Das Kunst Museum Winterthur «Reinhart am Stadtgarten» empfängt das Publikum nach einer Teilsanierung im neu gestalteten Foyer. Über langgezogene Aussentreppen ist das Haus nicht nur von der Stadt, sondern auch vom Park her zugänglich und barrierefrei. Zur Wiedereröffnung werden mit «Einleuchten» Interventionen von Koenraad Dedobbeleer präsentiert.
Winterthur verfügt über drei Kunstmuseen an verschiedenen Standorten. Seit 2018 sind sie in einer «Drei-Häuser-Strategie» zusammengefasst und werden vom Kunstverein Winterthur geführt unter dem Namen Kunst Museum Winterthur: Reinhart am Stadtgarten, beim Stadthaus und Villa Flora. Das in die Jahre gekommene Ausstellungsgebäude am Stadtgarten, ein ehemaliges Schulhaus aus dem 19. Jahrhundert, hat nun nach einer umfangreichen Teilsanierung seine Pforten wieder geöffnet.
Blick auf den neugestalteten offenen Empfang, der früher durch Glasscheiben abgetrennt war. Foto: rv
Für den Umbau wurden anstelle eines klassischen Architekturwettbewerbs interdisziplinäre Teams aus Kunst und Architektur eingeladen, den Eingangsbereich des Museums neu zu denken. Das Siegerprojekt der in Berlin lebenden türkischen Künstlerin Ayşe Erkmen und der Berliner Architektin Heike Hanada verbindet den Innen- und Aussenraum durch skulpturale und architektonische Elemente wie eine begehbare minimalistische Skulptur. Die Leuchtkörper des belgischen Künstlers Koenraad Dedobbeleer bilden einen plastischen Gegenpol und strahlen warmes Licht aus. Zur Wiedereröffnung des Hauses werden zudem in der Ausstellung Einleuchten Interventionen von Koenraad Dedobbeleer präsentiert.
Blick in das neugestaltete Foyer des Kunst Museum Winterthur I Reinhart am Stadtgarten. Foto: © Georg Aerni
Das neu gestaltete Foyer wirkt leicht und luftig. Die alte Kasse hinter den Glasscheiben ist weg. Was bleibt sind die ursprünglichen Natursteinböden im Dialog mit den neuen skulpturalen Betonelementen. Die erhöhten Türstürze erweitern den Raum optisch. Die spielerisch gestalteten Lichtobjekte von Koenraad Dedobbeleer setzen einen bewussten Kontrapunkt zur geradlinigen Horizontalität des Raumes. Die Beleuchtung oszilliert zwischen funktionalem Design und skulpturaler Form. Die an Strassenlaternen gemahnenden Leuchten transformieren den Eingangsbereich in einen öffentlichen Raum und bringen das Aussen nach Innen.
Blick von der Galerie auf Werke von Robert Mangold (*1937). Foto: © Reto Kaufmann
Im Rahmen des Umbaus wurde die Infrastruktur des Hauses verbessert: Das Museum ist gesamthaft behindertengerecht angelegt. Die Wände der Ausstellungsräume wurden aufgefrischt und die Beleuchtung erneuert. Durch Umstrukturierungen konnten zusätzliche Sammlungsräume gewonnen werden, das Konzept der Bilderhängung wurde neu überdacht. So ist das Bild Titanias Erwachen von Johann Heinrich Füssli, das wegen seiner ausserordentlichen Grösse bisher im Treppenhaus hing, neu im Ausstellungsraum mit Bildern von Anton Graff zu sehen. Neu zur Dauerausstellung hinzugekommen sind ausgewählte Leihgaben aus der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte SKKG. Sie betonen einzelne Sammlungsschwerpunkte wie etwa das Werk von Carl Spitzweg oder Albert Anker. Die SKKG, 1980 von Bruno Stefanini gegründet, unterstützte den Umbau auch finanziell.
Ausstellungsansicht mit Werken von Albert Anker (1831-1910). Foto: rv
Das Haus am Stadtgarten, ein klassizistisches Gebäude, wurde 1842 vom Zürcher Architekten Leonhard Zeugheer als Schulhaus für Knaben erbaut. Die über dem Portikus des Haupteingangs thronenden Figuren von Ulrich Zwingli, Heinrich Pestalozzi, Conrad Gessner und Johann Georg Sulzer erinnern an die frühere Bildungsstätte. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts erfuhr das Haus mehrere Umnutzungen. Während des Zweiten Weltkriegs realisierte Oskar Reinhart für seine Privatsammlung ein überdimensioniertes bürgerliches Wohnzimmer mit einem repräsentativen Treppenaufgang.
Ausstellungsansicht: im Zentrum «Titanias Erwachen» von Johann Heinrich Füssli. Foto: © Reto Kaufmann
Nach weiteren baulichen Anpassungen wurde das Gebäude 1951 als Museum Oskar Reinhart eröffnet mit Werken deutschsprachiger Künstler des 19. Jahrhunderts aus dem Besitz von Oskar Reinhart. Später hinzugekommen sind die Sammlungen der Stiftungen Jakob Briner mit vorwiegend holländischer Malerei des 17. Jahrhunderts sowie der Stiftung Emil S. Kern mit über 1000 Bildnisminiaturen. Diesen stehen neuerdings ein eigener Raum zur Verfügung, der mit einer Schau von Werken des Genfer Miniaturisten Pierre-Louis Bouvier (1765-1836) Pierre-Louis Bouvier et ses amis eröffnet wird.
Ausstellungsansicht: Vitrine mit Bildnisminiaturen, an der Wand Bilder vom Genfer Pastellmaler Jean-Etienne Liotard (1702-1789). Foto: rv
Dank der erneuerten Lichtanlage erstrahlen die Bilder in neuem Glanz. Es ist eine Freude, sie wiederzusehen oder neu für sich zu entdecken. Über 300 Werke aus fünf Jahrhunderten, von der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts bis zur Schweizer Moderne, laden zum Rundgang ein. Auftakt bilden die Gemälde niederländischer Meister wie Rembrandt und Ruisdael, gefolgt von Werken aus dem 18. Jahrhundert von Anton Graff, Angelika Kauffmann oder Heinrich Füssli. Der eigentliche Schwerpunkt der Sammlung liegt im 19. Jahrhundert, besonders der deutschen Frühromantik um Caspar David Friedrich mit dem berühmten Bild Kreidefelsen auf Rügen.
Ausstellungsansicht: im Zentrum Caspar David Friedrich, «Kreidefelsen auf Rügen» (1818), seitlich Werke von Joseph Anton Koch und Carl Rottmann. Foto: © Reto Kaufmann
Titelbild: Eingang Stadtseite, KMW Reinhart am Stadtgarten. Foto: © Georg Aerni
Bis 7. September 2025
«Einleuchten. Wiedereröffnung mit Meisterwerken von Friedrich bis Hodler, Interventionen von Koenraad Dedobbeleer». Im Kunst Museum Winterthur l Reinhart am Stadtgarten. Weitere Informationen finden Sie hier


