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Wofür wir kämpfen müssen

Wir seien auf dem Weg in die asoziale Gesellschaft, ja sogar in die selbstgewählte Einsamkeit*.  Oberflächlich spüre man dies, weil die Menschen sich kaum mehr gegenseitig öffnen und weil die Anzahl Hunde und Katzen statt jene der Kinder zunehmen würde. Die ältere Generation ist in einer Zeit aufgewachsen, wo die christlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften mit ihren Sitten und Traditionen die Welt prägten. Am herrschenden Brauchtum nahmen die meisten Menschen teil. Ja, es war, was sie Heimat nannten. Dostojewskis Wort «Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt» unterstützte Religionen. In den siebziger Jahren öffnete sich in der westlichen Welt das geschlossene religiöse Milieu. Spätestens seit Gerhard Pfister ohne grossen Widerstand die CVP in Mitte umtaufte, liess sich äusserlich erkennen, dass das C politisch nicht mehr repräsentativ ist. Nietzsches Spott, er würde gerne an den Erlöser glauben, wenn die Gläubigen einen erlösteren Eindruck machen würden, wurde inzwischen durch viele Skandale bestätigt. Noch immer werden Waffen gesegnet, welche für Spezialoperationen eingesetzt werden.

Es geht hier nicht um die Geschichte, vielmehr um die Frage, ob das Schwinden der religiösen Praxis und des Einflusses von Kirchen und Religionen in ein geistiges Vakuum führen? Das würde Dostojewski Recht geben und dem Nihilismus den Raum öffnen. Aber gibt es zwischen Gläubigen und Ungläubigen einen signifikanten Unterschied in der Moral? Dies darf bestritten werden, denn in religiös gesinnten Ländern gibt es ebenso Kriege wie in säkularen. Gute Menschen sind gut, böse sind schlecht, wie auch und warum auch immer. Ein schlechter Mensch, der sich religiös nennt, ist wohl noch schlimmer als einer, der sich nicht auf Gott beruft. Die Motive, warum ein Mensch an Gott glaubt oder nicht, sind individuell. Metaphysische Obdachlosigkeit befällt jenen, der sich auf der Erde nicht einzurichten weiss.

Hält das geistliche Band die Welt nicht mehr zusammen, stellt sich die Frage, was dem Menschen noch Halt gibt? Es ist die Verfassung eines Landes und das global über allen Landesrechten stehende Völkerrecht der Vereinten Nationen. Es schützt das internationale Öffentliche Recht zwischen den Staaten sowie die individuellen Menschenrechte. Da diese nicht mehr überall respektiert werden und sich das «Recht der Macht» der Stärkeren überall durchzusetzen beginnt, entsteht eine gewaltige Unsicherheit. Die UNO verfügt nicht über ein Gewaltmonopol, mit der sie das Recht erzwingen kann. Sie verfügt zwar über einen Appellcharakter und dieser ist nicht wirkungslos. Er lässt Mächte isolieren, wie zurzeit Russland und ganz allmählich auch Israel und den Iran.

Diktatorisch regierte Staaten propagieren bereits ein neues Völkerrecht: «Ihr habt ein Anrecht auf ein gutes Leben.» Der Kernsatz lautet: Panem et circenses, Brot und Spiele. Mit dieser Verheissung wären sie wieder bei den römischen Cäsaren, die sagten: «Wir garantieren für ein angenehmes Leben, aber mischt euch nicht in unsere Geschäfte ein.»

Den demokratisch regierten Völkern bleibt der Auftrag, für den Rechtsstaat und für die Freiheitsrechte zu kämpfen. Jede Diktatur lässt sich schon erkennen, wenn sie sie den Rechtsstaat auszuhebeln beginnt. Freie Menschen wissen, was auf dem Spiel steht, warum sie kämpfen müssen. Sie wollen in ihrer Lebensgestaltung möglichst frei sein, damit sie glauben dürfen, was sie glauben wollen.

*Birgit Schmid; NZZ 12. Juli 2025

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1 Kommentar

  1. Tagtäglich hört man das Klagen der Leute: Es ist alles so schlimm! Angst und Hoffnungslosigkeit macht sich breit und die Medien halten den Topf am kochen.
    Schlimm ist es für die Jungen, die glauben keine Zukunft mehr zu haben. Wir Alten mit Lebenserfahrung haben jetzt die Möglichkeit, sie zu beruhigen und Hoffnung zu vermitteln. Es gab eine Welt vor dem Internet und es gibt eine Welt, wenn sich das Neue etabliert hat und angemessen reguliert wird. Ich bin da zuversichtlich, denn der Mensch ist von seiner Natur her vernunftbegabt.

    Allerdings, der Zugang zu Bildung und sozialdemokratischen Grundregeln und deren Werte muss den von Unterdrückung bedrohten Menschen zuerst bewusst gemacht werden. Da sehe ich das Positive des Internets; es verbreiten sich ja nicht nur Lügen sondern auch Wahrheiten, für die es sich lohnt zu kämpfen. Es stimmt, die scheinbare Ordnung der Religionen und deren Verbreitung durch das fast ausschliesslich männliche Denken und Handeln, zum Nachteil der anderen Hälfte der Menschheit, der Frauen und Mädchen, hat das Leben über Jahrtausende geprägt. Die Mächtigen dieses Herrschaftssystems des Westens ist durch Kriege, Versklavung, Ausbeutung und Unterdrückung reich geworden. Der heute herrschende, ausufernde und in grossen Teilen unmenschliche Kapitalismus, nicht nur im Westen, ist das grösstenteils negative Ergebnis, genannt «Fortschritt».

    Donald Trump ist nur einer von vielen in der Geschichte, die Egoismus und Eigennutz als oberste Priorität ohne jegliche Scham und mit allen Mitteln propagieren und ausleben. Er wird seine Macht solange missbrauchen, wie die demokratisch regierten Länder ihn gewähren lassen. Je mehr Zugeständnisse, desto mehr Abhängigkeit und Unfreiheit. China lässt grüssen…

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