Wer ist Peter Roth, der Inspirator der Klangwelt Toggenburg, der als 15-Jähriger in einer Gipsschale die Musik entdeckte, die Vision einer gerechten und friedlichen Welt entwickelte und sagt: «Ich empfinde Leben als ultimatives Geschenk.»
Peter Roth holte mich mit seinem kleinen, blauen Auto an der Bushaltestelle Lisighaus in Wildhaus ab. Gemeinsam fuhren wir zur «Alpenrose», wo Peter Roth die ganze Belegschaft herzlich begrüsste und um halb drei eine Tomatensuppe bestellte. Die Tomatensuppe mundete, so dass flugs eine zweite Portion serviert wurde. Zwischen dem geniessenden Auslöffeln der Suppe beantwortete Peter Roth mir in einem halbstündigen, improvisierten Grundsatzreferat ein paar Fragen, die ich ihm Tags zuvor telefonisch gestellt hatte: Wie ist es möglich, dass ein so weltoffener Geist im von vielen als eng empfundenen Toggenburg eine Heimat gefunden hat? Wie kann ein politisch Progressiver mit den vielen Konservativen im Toggenburg friedlich zusammenleben? Wie kann ein kreativer Musiker und Komponist sein Schaffen auf Naturjodel, traditioneller Volks- und Kirchenmusik aufbauen? Wie hält ein spiritueller und meditativer Mensch die schalen religiösen Rituale aus?
Integrales Bewusstsein
Peter Roth: Freischaffender Musiker, Komponist, Chor- und Kursleiter. Initiant der Klangwelt Toggenburg.
Peter Roth kann scheinbare Gegensätze miteinander verbinden – Urtümliches mit Modernen, sogenannt Konservatives mit Progressivem. Er versucht ein integrales Bewusstsein zu leben, das basierend auf den Erkenntnissen Jean Gebsers (1905 – 1973) archaische, magische, mythische und mentale Bewusstseinsstufen integral verbindet. Auch wenn die fünf Bewusstseinsstufen evolutionsgeschichtlich aufeinander aufbauen, sind sie uns alle mehr oder weniger vertraut und akzentuieren unterschiedliche Formen von Welt- und Selbstverständnissen. Wenn wir uns dieser unterschiedlichen Zugangsweisen zur Welt bewusst sind, wertschätzen wir unterschiedlichen Lebensweisen in der eigenen Kultur und können uns kulturübergreifend verbinden.
Lebenserhaltende Grundfragen
Peter Roth bringt die lebensbewegenden Grundfragen in Anlehnung an Gebser auf schweizerdeutsch so zusammen: «Chanis esse? Chasmi esse? Chami fortpflanze?» Diese Fragen werden je nach Bewusstseinsstufe unterschiedlich beantwortet. Beispielsweise versuche das mentale Bewusstsein, sich und die Welt rational zu verstehen, zu nutzen und zu beherrschen. Nun zeige sich aber gerade in der Klimakrise, dass eine anthropozentrische, rationale Herrschaft über die Natur übersehe, dass wir ein Teil der Natur sind und die sogenannte Umwelt unsere Mitwelt ist, die wir nicht beliebig ausbeuten können. Die aktuellen Klimakatastrophen deutet Roth als Korrektur eines einseitigen rationalen, technischen Beherrschenwollens der Welt unter Vernachlässigung der anderen Bewusstseinsformen.
Integrales Musikverständnis
Peter Roth hat in seinem Studium der Schulmusik am Konservatorium Zürich nebenbei musikethnologische Vorlesungen besucht und dabei schamanistische und magische Traditionen aus aller Welt kennengelernt. Insbesondere mongolische schamanistische Musik, korsische und sardische Hirtengesänge und afrikanische Polyrhythmik haben seine Aufmerksamkeit erregt. Der Naturjodel, wie er etwa im Toggenburg praktiziert wird, ist nach Roth Ausdruck einer archaischen Tradition und der «Alpsegen» ist ein magisches Bannritual, indem im Sommer immer zur gleichen Zeit am gleichen Ort und in alle vier Himmelsrichtungen Gott, Maria und Heilige angerufen werden zum Schutz vor Naturkatastrophen und zur Bewahrung von Hab und Gut.
Auch gegen die Churfirsten hin wird der Alpsegen gesungen.
Nach den Ausführungen von Peter Roth während des Suppenessens über das integrale Bewusstsein fragte er, ob er meine Fragen beantwortet habe. Tatsächlich hatte der Musiker und Komponist implizit meine Fragen beantwortet, aber er liess sich dann trotzdem auf die teilweise vorbereiteten Interviewfragen ein mit der Absicht, das relativ abstrakt klingende integrale Bewusstsein zu konkretisieren.
Seniorweb: Peter Roth, Sie haben im Toggenburg eine Heimat gefunden. Wie verbinden Sie lokale Geborgenheit mit Weltoffenheit?
Peter Roth: Das ist beantwortet. (Gemeinsames schallendes Gelächter!)
Sind Sie als Christ traditionsgläubig oder spirituell unterwegs und allenfalls in Konflikt mit traditionellen Ritualen?
Ich bin gegen gar nichts. Aber es gibt ja in jeder Religion eine mystische Tradition und damit fühle ich mich am meisten verbunden. Dadurch fühle ich mich auch den mystischen Traditionen der nichtchristlichen Religionen nah. In der christlichen Tradition imponiert mir das Gebot der Nächstenliebe und das darauf aufgebaute soziale Engagement.
Das Toggenburg ist eher SVP-lastig. Wie verorten Sie sich politisch?
Ich war mein ganzes Leben in der SP, obwohl ich mit vielem nicht einverstanden bin. SP-intern fühle ich mich zum religiösen Sozialismus um Leonhard Ragaz hingezogen (1868 -1945), der als evangelisch-reformierter Theologe, Pfarrer und Professor Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz war. Ich komme aber selbstverständlich auch mit Mitgliedern anderer Parteien gut aus, auch mit SVP-lern. Es gibt SVP-Kantonsräte, die sich stark für das Klanghaus Toggenburg eingesetzt haben. Parteiengezänk und Parteienstreit als Mittel der Selbstinszenierung mag ich nicht.
Sie erforschen Naturklänge. Wie geht das?
Man kann beispielsweise durch den Wald spazieren oder an den Schwendisee sitzen und horchen. Die eine Dimension von Naturklängen sind Geräusche aus der Natur. Es gibt Leute, die behaupten, Pflanzen hätten einen Klang. Die höre ich nicht. Aber Tierstimmen, Vogelstimmen, den Wind, das Wasser usw. Die andere Dimension ist das Naturtönige in der Musik. (Es folgen musiktheoretische Ausführungen über die Naturtönigkeit der Musik, die in diesem Text nicht wiedergegeben werden können.)
Wie tönt ein Wasserfall? Klingt da was im Rauschen?
In Ihren Kompositionen arbeiten Sie auch mit traditioneller Volks- und Kirchenmusik. Inwiefern sind Sie dabei innovativ?
Ich glaube, das Innovative ist der integrale Ansatz, wo Musikstile aus allen Traditionen in der Tiefe miteinander verbunden werden können, ohne dass es beliebig wird.
Wie drückt sich Ihre Spiritualität in Ihrem künstlerischen Schaffen und im Alltag aus.
Im Schaffen gehe ich von Texten aus. Ich habe nur Musik geschrieben zu Texten, ausser beim Hackbrettkonzert. Dabei kann es sein, dass ich von einem Gedicht von Rumi oder von einem Psalmentext ausgehe, meistens sind es religiöse Texte. Wenn ich mich für einen Text entschieden habe, freunde ich mich mit ihm an. Irgendwann beginnt er zu tönen. Das schreibe ich dann auf. Es kann sein, dass ich mitten in der Nacht aufwache und höre, wie der Text Musik macht. Dann muss ich sofort aufstehen und Wesentliches aufschreiben. Sonst geht es mir wie mit einem Traum, den ich am Morgen vergessen habe.
Die Spiritualität meiner Musik liegt darin, dass sie inspiriert ist von einem spirituellen Text.
Heisst das, dass man den Ihrem kompositorischen Schaffen zugrundeliegenden Text als Zuhörer kennen sollte?
Ja, das ist sehr wichtig. Darum sind meinen CDs immer Textheftchen beigefügt. In meinen Kompositionen gibt es auch textfreie Stellen, beispielsweise Passagen mit Naturjodel. Da werden andere Bewusstseinsstufen angesprochen.
Wie leben Sie Ihre Spiritualität im Alltag? Meditieren Sie?
Nein, ich folge eher einer Gebetstradition, aber man könnte es auch Meditation nennen. Meistens wähle ich Gedichte aus, die ich dann betrachte und auf mich wirken lasse. Andere sagen, es sei gut, Texte zu käuen und wiederzukäuen, damit sie gut verdaut werden können.
Eine weitere Form der alltäglichen Spiritualität, die ich zu praktizieren versuche, ist Dankbarkeit. Es ist relativ leicht, dankbar zu sein für Angenehmes, aber ich bemühe mich auch, für Verhältnisse oder Vorfälle, die ich nicht mag, danke zu sagen. Dann sage ich ja zu etwas, das mich stört. Dann lasse ich zu, was passiert und wenn ich es nicht spontan abwehre, lerne ich es besser kennen und es kann sich wandeln oder ich kann mich wandeln.
Sie sind Inspirator des Klanghauses Toggenburg, das vor kurzem eröffnet wurde. In welche Richtung sollte sich das Klanghaus aus Ihrer Sicht entwickeln.
Das Klanghaus ist primär ein Arbeitsort, nicht ein Konzertort wie etwa die Tonhalle. Wir machen hier Werkstattkonzerte. Es ist ein Ort des Schaffens an einer Komposition, an einer Idee, an einem Experiment und es ist ein Ort der interkulturellen Begegnung. Nach der Schaffensphase wird das Erarbeitete vielleicht vor maximal 150 Personen aufgeführt.
Das Klanghaus, ein magischer Ort musikalischen Schaffens
Wichtig ist, dass das Klanghaus mit dem Schwendisee auch ein Ort der Stille bleibt. Für mich kommt die Musik aus der Stille und geht wieder in die Stille zurück. Dieser Ort macht Sinn, weil es ein Ort der Stille ist und bleiben soll. Ein riesiger Konzertbetrieb würde die Qualität des Ortes zerstören.
Das Klanghaus, vom Schwendisee aus gesehen, der uns in seine Stille aufnimmt und gelegentlich von seinem Leben erzählt.
Sie sind über 80 und hatten vor knapp einem Jahr ein Burn-out. Haben Sie sich überarbeitet?
In meinem Burn-out bin ich das Opfer meiner eigenen Begeisterung geworden. Oft denkt man ja, ein Burn-out könne sich nur ereignen, wenn man über längere Zeit etwas Unangenehmes tun muss und dabei dauerhaft überfordert wird. Bei mir war es nicht so. In meiner Begeisterung hatte ich viele Ideen zu Projekten und Kompositionen und die Umsetzung überforderte – zunehmend mit dem Alter – meine physischen und psychischen Kräfte und Möglichkeiten. Dies warf mich völlig aus der Balance – und es ist ein zäher, langer Weg, bis ich die innere und äussere Balance, in neuer Form, wieder finde.
Peter Roth, alles Gute und besten Dank für das Gespräch!
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Titelbild: Peter Roth zwischen Klanghaus und Schwendisee (Alle Fotos von bs vor Ort oder Screenshots aus dem Kurzfilm 54 der Filmreihe «Vom Zauberklang der Dinge». Der Kurzfilm 54 mit Gesprächen von Peter Roth mit Regierungsrätin Kathrin Hilber und Architektin Astrid Staufer gibt einen guten Einblick in die politische und architektonische Geschichte des Klanghauses.
Filmreihe «Vom Zauberklang der Dinge» mit 60 Kurzfilmen
Artikel im Seniorweb zur Eröffnung des Klanghauses


