Die Wanderausstellung «Cicely Saunders – du zählst, weil du bist» macht einen Zwischenhalt in Zürich. Wir lernen die faszinierende Cicely Saunders kennen, die den Umgang mit unheilbar kranken und sterbenden Menschen grundlegend veränderte.
Mit Palliative Care wird die Pflege und Betreuung von Menschen mit einer unheilbaren, lebensbedrohlichen und /oder chronischen Krankheit bezeichnet. Ziel von Palliative Care ist es, für eine möglichst hohe Lebensqualität für Betroffene und ihre Angehörigen in dieser sehr schwierigen Lebensphase zu sorgen.
An der Vernissage vom 2. September in der Predigerkirche Zürich zeichnete die Fachexpertin für Cicely Saunders, Pfarrerin Dr. Martina Holder-Franz, den erstaunlichen Lebensweg von Cicely Saunders nach.
Blick in den ersten Teil der Ausstellung in der Predigerkirche
Cicely Saunders wurde 1918 in einem Aussenbezirk von London geboren und wuchs mit ihren zwei Brüdern in einer nicht gerade harmonischen Familie auf, so dass sich Cicely als Kind oft allein fühlte und sich fragte «Wo ist mein Platz?» Nach dem Besuch verschiedener Schulen und Internate studierte sie von 1938 -1940 Politikwissenschaft, Philosophie und Wirtschaft, brach das Studium 1940 angesichts der Kriegswirren aber ab und machte eine Krankenschwesternausbildung. Nach dem Diplom wurde ihr wegen eines Rückenleidens eine Umschulung empfohlen. So machte sie eine zweijährige Ausbildung in Sozialarbeit am St. Anne’s College in Oxford und arbeitete danach in einem Spital als medizinische Sozialarbeiterin. Auf Empfehlung eines Freundes studierte sie von 1951-1957 Medizin, um ihre Vision einer ganzheitlichen Pflege und Betreuung mit grösserer Durchsetzungskraft zu verfolgen.
Bei ihrer Arbeit im Bereich von Schmerzforschung und Palliative Care entwickelte sie das Total-Pain-Modell für die Palliative Care, ein Modell für den «totalen Schmerz», der physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Schmerz umfasst. Danach sind bei der Schmerzlinderung alle vier Dimensionen zu berücksichtigen, um bei unheilbaren Krankheiten und im Sterbeprozess eine bestmögliche Lebensqualität zu erhalten.
Total Pain-Modell von Cicely Saunders
Beispiele für physischen Schmerz sind etwa körperliche Symptome oder Beschwerden durch Erkrankungen, Nebenwirkungen von Therapien, Komorbiditäten.
Psychische Schmerzen können durch Angst, Scham, Depression, Trauer, Wut, Stress entstehen.
Soziale Schmerzen können mit Rückzug/Isolation, Einsamkeit, Rollenverlust, Belastung der Angehörigen, finanziellen Problemen zusammenhängen.
Spiritueller Schmerz kann entstehen durch Identitätsverlust, Sinnverlust, Glaubenskrisen, keine Antwort auf Warum-Fragen, Aussichtslosigkeit, Schuld usw.
Für Cicely Saunders war schnell klar, dass Schmerztherapie für die vier Dimensionen des Schmerzes interprofessionell und unter Einbezug von Angehörigen und Freiwilligen zu vollziehen ist. Dazu stellte Seniorweb Martina Holder an der Vernissage drei Fragen:
Seniorweb: Ist der ganzheitliche Palliative Care-Ansatz von Cicely Saunders durch die Institutionalisierung, Medikalisierung und Ökonomisierung des Sterbens und des Todes nicht bedroht?
Martina Holder: Diese vier Dimensionen haben sich mit der Eröffnung des St. Christopher’s Hospice in London, also nach 1967, als Säulen von Care auch in anderen Bereichen durchgesetzt, etwa in der Pädagogik und Psychologie und in der Care-Arbeit im Gesundheitswesen generell. Aber bedroht war der ganzheitliche Ansatz schon zu Zeiten von Saunders. Deswegen hat sie unermüdlich die Berücksichtigung der Biographie, der Werte, der Spiritualität, des Glaubens, der Identitätsvorstellungen von unheilbar kranken Menschen gefordert und ist gerade dadurch eine unvergessliche Pionierin geworden. Insbesondere geht es in der Sterbensphase um die wichtigen Fragen «Woher komme ich?», «Wer bin ich?», «Wohin gehe ich?» Und das lässt sich weder in der Medizin noch mit ökonomischen Gesichtspunkten beantworten.
Dr. theol. Martina Holder-Franz, Pfarrerin und Bildungsverantwortliche Palliative Care, Reformierte Kirche Aargau
Sie sagen, Saunders’ vier Dimensionen von Palliative Care sind auch massgebend für die Care-Arbeit überhaupt. Aber müsste da nicht auch die finanzielle Entschädigung im Gesundheitswesen stärker auf die psychosoziale und spirituelle Betreuung und Begleitung ausgeweitet werden?
Da haben Sie recht. Auch für die psychosoziale und spirituelle Care-Arbeit braucht es mehr Finanzen. Damit würden diese nicht medizinischen Dimensionen der Care-Arbeit auch von politischer Seite her als sinnvolle Care-Arbeit anerkannt. Das ist immer noch eine Forderung an die Politik. Zudem brauchen auch die medizinisch Pflegenden für die Begleitung in den letzten Wochen und Monaten mehr Zeit. Deswegen braucht es einen besseren Personalschlüssel in der letzten Lebensphase.
Ich biete für professionell Pflegende und auch für Freiwillige Bildungsmodule in Spiritual Care an, damit auch diese wichtige Säule der Lebensqualität in der Sterbephase zum Tragen kommt.
In Ihrem Buch und in Ihren Ausführungen heute wird klar, dass Cicely Saunders aus einem christlichen Hintergrund wirkte und daraus Kraft und Motivation schöpfte. Nun haben die Kirchen in der heutigen Zeit einen schweren Stand und viele Babyboomer sind nach eine Religionskrise aus der Kirche ausgetreten. Muss Spiritual Care nicht unabhängig von Religionen und Konfessionen tätig sein?
Die Palliative Care – Vision von Saunders hat von Anfang an Religion und Konfession transzendiert. Sie hat immer gesagt, dass Leiden und die Überwindung des Leidens alle angeht, unabhängig davon, welcher Religion sie sich zugehörig fühlen oder ob sie Atheisten sind. Dass Glaubensdimensionen, Rituale oder Praktiken für Gläubige bestimmter Religionen zur Linderung des Leidens beitragen können, wurde vielfälitig untersucht. Dies war auch für Saunders wichtig. Jeder Mensch und jedes Leben ist einzigartig und hat deshalb auch eine besondere Spiritualität, die oft nicht in ein Schema oder mit einer Religionszugehörigkeit gleichzusetzen ist. Das ist Palliative Care wichtig, der Respekt vor jeder Person, unabhängig von einer bestimmten religiösen Orientierung.
Besten Dank, Martina Holder-Franz
Zum Schluss einige Zitate von Cicely Saunders aus der Ausstellung:
«Bei mentalem Stress ist ein Mensch, der wirklich zuhört, oft das Beste.»
«Einsamkeit ist nicht in erster Linie eine Sache von ‘allein Sein’, sondern von ‘nirgends dazu zu gehören’.»
«Wahre spirituelle Hilfe entsteht aus Beziehungen.»
«In der Hospiz- und Palliative Care-Bewegung erfahren die Sterbenden, dass sie Teil unserer Menschheitsfamilie bleiben und als solche respektiert werden.»
«Es geht am Ende des Lebens nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.»
«Wir finden Sinn im Leben durch die Liebe und die fürsorgliche Begleitung einer anderen Person.»
«Wir dürfen nie die sterbenden Menschen zu raschen Entscheidungen drängen, bevor sie selbst nicht dazu bereit sind.»
«Die sterbenden Menschen haben uns viel zu lehren.»
Nach ihrem mit Begeisterung aufgenommenen Vortrag erhielt Martina Holder einen Blumenstrauss von den Verantwortlichen der Fachstellen Palliative Care der reformierten und der katholischen Kirche des Kantons Zürich, Carola Jost und Daniel Burger.
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Titelbild: Cicely Saunders (1918 -2005): Pionierin der modernen Palliative Care und unermüdliche Kämpferin für einen ganzheitlichen Care-Begriff. (Alle Fotos von bs)
Website zur Wanderausstellung mit Hinweisen zu Ausstellungsorten
Buch von Martina Holder-Franz: «…dass du bis zuletzt leben kannst.» Spiritualität und Spiritual Care bei Cicely Saunders. Theologischer Verlag Zürich 2012.

Schöner Artikel von Beat Steiger, vielen Dank für das Interesse und die Unterstützung dieser wichtigen Arbeit!
Danke für den Artikel!
Carola Jost
An jedem Hospiz Bett, ob stationär oder ambulant zu Hause, erlebe ich diese Wichtigkeit, sich ganz diesen Menschen wahrzunehmen, zuzuwenden. Ja der Schmerz ist wirklich vielfältig, kann nicht einfach mit besänftigenden Medikamenten beruhigt werden. Diesen vielfältigen Schmerz mit all seinen Facetten wahrzunehmen, dafür da zu sein, fordert die Angehörigen, Pflegenden, kräftemässig innerlich und äusserlich.
Vielen Dank «Total Pain-Modell von Cicely Saunders» uns ins Bewusstsein neu einzubringen.