1 KommentarVom Dekantieren - Seniorweb Schweiz

Vom Dekantieren

Unbestritten, wir leben in hektischen Zeiten. Wer sich auf das Weltgeschehen einlässt, wird geradezu getrieben von Informationen. Die Leute sprechen von Informationsflut. Es sind Bilder, die den Menschen bedrängen. Ich lese Zeitungen und ich schaue fern. Was da auf mich einstürmt ist wirklich eine Flut. Wie kann ich ihr entgehen?

Über Ostern traf ein Ereignis ein. Ich hatte mich etwas zurückgezogen. Sah den müden Papst, wie er den Segen Urbi et Orbi erteilte, wobei seine Stimme sehr leise über die Loggia zu den vielen Tausenden auf dem Petersplatz und über das Fernsehen zu Millionen von Gläubigen und Verehrern in alle Welt kam. Am Montagmorgen las ich schon früh auf dem Handy, dass der Papst gestorben sei.

Als ich diese Mitteilung einer Frau, die den Papst verehrt, weitergab, strahlte sie über das ganze Gesicht. Ihre Augen leuchteten und sie sagte voller Freude: «Gott hat den Papst von der gewaltigen Aufgabe erlöst und uns ein Osterzeichen gegeben.» In der Tat dieser Tod sprach auch zu mir und ich sagte mir, ich sollte mein Leben anders einrichten. Das Zeitunglesen reduzieren, überspringen, was da alles weltweit erwogen wird und geschieht. Das Auftreten dieses übermütig gewordenen Amerikaners übersehen und in einer gewissen Ruhe abwarten, was wirklich kommt. Heute dies, morgen das. – «Nimm doch öfter ein Buch in die Hand und lese!»

Ich ging also vor das Büchergestell und griff ein kleines Büchlein heraus. Es hiess da: «Selbstversuch. Ein Gespräch zwischen Carlos Oliveira und Peter Sloterdijk.» Das Buch hatte ich schon einmal gelesen. Ich las es stellenweise wieder. Es überraschte mich, wie das meiste von Sloterdijk, dem Philosophen, der sein Denken auf menschliches Handeln richtet. Er braucht immer wieder Metaphern und veranschaulicht damit, was er erklären will. Er spricht da von Dekantieren. Oliveira wollte wissen, wie dies zu verstehen sei. «Dekantieren bedeutet abgeklärt – das kommt von den Weinkennern. Wein, den man aus der Flasche in ein Gefäss zum Ablüften umgefüllt hat, heisst dekantiert, man macht es mit dem grossen Roten vor allem, Bordeaux grand cru classé, Rioja Gran Reserva und ähnliches. Eigentlich bedeutet das Wort ein Lied absingen, vielleicht auch entzaubern, abschwören, Gegenmusik machen. Wenn ich mir’s überlege, ist der Grossteil meiner Arbeit ein Dekantieren. Ich bringe Höchstgewächse des Denkens in neue Gefässe . . .»

Da wusste ich nun, dass ich auch viel mehr dekantieren muss, damit ich die Freude am Leben nicht verliere und ich sie mir trotz der Trostlosigkeit über die Spieler auf der Weltbühne erhalten kann. Höchstgewächse soll ich auswählen. Dies bedeutet, mich auf das Wenige beschränken, das mir Lebenssinn gibt. Das ist für mich wohl wirklich Bücher lesen, auch erneut lesen. Etwa Peter von Matts Buch «Die tintenblauen Eidgenossen» und daraus der Aufsatz «Das Land sucht ein neues Gesicht». Dekantieren heisst auch Freunde besuchen, im eigenen Kreis den Frieden hochhalten und keine Meinung als die absolute anerkennen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Ludwig Hasler, auf dem Tisch ein guter Ripasso, wo wir uns fragten, was der Sinn des Lebens sei. Wir kamen überein, es könne nichts anderes sein, als etwas tun, das für einen selber Bedeutung hat, aber auch für andere von Bedeutung sei.

Da fällt mir die Frau am Fernsehen ein, die erklärte, sie hätte mit ihrem Mann in der Freizeit 37 Jahre lang für Gotteslohn den Fussballplatz in ihrer Nähe in Ordnung gehalten und sie seien heute noch glücklich, dass sie dies getan hätten.

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1 Kommentar

  1. Super lieber Abdreas
    Schön das und von Dir zu lesen. Zusätzlich „ diminuiere „ ich noch!
    Kein Fernseher mehr. Radio aus seit 1.1.25. Und Vieles , und immer mehr:
    Verschenken!!
    Liebe Grüsse Maya

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