StartseiteMagazinKolumnenDer Briefeschreiber ist mehrfach gefordert

Der Briefeschreiber ist mehrfach gefordert

Der Eine bringt den Welthandel völlig durcheinander. Der Andere terrorisiert die Ukraine mit Drohnen und Raketen. Beide dominieren die Schlagzeilen weltweit. Der Eine, der uns eigentlich näher stehen sollte, hat eine neue Passion entdeckt. Er scheibt unentwegt Briefe. Und in den Regierungszentralen in dieser Welt sind Viele gespannt darauf, ob und wann der Brief auch eintreffen wird. In der Bundeskanzlei zu Bern auch. Dort steigt die Nervosität.

Rund 20 Länder sind bereits bedient worden. Japan und Südkorea hatten das „Privileg“, zuerst bedacht zu werden. Sie wissen nun, dass ihre Produkte beim Export in die USA mit einem Zoll von 35% belegt werden. Dann folgten Brasilien (50%), Kanada (35%) und Mexiko (35%). Bei Brasilien und Mexiko spielt sich Trump gar als Ankläger und Richter auf. Brasilien bestraft er, weil das Land Jair Bolsonaro, den ehemaligen Präsidenten und Freund Trumps, des versuchten Staatsstreiks anklagt. Nach Trump „eine Hexenjagd aufführt.“ Mexiko bestraft er, weil das Land zu wenig gegen die Migration unternimmt.

Am Samstag bediente Trump Brüssel mit einem Brief, in dem er der EU Zölle in der Höhe von 30% androht. Ursula von der Leyen reagierte zuerst gelassen, wies darauf hin, dass ja immer noch die Handelsdiplomaten der USA und der EU in Washington verhandeln würden. Besorgte EU-Parlamentarier schreckten auf, forderten sofort Gegenmassnahmen. Von der Leyen sieht sich immer stärker unter Druck und verkennt wohl, dass Trump meistens ohne Rücksichtnahme auf Verhandlungen Briefe schreibt. Noch am Sonntag entschied sie, im Interesse der weitern Verhandlungen, auf die allenfalls als Reaktion vorgesehenen Gegenzölle bis im August zu verzichten. Ob es nützt?

Eines muss man dem Briefeschreiber, muss man Donald Trump lassen. Er versteht es, sich jeden Tag ins Zentrum der interessierten Weltöffentlichkeit zu stellen. Er kündigt an, er widerspricht sich, er legt Termine fest und hält sie nicht ein. Er spielt mit der Welt nach seinen undurchschaubaren Regeln. Und noch mehr: Er schwingt sich zum Richter auf und bestraft Brasilien und Mexico gleich mit. Was hat uns die knappe Mehrheit der US-Amerikanerinnen und -Amerikaner für einen Präsidenten beschert? Grössenwahnsinnig und unberechenbar, aber mit der stärksten und bestausgerüsteten Armee der Welt versehen. Dennoch ist der Westen auf ihn angewiesen. Er kann, er könnte vieles richten.

Seinem grossen Wahlversprechen, den Angriffskrieg Putins in der Ukraine innert 24 Stunden zu beenden, ist er aber noch lange nicht nachgekommen. Im Gegenteil. Putin überzieht die Ukraine mit Raketen und Drohnen in einem Ausmass, dass nun selbst Trump langsam merkt, was der Herr im Kreml im Schilde führt, die Ukraine in sein Reich einzugliedern: “Wo ein russischer Soldat seinen Fuss hingesetzt hat, ist russisches Territorium“, so Putin. Und Trump: „Wir bekommen von Putin eine Menge Blödsinn aufgetischt. Er ist die ganze Zeit sehr nett, aber es stellt sich heraus, dass es bedeutungslos ist. Ich bin überhaupt nicht glücklich mit Putin.“ Ist das die erwartete oder erhoffte Abkehr von Putin hin zur völligen Wiedereingliederung der USA ins transatlantische Verteidigungsbündnis Nato? Das ist bitter nötig. Putins Strategie, die Ukraine zu unterwerfen, muss im Interesse der demokratischen Staaten in Europa unbedingt gestoppt werden. Trump hat die Macht, die Nato hat das militärische Potential dazu.

Nicht nur in der Ukraine muss das unverantwortliche Sterben aufhören, auch im Nahen Osten. Trump muss Benjamin Netanyahu zur Raison zwingen. Das palästinensische Volk hat ein Recht auf ein eigenes Staatsgebiet. Frieden wird es nur geben, wenn auch Israel einer Zweistaatenlösung zustimmt. Ohne die Unterstützung der USA ist Israel nicht in der Lage, derartige Kriege zur Sicherung der eigenen Existenz zu führen. Also hat sich das Land selbst Trump zu beugen.

Weil der Fokus politisch, aber auch medial eindeutig auf die beiden Konfliktherde ausgerichtet ist, geht ein Thema unter: die laufende, unaufhaltsame Zerstörung der Umwelt. Die Flutwelle im Gebiet um den Guadalupe River im Kerr County in Texas, bei der über 100 Menschen umkamen, darunter viele Kinder, gegen 200 noch vermisst werden, erschreckte auch Trump. Zuerst gab er die Schuld Biden, obwohl er selbst im Bereich Wetterüberwachung und -forschung erst kürzlich Leute entlassen liess. Mit dem Klimawandel hat das aus seiner Sicht eh gar nichts zu tun. Was oder wer öffnet ihm die Augen? Sind es noch grössere Katastrophen, was man ja nicht wünschen sollte, die ihn einsichtig werden lassen könnten? Oder was sonst? Sicher nicht die Wissenschaft. An der zweifelt er so oder so.

Man kann dagegen halten: Auch beim Bergsturz in Blatten sind die Experten zögerlich. Ist es tatsächlich die Klimaerwärmung, die den verheerenden Bergsturz auslöste? Eines ist sicher: Nicht nur die Wissenschaft vermag ein Umdenken auszulösen. Es brauchte die eigene Erfahrung. Der Chemiker und Wasserexperte Klaus Lanz sagte im Interview mit dem Magazin des Tagesanzeigers: “Wir wandern mit der ganzen Schweiz in eine andere Klimazone, nach Mittelitalien. Tatsächlich: in Zürich war es in den Juni-Tagen genau so heiss wie hier in der Toskana. Wir sind also schon in der andern Klimazone angekommen. Ob es Trump glauben würde oder nicht.

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-