«O’zapft is!» hiess es am Samstag in München . Das 190. Oktoberfest wurde exakt um 12 Uhr mittags eröffnet. Es dauert noch bis zum 5. Oktober. Doch die 16 Tage auf der «Wiesn» sind mehr als ein kollektives Besäufnis. Das Volksfest vereint Tradition und Gemütlichkeit, genau wie das Zürcher Sechseläuten, der Berner Zwiebelmarkt oder die Basler Fasnacht auch.
Bereits in der U-Bahnstation Theresienwiese erhalten wir einen ersten Eindruck vom Ausmass der Organisation und der Sicherheitsvorkehrungen: Dutzende von Stewards in gelben Jacken stehen Spalier und trennen die Ankommenden von den Abreisenden. Massen von Menschen drängen sich über Rolltreppen und Stufen ans Tageslicht. Oben angekommen, weisen uns uniformierte Polizeibeamte zum Eingang. Insgesamt sollen täglich 600 Polizisten im Einsatz stehen.
Für den Zutritt zum grossen Festgelände wird kein Eintrittsgeld verlangt, doch müssen wir vorher eine Sicherheitskontrolle über uns ergehen lassen. Alle Besuchenden werden gebeten, ihre Rucksäcke und Taschen zu öffnen. Gesucht wird nach Waffen, Stellmessern und Sprengstoff. Wer eine Glasflasche mitbringt, muss diese vor dem Betreten der Wiesn entsorgen.

Nun öffnet sich für uns das angeblich «grösste Volksfest der Welt». An Bierzelten und Verkaufsständen vorbei spazieren wir zu den Bahnen. Von den über 130 Schaustellerbetrieben, die auf der Wiesn vertreten sind, haben rund 90 Prozent ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Sie verkörpern lebendige Schaustellertradition: vom Kettenkarussell über die Hightech-Achterbahn bis zum Klassiker, dem Toboggan. Besonders beliebt sind das Riesenrad, das Teufelsrad und der Wellenflug.
Punkt 12 Uhr zapft Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) im Schottenhamel-Festzelt das erste Bierfass an und eröffnet damit das 190. Oktoberfest offiziell. Kameraleute, Fotografen und Reporter drängen sich um die Bierbank. Wie schon in den vergangenen Jahren braucht Reiter nur zwei Schläge, um den Zapfhahn ins Bierfass zu treiben.

Zehn Minuten vor dem Anzapfen haben der Oberbürgermeister und seine Frau Petra das Schottenhamel-Festzelt betreten, begleitet von der Münchner Stadtwache in historischer Uniform – und gefolgt von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sowie dessen Frau Karin Baumüller-Söder. Beide Paare werden von den mehr als 6000 Besucherinnen und Besuchern mit Jubel begrüsst. Buh-Rufe hört man an diesem Tag keine.
Kaiserwetter fördert Bierkonsum
Draussen herrscht Kaiserwetter. Das Thermometer steigt bis auf 31 Grad Celsius, was das Geschäft belebt: Durstige Kehlen trinken Bier, essen knusprige Brezn, süsse Mandeln oder bestellen ein halbes Hendl. Leider fordert die Hitze schon bald erste Opfer, die in der festeigenen Klinik behandelt werden. Gegen Abend melden die Medien einen Todesfall. Eine Schaustellerin soll einen Herzinfarkt erlitten haben. Bis am Abend zählen die Sanitäter 500 Einsätze.
Für 18 Uhr haben wir im Hofbräu Festzelt Plätze in einer Box reserviert. Auf der Speisekarte stehen Bauern-Ente, Spareribs, Schweinhax’n und Wiener Schnitzel. Ich entscheide mich für ein halbes Hendl. Bezahlt wird mit vorab gekauften Coupons. Eine Mass Bier kostet 15 Euro. Ein stolzer Preis, der sich allerdings relativiert, wenn ich an die Schweizer Restaurantpreise für Flaschenwein denke. Flugs bringt uns die Kellnerin das Bestellte und nimmt am Nebentisch weitere Wünsche entgegen.

Hohe Beachtung geniesst im Festzelt die Sicherheit. Schwarz gekleidete Bodyguards beobachten das Geschehen, schreiten bei Konflikten sofort ein und schmeissen betrunkene Gäste raus. Viele Kellnerinnen werden von Kellnern begleitet, die als Aufpasser fungieren und verhindern, dass das Personal betascht oder bedrängt wird.

An der «Entsorgungsstation»
Zu einem besonderen Erlebnis wird (für mich) der Toilettengang: Ins Pissoir gehts rechts rein. An einer Blechrinne wird man von Mitpinklern sanft vorwärts geschoben, während man das Geschäft verrichtet. Bei der linken Tür gehts wieder raus. Vor der Damen-Toilette kommts zu langen Schlangen.
Auf dem Podium spielt derweil eine Kapelle Schlager. So alle zehn Minuten stoppt die Musik. Es folgt ein Tusch, den das Publikum – auf den Bänken stehend – mit Begeisterung mitsingt: Der Slogan «Ein Prosit der Gemütlichkeit!» ist der geselligen Atmosphäre alles andere als abträglich. Ausgelassen stossen wir mit Bekannten und Fremden an.

Eine Mehrheit der Wiesn-Besuchenden tragen eine Tracht: die Frauen fesche Dirndl, die Männer Lederhosen und weisse Hemden. Das Tragen eines Kostüms ist allerdings nicht vorgeschrieben. Auch mit Jeans und einem T-Shirt oder farbigen Hemd wird man eingelassen, ohne dass Konsequenzen oder ein Ausschluss drohen.
Bis zu 10’000 Plätze pro Zelt
Insgesamt stehen auf der Wiesn 14 grosse und 20 kleine Festzelte. Dazu kommen ein Weissbiergarten sowie vier weitere Bierzelte auf der Oidn Wiesn, einem exklusiven Areal, wo der Eintritt vier Euro kostet. Die meisten grossen Bierzelte verfügen über gut 6000 Sitzplätze im Innenraum – aufgeteilt auf ein Mittelschiff, Seitenboxen am Rand sowie die Galerien, bzw. Balkone. Das grösste von ihnen ist das Hofbräu Festzelt mit 7018 Plätzen innen und 3022 aussen, insgesamt also 10’040 Plätzen.
Die weiteren Zelte tragen traditionelle Namen wie Marstall, Fischer-Vroni, das Armbrustschützenzelt, die Schottenhamel-Festhalle (seit 2023), das Schützenfestzelt, die Käfer Wiesnschänke, das Weinzelt.
Der Ursprung des Volksfests

Das Oktoberfest gibts seit über 200 Jahren: Am 17. Oktober 1810 wurde als Teil der mehrtägigen Feierlichkeiten der Vermählung des Kronprinzen Ludwig und seiner Therese von Sachsen-Hildburghausen ein öffentliches Pferderennen vor den Toren der Stadt abgehalten. Der Ort des Rennens wurde kurz darauf zu Ehren der Braut in «Theresens Wiese» benannt und das Fest jährlich wiederholt. Bereits an der Erstausgabe nahmen 40’000 Menschen teil. Heute sind es jedes Jahr – auf 16 Tage verteilt – rund 7 Millionen. 2023 wurde mit 7,2 Millionen der bisherige Rekord verzeichnet
Das Oktoberfest ist mehr als ein Besuch auf der Wiesn. Viel beachtet sind auch die Umzüge. Am Eröffnungssamstag ziehen Wirte und Brauereien, begleitet von Spielmannszügen, aus der Stadt auf die Wiesn. Am Sonntag findet der farbenfrohe Trachten- und Schützenzug statt. Zehntausende säumen die Strassen.
Aktion gegen Food Waste
Im Lauf der letzten Jahre hat sich das Fest laufend verändert. Seit einiger Zeit ist eine «Oktoberfest-Playmate» mit von der Partie. Für Informationen über das Fest steht auf dem Smartphone ein «Brezn-Bot» zur Verfügung. Angesichts der gewaltigen Lebensmittelverschwendung macht die Aktion «United Against Food Waste» Sinn: Im grossen Stil werden unverzehrte Mahlzeiten gesammelt und angemessen wiederverwertet.

Beim Verlassen des Zelts müssen wir eine letzte Kontrolle über uns ergehen lassen. Angestellte halten Ausschau nach entwendeten Bierkrügen. Die leere Mass gehört dem Wirt. Wer ein gläsernes Souvenir mit nach Hause nehmen möchte, kann und soll dieses kaufen.
In der U-Bahnstation sorgen auch kurz vor Mitternacht aufmerksame Stewards dafür, dass sich Menschen nicht in die Haare geraten oder niemand unter einen einfahrenden Zug fällt.
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Das Oktoberfest 2025 in Zahlen
Dauer: 20. September bis 5. Oktober 2025
Besuchende: rund 7 Millionen (Rekord: 7,2 Millionen im Jahr 2023)
Betriebe 2025:
insgesamt: 803
zugelassen: 468
Warenverkauf: 170
Schaustellungen: 238
Gastro-Betriebe: 36
Grösste Festhalle (inkl. Garten): Hofbräu (9.991 Gastplätze)
Kleinster Gastro-Betrieb: Schiebl’s Kaffeehaferl (60 Gastplätze)
Das Festgelände
Oktoberfest-Areal: 34,5 Hektar, inklusive Oiden Wiesn mit 3,5 Hektar
Bierausschank: rund 7 Millionen Mass
Stromverbrauch (Betrieb): 2,8 Mio Kilowattstunden
Erdgasverbrauch: 165’000 Kubikmeter
Wasserverbrauch: 82’653 Kubikmeter
Müll: 802 Tonnen
Fundsachen: 3500
Bierpreis: Zwischen 14.50 Euro und 15.80 Euro für eine Mass.
Unter der Woche (Montag bis Donnerstag) ist das Oktoberfest von 10 bis 23.30 Uhr geöffnet, am Freitag und am Donnerstag, 2. Oktober wird eine halbe Stunde länger gefeiert. Samstags ist das Fest von 9 bis 24 Uhr geöffnet, sonntags von 9 bis 23.30 Uhr.
Eindrücke vom Oktoberfest in der folgenden Galerie: Fotos: PS

















Spannend und sehr informativ in Wort und Bild👍🏻