StartseiteMagazinKulturIm Winter beim Schwimmen dem Tiger begegnen

Im Winter beim Schwimmen dem Tiger begegnen

Eine Verslegende nennt die deutsche Schriftstellerin Marion Poschmann ihr schmales Buch «Die Winterschwimmerin», bei Suhrkamp vor kurzem herausgekommen. Was von körperlicher Abhärtung zu handeln scheint, entwickelt sich zu einer tiefgründigen Erzählung in Versen.

Ein wenig verrückt ist die Geschichte, und wagemutig die junge Frau Thekla. Sie schwimmt gern, wenn die Nachtfröste Kühle bringen: «Kälte hat eingesetzt. Klarheit. / Das Wasser ist schwarz.» Schon nach einer halben Seite erkennen wir die Besonderheit dieses Textes: Er ist aufs äusserste verdichtet – Dichtung im wahrsten Sinne des Wortes -, zugleich vollkommen klar und leicht lesbar.

Wir erfahren, dass Thekla das Schwimmen im eisig kalten Wasser von Paula, ihrer Freundin, gelernt hat, und diese wiederum hat es von ihrer Grossmutter Chris, die den Kanal durchschwommen hat, eine ausserordentliche Leistung, die sich wenige zumuten. Für Thekla geht es nicht um einen Rekord, sie braucht keine modernen Hilfen wie Neopren oder eine Fettschutzschicht. Denn wenn man im Herbst nicht aufhört zu schwimmen, erlebt man
«im Winter ein Wunder:
Der Körper passt sich an kalte Umgebungen an.»
Und wenig später lesen wir:
«Die dünne Decke des zivilisierten Verhaltens
gab umstandslos nach wie die erste zarte Eisschicht
auf einer Pfütze im Herbst.»

Damit ist über das Physische schon genug gesagt, über den Körper, der für das Schwimmen, für das Überleben im kalten Wasser, trainiert sein muss. Um die Wahrnehmungen der Schwimmerin wird es gehen, um Selbsterkenntnis, um Selbstbeobachtung in unerwarteten, ja sogar gefährlichen Situationen und auch um Selbstvertrauen in ungewöhnlichen Momenten. Thekla durchbricht alte Alltagsmuster.

Das Eis aufbrechen – alte Gewohnheiten aufgeben

Marion Poschmann, die Dichterin, bringt dafür einen Tiger ins Spiel. Der Tiger durchbricht das Gitter, das seine Freiheit einzwängt. Er ist Katalysator, Spiegel, Bedrohung – und spendet Kraft und Sicherheit. So heisst das erste Kapitel «Den Tiger suchen», ein späteres «Den Tiger träumen», «Dem Tiger begegnen» und schliesslich «Den Tiger zur Seite wissen». Um Thekla und den Tiger kreist diese Verslegende – aber auch um die Welt von heute, um das Unverständnis vieler Menschen für Magisches.

Ein Tiger erkundet die ungewohnte Freiheit

Wir können uns dem Verlauf der Dichtung anvertrauen, die Bilder wie in einem Film aufnehmen und nach und nach erfassen, was die junge Frau erlebt, wie sie ihre Umgebung wahrnimmt, die Ostseeküste und die Menschen am Strand, wie sie sich dem Tiger gegenüber verhält. Und wie sie mit dem Zug zurück in die Stadt fährt, in der sie lebt. Wie raffiniert Marion Poschmann dichtet, zeigt die Passage, als Thekla aus ihrer Welt mit dem Tiger wieder zurückkehrt in die Alltagsrealität:
«Dann kommt der Schaffner,
und der Tiger schafft es.»
(er verschwindet)
«. . . Ticket reichen.

Der Schaffner scannt, sie lächelt eisig weiter.»
Ohne Aufhebens ist er weg, der Tiger. Er gehört in eine andere Welt.

Darauf folgt ein eingeschobenes Kapitel «Schattentagebuch», in dem die Autorin – Thekla – darüber nachdenkt, welche Bedeutungen das Wort «Mut» in der deutschen Sprache besitzt: Es sind 23 Begriffe, von Langmut bis Freimut, dazwischen Unmut, Anmut, Wankelmut. Ein buntes Kaleidoskop von Begriffen der alltäglichen und der gehobenen Sprache. Nach den Tigerkapiteln, in denen Wagemut nicht fehlen durfte, ist dies ein Innehalten, ein Aufatmen. Wer in Sicherheit im Zug sitzt, kann seinen Gedanken gefahrlos nachhängen.

Tummo – eine alte Weisheitsmethode, nicht zu erfrieren

Wer sich lieber zuerst in das Thema einlesen möchte, dem sei das Nachwort empfohlen: «Quellen» nennt es die Autorin, denn sie hat sich inspirieren lassen: In den zur Bibel gehörenden Apokryphen finden sich die Akten des Paulus und der Thekla aus dem 2. Jahrhundert. Marion Poschmann fasst den Inhalt dieses Textes kurz zusammen. Thekla, eine junge Frau, mit den Predigten von Apostel Paulus bekannt, gerät in Lebensgefahr, wird wilden Tieren vorgeworfen, die sie aber nicht fressen wollen, und wird zu einer starken Frau, die als Heilerin und Lehrerin wirkt, für eine Frau damals eine unerhörte Entwicklung.

Diese frühchristliche Erzählung hat Paul Heyse im 19. Jahrhundert zu einer Versnovelle verarbeitet. Poschmann charakterisiert dessen literarisches Werk. Dabei erkennen wir, dass Poschmann selbst eine andere, eine neue Thekla geschaffen hat. Zuletzt nennt sie Goethes Novelle, in der nach einem Brand ebenfalls wilde Tiere ausgebrochen sind, von denen eines durch den beschwörenden Gesang eines Kindes besänftigt wird.

Die Quellen erklären nicht die vorliegende Verslegende. Wer sich mit den fantastischen Wendungen dieser Dichtung nicht gut zurechtfindet, dem kann es dienen, sich darüber zu informieren, woher dieses Thema stammt.

Um sich an dieser kunstvoll erzählten Dichtung zu erfreuen, braucht man das Quellenkapitel nicht. Die Klarheit und Schönheit der Sprache und der Bilder, die raffinierte Verknappung des Textes sprechen aus sich selbst. Dazu können uns die eigenen Assoziationen durch den Text tragen, als würden wir im Meer schwimmen.

Marion Poschmann: Die Winterschwimmerin. Verslegende. Suhrkamp Verlag 2025.
80 Seiten  ISBN 978-3-518-43235-8


Marion Poschmann liest am Sonntag, dem 23. November 2025 in Bern, Zentrum Paul Klee
Moderation: Tabea Steiner


Titelbild und Foto mit Schwimmerin: pixabay.com

 

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