«Sagen, was ist», steht gross in der Eingangshalle des «Spiegels» in Hamburg. Daran werden alle, insbesondere die Journalistinnen und Journalisten erinnert, wenn sie das Redaktionsgebäude des deutschen Nachrichtenmagazins betreten und an die Arbeit gehen. Rudolf Augstein (1923-2002), der Gründer des »Spiegels», hat «Sagen, was ist»* zum Leitsatz seines renommierten Publikationsorgans erhoben.
Hand aufs Journalisten-Herz. Gilt der Satz über das Nachrichtenhaus in Hamburg hinaus? Zweifellos. Aber: Verschaffen wir, die Journalistenschar, dem Satz Nachachtung bei der Arbeit? Gerade jetzt, wo alles ins Wanken gerät, die universellen Menschenrechte, das Völkerecht marginalisiert werden, dem Recht des Stärkeren zu weichen haben.
Vergewissern wir uns. Täglich werden sie weltweit wiederholt: die Bilder aus Anchorage, Alaska. Trump erwartet ihn auf dem roten Teppich, mit Händeklatschen empfängt er den wegen Kriegsverbrechen angeklagten, deshalb zur Verhaftung ausgeschriebene Herrn aus Moskau. Lächelnd sitzt Putin anschliessend neben Trump in der Staatskarosse und beide verschwinden zum geheimen Gespräch. An der Medienkonferenz vor der Weltpresse erteilt er Trump eine Geschichtslektion über sein grossartiges Land, das hier beinahe an die USA grenze und einmal zu Russland gehörte. Dass Russland familiäre, spirituelle und moralische Werte hochhalte und er deshalb die Ukraine, die eh zu Russland gehöre, vor dem dekadenten Westen, seinen Nazis, den queren Menschen, den neoliberalen Ideologinnen zu schützen habe. Putin, der Beschützer mit Drohnen und Raketen. Trump dankte ihm für die Geschichtslektion. Selbst er blieb vage. Noch jetzt, zwei Wochen danach, wissen wir nicht, was war? Die Hundertschaft der Weltmedien griffen und greifen zu den Bildern und spekulieren. Statt «sagen, was ist», berichten sie über das Ereignis mit «sagen, was gewesen sein könnte».
Und die Geschichte setzt sich fort, jeden Tag. Die quälende Ungewissheit bleibt. Und wahr bleibt auch: «In einem Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer», wie das Originalzitat aus dem 1.Weltktieg lautet. Es ist jetzt die Hohe Zeit der Experten, der „Kremlologen“ (eine Bezeichnung aus der Zeit der UdSSR), der Kommentatoren, der Korrespondenten, aber auch der Besserwisser, der voreiligen Politiker, die sich zu profilieren versuchen. Das ist fatal. Putinversteher bleiben Putinversteher. Trumpversteher ebenso. Und sie sind vor allem in den rechten Parteien weltweit zu finden, auch in der Schweiz. Der Grund: Wir alle nehmen selektiv wahr, was wissenschaftlich erhärtet ist. Das heisst: Positionen, auch wenn sie nur im Ansatz mit unserer eigenen Haltung übereinstimmen, favorisieren wir und nehmen sie als die Wahrheit wahr.
Davon sind Medienschaffende nicht ausgeschlossen. Zwei Beispiele: Während Eric Gujer, NZZ-Chefredaktor, in seinem Leitartikel «Was in diesem Krieg zählt» nach allen Seiten austeilt und spekuliert, legt Andreas Ruesch, Auslandchef, in seiner aktuellen Recherche «Die Ukraine greift russische Erdölanlagen an» den Stand des Krieges dar, nach dem Leitsatz: Sagen, was ist. Markus Somm, Chef des Nebelspalters, weiss es genau. Im Club des Schweizers Fernsehens war er felsenfest davon überzeugt: «Die Ukraine wird den Krieg verlieren und wird die von Russland besetzten Gebiete an Moskau, an Putin letztlich abtreten müssen.» Punkt. Somm nickte und sah mit grossen Augen bedeutungsvoll seinen Worten nach. Keiner widersprach sofort und präzis.
Und wir? Achten wir doch darauf, wer sagt, was ist, und wer meint, sagen zu müssen, was könnte, was würde sein. Und dabei aufgrund der eigenen Wertvorstellungen frei interpretieren. Legen wir Wert auf Fakten. Beurteilen wir die Medien danach. Bleiben wir den «Experten» kritisch gegenüber; sie haben in den Medien oft fehlende Recherchen zu ersetzen, Minuten in Sendungen zu füllen..
*Der Inhalt des Satzes «Sagen, was ist» stammt ursprünglich von Ferdinand Lassalle (1825-1864), Sohn eines jüdischen Kaufmanns, Mitbegründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Nach ihm ist überliefert: «Es ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist.» Rosa Luxemburg (1871-1919), die polnisch-deutsche Aktivistin der Linken, hat zu ihrer Zeit daraus zur Augsteins Leitsatz gefunden: «Sagen, was ist.»

Sagen, was ist, nichts leichter als das:
Einem mit Haftbefehl angeklagten sehr reichen Kriegsverbrecher, Massenmörder, Kinder Entführer und grössenwahnsinnigen Charakterlump, wird von einem Kritik resistenten Lügner und nur von Geld und Macht gesteuerten Egomanen, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, der rote Teppich ausgelegt, als guten Freund beklatscht und mit einem langen Händedruck auf einem Militärflughafen in Alaska zum Gespräch begrüsst, um sich wieder einmal im Ukraine/Russlandkrieg zu einigen. Zeitgleich geht der völkerrechtswidrige Krieg gegen den souveränen Staat Ukraine und das Töten und Zerstören ungebremst und schonungslos weiter.
Was sind eigentlich die Grundsätze zum Weltfrieden und der internationalen Sicherheit der UN-Charta von 1945 noch wert? Haben die 193 verantwortlichen Staaten verlernt, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden und zu reagieren, bevor der Konflikt eskaliert?
Zum Thema Krisen kann ich die Sendung von SRF1 «Sternstunde Philosophie» vom vergangen Sonntag sehr empfehlen.
https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/globale-unordnung—krisen-ohne-ende?urn=urn:srf:video:a9ec668b-3197-4c7c-b3e9-91af50d15d14
Lieber schweigen als solchen BS von sich geben ist besser.
Deutsche Sprak, schwere Sprak
– nicht wahr, Herr Meier? Ausserdem ist Ihre Wortmeldung (wenn Sie betreffend «Bullshit» nicht konkreter werden) auch nicht mehr als Bullshit.
Sagen, was ist …
Sie, lieber Anton Schaller, Sie leisten sich noch den Luxus. Und wir hören noch zu, wir “Alte” beim Seniorweb. Jüngere interessiert es einfach nicht, lesen nur Kurzes, wenn überhaupt, und wissen gar nicht um die Existenz von SFR. Seit 2017, der ersten Präsidentschaft Trump, gibt es ganz offiziell neben den Fakten auch frei interpretierte Wahrheiten. Und das ist die aktuelle schweizerische Medienwelt: Guyer, Chefredaktor der NZZ spielt sich einmal mehr auf. Zitat: «Die Freude am kreativen Umgang mit der Sprache und an der journalistischen Zuspitzung ist stets erkennbar.” Rutishauser vom Tagi verwischt wie üblich die Spuren; man musss ihm zugestehen, er hat es geschafft, den Tagesanzeiger vom modernen Medium zur veritablen Blick-Konkurrenz umzugestalten. Die Weltwoche, seit Beginn 1933 die abonnierte Wochenzeitung unserer Familie, hat Putin-Verehrer Köppel definitiv kaputt gemacht und letztlich, der schlechteste Witz im Nebelspalter ist sein Chef Markus Somm. Auch eines unserer Abonnemente. Ich fürchte, wir erwarten einfach zu viel, zu viel an Eigenständigkeit und Format.
Herr Hans Thomas Weber, Sie unterschätzen den Einfluss von uns Alten. Mengenmässig haben wir mit ca. 20 % die 15-18-jährigen knapp überholt und wir werden jedes Jahr mehr. Unsere Stimme wird in Zukunft noch mehr Gewicht haben und wir sollten sie nutzen und uns in die heutige Gesellschaft einbringen. Sowohl für ein menschenwürdiges Alter und Sterben aber genauso für gesamtgesellschaftliche Anliegen einer freiheitlichen und sozialen Demokratie. Ich glaube an die Kraft der Gedanken, denn daraus entstehen unsere Taten.
Sagen was ist, ist kein Luxus, sondern gelebte Demokratie und gerade in Krisenzeiten absolut notwendig. Ich hoffe, es gibt diese ehrlichen und mutigen Menschen wie Anton Schaller noch lange, denn wir können uns mit Ihren Überlegungen auseinander setzen und unseren eigenen Weg finden, die Welt etwas besser zu machen, denn auch wir haben Verantwortung für unsere Gesellschaft und darüber hinaus.
Genau davor fürchte ich mich. Dass in Zukunft die Alten immer mehr Gewicht haben sollen auf dem Weg in die Zukunft. Die Zukunft ist vorne, Frau Mosimann, die Zukunft, an die ich in den 60er-Jahren glaubte. In den vergangenen sechs Dezennien hat sich auch meine politische Haltung verändert. Trotzdem, noch nicht bis zu Mitte. Ennet dieser Mitte neigen reifere Mitmenschen eher nach Beständigem. Dort finden sie Verbündete bei starken Wirtschaftsführern, andere Verbündeten stehen in den Nebenkapellen der Kirche. Allerdings sind diese Bewahrer ungeeignet, unser Land in die Zukunft zu führen.
Wenn Sie als Anliegen ein menschenwürdiges Altern und Sterben nennen, kann ich Ihnen versichern, nirgends auf der Welt wird so viel Gutes erreicht wie in der Schweiz. In meiner zweiten Heimat ringt das Parlament seit Jahren um eine Mindestlösung, exit.ch gestattet auch Auslandschweizern die Mitgliedschaft.
Die Auseinandersetzung mit der gelebten Demokratie verlangt nach Engagement, ist wichtiger als der Fussball, der SUV, die Street Parade, das Shoppingweekend in London. Demokratie verlangt nach Interesse an der gesamten Umwelt, an der Gemeinschaft und das soziale Zusammenleben mit den Menschen, auch über allen Grenzen. Das verlangt nach Respekt und Verantwortungsbewusstsein. Mir ist der Glaube abhandengekommen, es bleibt die Hoffnung