei er am Eingang des Botanischen Gartens von Leiden gepflanzt worden. Bei mir trat der Ginkgo zum ersten Mal ins Gesichtsfeld, als ich in Goethes West-östlichen Divan das Gedicht «Ginkgo biloba» las.

Der Ginkgo sei ein Fächerblattbaum. Er gehöre weder zu den Nadelhölzern noch zu den Laubhölzern. Er sei ein Weltenbaum, der die Geheimnisse einer unermesslichen Vergangenheit bewahrt habe. Nach Abwurf der Atombombe auf Hiroshima habe 1946 ein frisches, schüchternes Reis aus dem alten verdorrten Wurzelstock geguckt. Damit habe der weltweite Siegeszug des Ginkgos als Arzneipflanze begonnen. Er helfe bei der arteriellen Durchblutungsstörung, insbesondere der Beine. So wurde er in seiner Lebensstärke immer genauer untersucht. Anknüpfend an die asiatische Volksmedizin war bekannt, dass der Ginkgo-Extrakt schon über Jahrhunderte insbesondere bei Husten, Asthma, Nervosität angewandt wurde.

Der Ginkgo-Baum treibt ein tief geschnittenes Blatt hervor, dass sich ausgewachsen zu einer geschlossenen Fächerform ausbildet. Es sieht aus, als ob es zwei in einem wäre, zwei Blätter schliessen sich älter werdend zu einem zusammen. Diese Ausformung inspirierte Johann Wolfgang Goethe zum Gedicht «Ginkgo biloba». Er schildert, dass der Baum aus dem  Osten stamme und den Menschen lehre, sich selbst in seinem Sinn zu verstehen. Er fragt, ob ein lebendiges Wesen nicht Zwei in Einem sei und schreibt:

«Solche Frage zu erwidern / Fand ich wohl den rechten Sinn; / Fühlst du nicht an meinen Liedern / Dass ich Eins und doppelt bin».

Wer ist das Du, das Goethe in dem Gedicht anspricht? Wer soll ihn als Zwei in Einem verstehen,  wer ihn als Dichter und Mann? Goethe hat sich spontan in Marianne Willemer verliebt und sie erwidert die Liebe. Sie ist aber mit Hofrat Willemer verheiratet. So siegt, die Situation wohl bedenkend, am Ende der Dichter über den Mann. Das Verhältnis wird zu einem poetischen. Der Dichter distanziert sich vom realen Leben.

Goethe schickt Marianne ein Ginkgo-Blatt, mit dem er erläutert, dass er «Eins und doppelt» sei. Er flüchtet aus der realen Liebesbeziehung und arbeitet am West-östlichen-Divan, zu dem auch Marianne als Suleika eigene Gedichte beisteuert. Die Liebesbeziehung wird poetisch. In Goethe triumphiert der Dichter über das reale Leben. Der Ginkgo wird zum Symbol, der sagt, was er sei. Ähnlich, wie er dem Kranken im Spital sagt, dass er Eins und doppelt sei; krank und gesund.

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