Das Schweizer Strohmuseum in Wohlen präsentiert in der Sonderausstellung «Im Besengebiet – Eine Hommage an den Handbesen» Exponate aus der Schweiz und der ganzen Welt. Wie Frauen die kunstvoll geflochtenen Handbesen herstellen, zeigen Dokumentarfilme, Fotografien sowie ein Buch, das die Kuratorinnen herausgegeben haben.
«Noch vor wenigen Jahren war der Grashandbesen ein unverzichtbarer Alltagshelfer in den ländlichen Gebieten der Schweiz. Ob in der Küche, im Eingangsbereich oder zur Reinigung von Schuhen – seine Vielseitigkeit machte ihn unentbehrlich», schreiben die Kuratorinnen Flavia Brändle und Margrit Linder im Saalblatt. Die beiden Designerinnen setzen sich seit Jahren für den Erhalt dieses Kulturguts ein, das eine enge Verbindung zwischen Natur und Handwerk ausweist. In der Ausstellung Im Besengebiet im Schweizer Strohmuseum in Wohlen AG geben sie Einblick in ihre Recherchen und stellen dieses oft übersehene Alltagsobjekt ins Zentrum.
Blick in die Ausstellung. Foto: © Zoe Ammann
Überall auf der Welt werden Handbesen für den Eigenbedarf meist von Frauen hergestellt und im Alltag genutzt: traditionell um die Asche von offenen Kochstellen wegzuwischen, Essensreste und Krümel zu beseitigen, Milchgeschirr zu reinigen, Boden oder Toilette zu säubern, Schmutz oder Laub, im Winter auch Schnee aus dem Haus und von den Schuhen zu entfernen. In unserem Umkreis sind die Grasbesen weitgehend verschwunden, verdrängt von industriell fabrizierten Besen.
Margrit Linder zieht Pfeifengras auf einer Feuchtwiese für die Herstellung von Handbesen. Foto: © Jonathan C.L. Chan
Für die Herstellung der Handbesen gingen die Frauen im Spätsommer oder Herbst zu den Feuchtwiesen und zogen das knotenfreie Blaue Pfeifengras, Molinia caerulea, aus dem Ried. Mit dem langen glatten Halm putzte man früher die langstieligen Pfeifen. Das Pfeifengras heisst aber auch Besenhalm, weil die Halme gebündelt zu Besen verarbeitet wurden. Das Binden der Grasbesen aus Riedgras war kein zünftiges Handwerk mit einer formellen Ausbildung, sondern ein sogenanntes Hauswerk, das meist von ländlichen Frauen ausgeübt wurde. Gestochene und gemalte Bilder, die bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen, zeigen, dass es früher auch gewerbliche Flechterinnen und Grasbesenverkäuferinnen und -verkäufer gab.
Handbesen aus aller Welt. Foto: rv
Pfeifengraswiesen kommen in der Regel in schmalen Streifen am Ufer von Gewässern vor. Je nach Standort sind sie feucht oder trocken. Bis ins 20. Jahrhundert wurden sie von der Landwirtschaft erweitert, um Einstreu für den Stall zu gewinnen. Dies gab ihnen den Namen Streuwiesen. Gemäht werden sie nur einmal im Herbst, damit die hier vielfältig vorkommenden Pflanzen abblühen und versamen können. Wird Pfeifengras häufiger geschnitten, wachsen gewöhnliche Wiesenpflanzen nach, erfolgt gar kein Schnitt, wachsen Büsche und Bäume. 1891 waren im Kanton Aargau 1547 Hektar mit Streuwiesen bedeckt, 2025 sind es noch 265 Hektaren. Als stark gefährdet werden Pfeifengraswiesen heute von Pro Natura geschützt.
Zwei Grashandbesen aus der Schweiz in zwei unterschiedlichen Flechttechniken. Foto: © Flavia Brändle
Die rund siebzig präsentierten Handbesen aus der Schweiz und aus der ganzen Welt zeigen, wie kunstvoll und verschiedenartig sie geflochten und gebunden sind. Für einen Schweizer Besen braucht es rund 350 Pfeifengräser. Von diesem Büschel werden nacheinander zwölf bis dreizehn Halme gedreht bzw. gezwirnt und dann dicht nebeneinander nach unten gebogen. Am Schluss bilden diese etwa dreissig Stränge von der Mitte aus eine Art Knauf, der mit zusätzlichen Gräsern oder einer Schnur rundherum festgezurrt wird (im Bild oben rechts). Mit einer anderen Technik werden die gezwirnten Halme in einer Reihe nebeneinander nach unten gebogenen und erst am Schluss zum Besen zusammengerollt. Auch hier wirkt der Knauf äusserst dekorativ (im Bild oben links). Einen Stiel haben diese Besen nicht.
Ein Handbesen entsteht. Foto: © Jonathan C.L. Chan
Margrit Linder sah vor über dreissig Jahren erstmals Grasbesen in Habkern, einem Bergdorf im Berner Oberland. Sie war begeistert und begann ihre Recherchen. Von ihr stammen die fünf Dokumentarfilme mit Porträts von Frauen aus dem Berner Oberland, dem Kanton Schwyz und dem Toggenburg, die in der Ausstellung zu sehen sind. Zudem gibt Margrit Linder auch Kurse im Binden von Handbesen.
In den Videos erzählen die Frauen, wie sie die Herstellung der Handbesen erlernten. Hedy Zenger aus Habkern ist die letzte Handbesen-Flechterin im Berner Oberland. Als Kind lernte sie durch ihre Grossmutter die Handbesen kennen. Doch erst im Erwachsenenalter brachte ihr eine betagte Tante im Altersheim das Binden bei. Eine andere Machart als in Habkern demonstriert die über 80jährige Therese Arnold in Bürglen SZ und erzählt aus ihrem Leben. Im Toggenburg beobachtete Susanne Meyer als Mädchen in den 1960er Jahren ihre Grossmutter beim Halmbesenbinden. Als sie auf dem Bauernhof ihres Mannes Besenhalme entdeckte, begann sie jeden Herbst Halmbesen herzustellen und verkauft diese auf dem Markt.
Flavia Brändle beim Binden einer Bürste aus Reiswurzeln. Filmstill
Die Kuratorin und Designerin Flavia Brändle stiess im Rahmen ihrer Bachelorarbeit auf Grashandbesen im Toggenburg SG und in Iberg SZ. Inspiriert von einer kleinen Bürste aus Reiswurzeln und der Bindetechnik des Grashandbesens im Ybrig, entwickelte sie eine Abwaschbürste, die im Shop des Strohmuseums zu erwerben ist. Sie begründet das Handwerk nicht nur durch die Tradition, sondern will es in den Alltag von heute integrieren.
Titelbild: Handbesen aus der ganzen Welt. Foto: rv
Bis 1. März 2026
Im Besengebiet – Eine Hommage an den Handbesen. Im Schweizer Strohmuseum in Wohlen AG. Weitere Informationen finden Sie hier.
Informationen zu Kursen bei Margrit Linder
Zum Buch:
«Im Besengebiet. Handbesen aus aller Welt», Hrsg. Flavia Brändle und Margrit Linder, deutsch/englisch, Christoph Merian Verlag, Basel 2025. ISBN 978-3-03969-040-4
Mit zahlreichen Beiträgen und Illustrationen zu Schweizer Handbesen und Globale Kontexte.

