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Ungebetene Sommergäste – die Wespen

Wespen haben einen schlechten Ruf. Wenn wir im Sommer draussen essen und plaudern wollen, fliegen – nebst anderen Insekten – Wespen herbei, als wäre unser Gartentisch ihr Buffet, an dem sie sich nach Belieben bedienen dürften.

Was Insekten angeht, scheint es, dass wir Menschen noch egoistischer reagieren als bei anderen Lebewesen. Wir vertreiben sie rigoros. Bei Wespen wie bei Bienen ist die Angst, gestochen zu werden, ernst zu nehmen, bei Bienen noch mehr als bei Wespen. Wer auf Wespen- bzw. Bienengift allergisch reagiert, muss alle Vorsichtsmassnahmen treffen, um nicht gestochen zu werden.

Bienen töten wir nicht gern, denn wir wissen, wie nützlich sie sind. Bienengift, richtig angewendet, kann sogar ein Heilmittel sein. Hier geht es aber um die Wespen. Dass auch Wespengift als Heilmittel genutzt wird, habe ich noch nie gehört. Wespen stechen allerdings weniger als Bienen, nämlich nur wenn sie sich stark bedroht fühlen.

Bienen stechen schneller als Wespen

In diesem Sommer haben sich Wespen in einer Ecke meines Balkons eingenistet – ungebeten selbstverständlich und zunächst unbemerkt. In der hintersten Ecke meines Balkons stand ein schönes Stück Holz aus dem Emmental, das ich vor langen Jahren geschenkt bekommen hatte. Da es sommers wie winters draussen stand, verwitterte es langsam, von aussen kaum sichtbar. Aber es wurde leichter und rissiger. In diesem Frühjahr bemerkte ich, dass ein paar Insekten stets zielgerichtet darauf zu flogen. Das freute mich, denn ich dachte, so hat das Holz noch einen praktischen Nutzen. Wie Wildbienen sahen diese Insekten aus, kleiner als Honigbienen, dunkelbraun, unscheinbar.

Von Ende Juni an änderte sich das. Nun waren es Wespen, die eifrig hin und her flogen. Ein paar Wochen später waren es sicher zwanzig Wespen. Obwohl ich nicht wirklich Angst vor ihnen hatte, wollte ich sie vertreiben und warf das Stück Holz mit Schwung in das dichte Gebüsch vor meinem Balkon. – Ich wollte nicht, dass meine Gäste wegen der Wespen nicht wagten, auf dem Balkon zu sitzen. Meine Überraschung war gross: Die Wespen hatten nicht im Holz genistet, sondern in einem Loch in der Ecke, wo vor Jahren einmal ein Kabel eingezogen worden war.

Bienen und Wespen stehen unter Naturschutz

Da hatten sie sich nun regelrecht eingerichtet, während ich fast nichts tun konnte, um sie zu vertreiben. Sie zu töten, kam aus verschiedenen Gründen nicht in Frage. Gift ins Loch sprühen – nie! Wespen sind – wie Bienen – geschützte Insekten. Sie mit verschiedenen Sprays zu vertreiben, half nichts. Ätherische Öle mögen Wespen nicht. Eine Mischung aus Wasser, Geschirrspülmittel und Teebaumöl war mir empfohlen worden, half jedoch nur kurz. Die Wespen wurden sehr unruhig, aber nur für einen Moment. Sobald der Spray getrocknet war, flogen sie wieder geschäftig ein und aus. Erst im Herbst, wie ich gelesen hatte, wenn die Wespenkönigin stirbt, werden auch alle anderen Wespen in alle Richtungen wegfliegen.

Dieser farbenfrohe Vogel, ein Bienenfresser, in Afrika beheimatet, frisst auch Wespen.

Das Sinnvollste, was ich tun konnte, war, ihr Verhalten zu beobachten. Sie verhielten sich mir gegenüber überhaupt nicht aggressiv. Nur einmal, als ich mit meinem selbstgemachten Spray kam, stach mich eine Wespe, quasi im Vorüberfliegen. Ich wusste, dass ich nicht allergisch darauf reagierte, und ertrug das Beissen und Kribbeln. Aber sonst fliegen sie einfach um mich herum, sodass ich manchmal das Gefühl habe, sie wollten einfach wissen, ob ich die Person sei, die sich immer mal wieder auf diesem Balkon aufhält. – Aber wem sonst konnte ich das zumuten?

Wespen haben nach meiner Beobachtung einen starken Zusammenhalt in ihrem Volk. Sie erkunden auch die Umgebung ihres Nestes genau. Immer wieder sehe ich Wespen langsam die Wand hinauf- und hinunterfliegen. Und als ich meinen Spray einsetzte, flogen die anwesenden Wespen zwar aufgeregt weg, aber ich hatte das Gefühl, dass dreimal so viele herbeiflogen, um den anderen beizustehen.

Wie dieses Nest im Loch aussieht, ist selbstverständlich unmöglich zu beschreiben. Als Kind konnte ich einmal beobachten, wie eine Wespe neben unserem Küchenfenster ein Nest baute. Wir wohnten unter dem Dach, das Küchenfenster war in die Schräge eingebaut und stand bei warmem Wetter immer ein wenig offen. Das genügte der Wespe: Ihr Nest schien aus einer grauen papierartigen Masse zu bestehen: eine nach unten offene, fragile Halbkugel. Dahinein baute die Wespe ein paar kleine Zellen für die Eier. Vernünftigerweise beseitigte meine Mutter das Nest in diesem Moment, denn eine Wespenfamilie in unserer Küche – unmöglich. Für mich, damals vielleicht 10 Jahre alt, war es eine spannende Beobachtung.

Kann man mit Wespen kommunizieren?

Seitdem betrachte und behandle ich Wespen mit Respekt. Wenn sie sich im Herbst in meine Wohnung verirren, bin ich überzeugt, dass sie den Weg nach draussen leichter finden, wenn ich entschlossen in die entsprechende Richtung zeige und – Sie mögen mich für verrückt halten – wenn ich sage «zurück» oder «höher» oder einfach «nein». Jedenfalls gelingt es schneller, eine Wespe hinauszukomplimentieren als eine Biene oder eine Fliege.

Spätestens im Winter sind alle Wespen ausgeflogen, darin stimmen alle Wespenkundigen überein. Dann muss das Loch definitiv fachgerecht gestopft werden.

Alle Bilder: pixabay.com

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